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Kurzbeschreibung

In »Aurora Borealis« fasst die junge, bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin Cornelia Travnicek neun Prosatexte aus drei Jahren zusammen. Formal sind diese Texte sehr unterschiedlich; ihre Stilmittel variieren zwischen „klassischen“ Kurzerzählungen, videoclip-ähnlich zusammengeschnittenen, fragmentarischen Beobachtungen und experimentellen, an die Technik des Stream of Consciousness erinnernden Texten. Inhaltlich dagegen gibt es durchaus eine Klammer, die diese Texte zusammenhält und die sich auch im Titel widerspiegelt: die Kälte. Erzählt wird von Menschen, die frieren und erfrieren: an der Einsamkeit, an der Unmöglichkeit der Liebe, an Vernachlässigung und am Verlust der Fähigkeit zur Kommunikation. Es sind düstere Texte, getragen von einer Stimmung des Scheiterns und der Vergeblichkeit aller Bemühungen, in einer kalten Welt nach einem kleinen, persönlichen Glück zu streben. Dennoch gibt es auch ein Element der Wärme, der Freundlichkeit - und das liegt in der Fähigkeit der Autorin, sich in ihre Figuren hineinzufühlen. Sie verleiht ihnen eine Stimme, lässt sie quasi selbst zum Leser sprechen, und zeigt so ihre inneren Verwüstungen auf, ohne sie dadurch zu diffamieren.


Rezensionen
Jelena Dabic:

„Niemand sagt Aurora Borealis, das sagst nur du.“ Tatsächlich ist „Nordlicht“ das eher gebräuchliche Wort für das Phänomen, das dem Erzählband seinen Titel verleiht. Und das ist nur die erste Überraschung, mit der das violette, stilvoll aufgemachte, fast bibliophile Bändchen aufwartet. Deutet das Coverfoto – eine Schneelandschaft – noch irgendwie einen Zusammenhang mit dem Nordlicht an, so wundert man sich, wenn man erfährt, dass die übrigen vier Schwarz-Weiß-Fotos in China aufgenommen wurden. Zu sehen sind verwahrloste Höfe, Schuppen, Rumpelkammern, das Interieur eines Landhauses – alles in Sommerlicht getaucht. Auf den ersten Blick vermutet man die Ansichten irgendwo in einer ländlichen Gegend in Österreich oder vielleicht im mediterranen Raum. Die Fotografin ist übrigens die junge Autorin selbst, die in Wien Sinologie und Scientific Computing studiert und also auch einen starken naturwissenschaftlichen Bezug hat.

Die nächste Überraschung ist die Vielfalt der neun Texte aus drei Jahren, sowohl in formaler Hinsicht als auch in Bezug auf ihre Themen und Settings. Während vier Erzählungen in der österreichischen Provinz angesiedelt sind – und diese auch in jeweils verschiedenen zeitlichen Kontexten und sozialen Milieus – ist der Handlungsort der letzten drei Geschichten einer biographischen Logik folgend Wien. Eine Erzählung spielt an einem Strand (am Mittelmeer?), die titelgebende Geschichte in Island. Bei allen Geschichten aus dem ländlichen Milieu zeigt Travnicek, Jahrgang 1987 und in Niederösterreich aufgewachsen, ein gutes Gespür für das unverkennbar Bäuerliche – vor allem für die Sprachlosigkeit dieser sozialen Gruppe. In „Brüderlein fein“, einer tragischen Geschichte um geschwisterlichen Inzest, scheint sich der Vater fast nur über Gesten mit seinen Kindern zu verständigen. Dies verstärkt die Erzählerin noch, indem sie den Text völlig ohne Dialoge belässt. In einem anderen Text wird der Leser wieder von der (aus dem allgemeinen Bewusstsein längst verdrängten) dörflichen Realität eingeholt: hier fährt sonntags kein Bus. Den beiden Kontexten entgegengesetzt ist die Erzählung „Celan sagt, im Spiegel wäre Sonntag“. Hier wohnt ein junges, gebildetes Paar (zumindest, was die Frau betrifft) irgendwo auf dem Land, vermutlich in einem geerbten Haus und kann scheinbar die Vorteile des Stadt- und des Landlebens verbinden. Ähnlich abgeschieden lebt auch das Paar in der Titelgeschichte irgendwo in der isländischen Provinz, in einem mehr als komfortablen Haus, in einem mehr als komfortablen, aber erstarrten Leben. Die Geschichten, die in Wien spielen, sind allesamt im proletarischen Milieu angesiedelt, mit all seinen Merkmalen. Auch hier erweist sich die Autorin als genaue Beobachterin von Details.

Gemeinsam ist den Erzählungen aber eins: das stille, für andere unsichtbare menschliche Leid in all seinen Variationen. Keine der Geschichten geht gut aus, in keiner zeigt sich die Möglichkeit einer positiven Entwicklung. Die Lebensumstände der Protagonisten dieser melancholischen oder erschütternden Geschichten sind sehr unterschiedlich und in ihrer Vergeblichkeit doch sehr vergleichbar. Beachtlich ist dabei vor allem, dass die 22-jährige Autorin sich nicht etwa auf das Erleben ihrer Altersgruppe beschränkt, sondern sehr souverän die Perspektive eines dementen alten Mannes oder eines gutgläubigen fünfjährigen Mädchens wiedergibt. Einmal ist es die Vereinsamung und das Wunderlichwerden im Alter, dann wieder das kindliche Vertrauen, das missbraucht wird: dem Mädchen wird gerade sein Brav-Sein zum Verhängnis.

Genauso gut kann sich die Autorin in die Lebenswelt eines Jugendlichen versetzen, der den Schock über den möglichen Drogentod seiner neuen Freundin mit sich trägt, bis er seinen Zorn auf sich selbst nur an seiner sanften, überarbeiteten, allein erziehenden Mutter auslassen kann. Berührend ist auch die Geschichte einer jungen Fabriksarbeiterin, in deren einsames, gleichförmiges Leben ein russischer Asylwerber ein bisschen Wärme und sogar Poesie bringt, aber ihre Liebe kann er dennoch nicht erwidern.

Besonders interessant – und in zwei Geschichten bearbeitet – ist das Motiv der erstarrten, routinierten, reizlos gewordenen Liebe. Die Worte, die Travnicek dafür findet, sind mehr als treffend: „Die Geschichten, die du mir erzählst, kenne ich schon, oder ich weiß von vornherein, wie sie enden“; „An manchen Tagen finde ich dich hübscher als an anderen. Heute ist ein anderer“; „Du sagst, du liebst mich, aber das sagst du oft“. Auch das Wissen um die Unzulänglichkeiten des Partners („Du trinkst Bier am Heiligabend“) und der wiederholte Wunsch nach jemand ganz anderem lassen die (jeweils weiblichen?) Protagonisten in ihren Beziehungen verharren, ja diese sogar verfestigen. Besonders genau beobachtet Travnicek die eitle Perversion einer jeden Sehnsucht: „Ich liebe dich, wenn du mir fremd bist, auf den Bühnen in den Städten“, „Ich liebe es, dich zu vermissen, und ich liebe es, wenn du nicht anrufst“. In der Island-Geschichte gesellt sich zur fast schon ans Absurde grenzenden Isolation zu zweit noch der drängende Kinderwunsch des Mannes, der offensichtlich durch eine Fehlgeburt oder Abtreibung hervorgerufen wurde, aber von der Frau keineswegs geteilt wird: „Du sagst, du möchtest ein Kind, das so wäre wie du, und ich sage dir, wie wahnsinnig du bist“. Auch hier liefert die Autorin eine ganze Reihe von sehr guten (und sehr reifen) Bemerkungen zum Thema Zusammenleben: „Wir werden zu zweit gehen, weil das im Endeffekt immer leichter ist.“

Nicht zuletzt beherrscht Travnicek auch verschiedene Formen ganz souverän. Manche Geschichten sind mehr oder weniger traditionell erzählt, andere weisen Elemente experimentellen Schreibens auf: Kleinschreibung, keine Interpunktion, abgebrochene und später wieder aufgenommene Sätze. In beiden Fällen entscheidet sich die Autorin fast immer für das Präsens, was die Erzählungen besonders unmittelbar wirken lässt. Die experimentellen Texte entwickeln einen Sog; die Spannung, die im Inhaltlichen aufgebaut wird, wird durch die atemlose Aneinanderreihung von Sätzen und Satzteilen noch verstärkt. In all diesen Texten kommen als Verfahren der innere Monolog und die erlebte Rede zum Einsatz, stets aber in Kombination mit einer Erzählerinstanz. Das Rhythmisch-Melodische ist aber auch in den anderen Texten durchaus spürbar, an manchen Stellen geradezu vollendet: „Mozarts Requiem zerfällt im Regen zu einzelnen Tönen, die sich im Schlamm auf dem Weg wiederfinden, getreten von den Füßen der Masse aus Mänteln und Schirmen in Schwarz.“

„Aurora Borealis“ ist Travniceks erste Buchveröffentlichung. Die durchaus nicht unbekannte, mehrfach ausgezeichnete Autorin wird damit ganz sicher Beachtung finden. Es sind reflektierte, formal ausgereifte Texte voller Poesie. Ein überzeugender, allemal lesenswerter Erstling.

(Jelena Dabic, Rezension im Buchmagazin des Literaturhaus Wien, 26. Mai 2008)


http://www.literaturhaus.at/index.php?id=3100

Nadja Bucher: schön

Cornelia Travnicek schlägt unsere Gefühlstasten an, bis die Bordunsaiten schwingen

„Schön“ würde ich verwenden für Cornelia Travniceks Buch Aurora Borealis, wenn dieses Adjektiv nicht bereits zu oft ge-, miss-, verbraucht worden wäre. „Schön“ ist zutreffend, aber erklärungsbedürftig. Es passt bereits zum Äußeren des handlichen, lila Büchleins. Schön wie alle Bücher der Bibliothek der Provinz, die in Bibliophilen das Bedürfnis nach weißen Baumwollhandschuhen wachrufen, um bloß keine Verunreinigungen auf den feinen Einband zu bringen. Ziert das Konterfei noch eine schneebedeckte (heimatliche?) Landschaft, so finden sich im Inneren Fotos der Autorin von Shanghai. Die Geschichten, neun an der Zahl, spielen allesamt im österreichischen Dunstkreis von Familie. Der ist, wie man weiß, gerade in Österreich mehr als ungesund, worauf schon andere Autoren vor Cornelia Travnicek hingewiesen haben. Man kennt Doderers Warnung „Wer sich in Familie begibt, kommt in ihr um“, oder wissenschaftlicher: „Wenn sie Opfer von Gewalt werden wollen, gründen Sie eine Familie“, von Kai-Detlef Bussmann, Professor für Strafrecht und Kriminologie, Halle. Travniceks Erzählungen setzen nach den Warnungen ein, die sowieso zu spät kämen, da wir ja immer schon in irgendeiner Familie stecken.

Die erste Geschichte, Brüderlein fein zieht die Leser in die engsten aller Beziehungen, ohne Idealisierung zu finden. Da werden aus einer Viererbeziehung rasch vereinzelte drei Menschen, von denen zwei verbotenerweise zueinander finden, doch noch bevor ein neues Viertes heranwachsen kann, lassen Morde einen einsamen Jungen zurück. Die mit schönen, weil einfachen Worten kreierte Atmosphäre lässt die Tristesse und gleichzeitige kindlich-romantische Welt eines abgeschiedenen, dem Untergang anvertrauten Bauernhauses entstehen. Die dort Anwesenden benötigen nichts dringender als Liebe. Doch man weiß, wenn sie sagen „heute ist der Tag, Regeln zu brechen“, können sie im Grunde nur ihre Herzen und des anderen Schädeldecke zerschlagen.

Vor scheinbar harmloser Liebe, die nur Gutes will, ist man in Aurora Borealis bald auf der Hut. Wo immer sie auftaucht, verbreitet sie Unheil. Liebe, Tod und Wahnsinn sind der Subtext jeder Erzählung. Vor ihm kann man sich genauso wenig schützen, wie die Mutter in am strand weit genug ihre kleine Tochter vor Männern mit Zuckerln, die sich mit Schweißtropfen an der Stirn den kleinen Prinzessinnen nähern, ganz ohne Prinz zu sein.

Kinder sind bedroht und überstehen doch die Grausamkeiten, die sie sich und anderen antun. Doch kein Lernprozess, kein Aus-Fehlern-wird-man-klug versöhnt. Am Ende vergehen die Alten. Einfach so, ohne Moral oder Aussicht auf Besserung. Ihnen entschwinden das Leben, die Bedeutungen der Worte und ihre Liebsten:

ich hab es vergessen sagt er und sie nickt alles vergessen fragt er und sie nickt ein wässriges blau läuft ihre falten entlang und der blick verschwimmt ihm etwas mehr […] und sie gehen halb und halb zusammen den weg entlang dicht an dicht wie damals ein strohblondes mädchen und ein junge mit bart.

Da hat mal eine Beziehung geklappt, da hat mal keiner den anderen ermordet, und dann weiß man nichts mehr vom Glück und nicht, wie es gekommen ist. Da vergisst man einfach sein gemeinsames Leben und lässt jemanden zurück, der es beweint.

Die bedingungslose Kausalität von Liebe, Tod und Wahnsinn zieht sich in unterschiedlichster Gewandung durch Aurora Borealis. In Sätzen wie „lecken die Wunden, von denen sie meinen, das Leben hätte sie geschlagen,“ über „Du hast mir Gedichte gesagt und mir erzählt, was sie heißen, in der Betonung, die sich von den Wänden absetzte und liegen blieb, bis ich am nächsten Tag den Boden kehrte,“ bis hin zu „am sonntag morgen haben sie das mädchen nach hause gebracht sie vor ihre tür gelegt und angeläutet nicht weit von hier ein plattenbau würden sie sagen im fernsehen plattenbau ist eine eigene welt für leute die das wort nur aus dem fernsehen kennen.“

Diese Sätze sind es, die die Leser an den Seiten halten. Sätze mit einfach schönen Wortreihen, die vom Leid erzählen, das man eigentlich nicht sehen will, und wo die Augen trotzdem nicht von den Zeilen nimmt.

Am Ende bleibt den Lesern die beängstigend schmerzhafte Ahnung, Glück sei so unausweichlich mit Verderben verbunden, dass höchstens ein Ketchup-Gesicht auf einem Extrawurstbrot lachen kann, wenn sich eine Nadel in die Armbeuge drängt und das Elend im Blutkreislauf dreht. Aurora Borealis, das Nordlicht, von welchem österreichischen Punkt aus kann Cornelia Travnicek es sehen, und wie kann sie so viel davon sehen?

(Nadja Bucher, Rezension in: Schreibkraft. Das Feuilletonmagazin #18)


https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/18-genug/schon/