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Kurzbeschreibung

Was der Heimatkundeunterricht alles verschweigt.

In einem durchschnittlichen österreichischen Ort findet man mehr Wegweiser zu Wirtshäusern als zu öffentlichen Einrichtungen. Gasthof zur goldenen Sau, zur seligen Oberfläche, Kernstock, zum knochenweißen Semmelkren, und so weiter. Nur mit Glück findet man in einem durchschnittlichen österreichischen Ort den Bahnhof, das Rathaus, die Apotheke. Findet man sie nicht, geht man am besten in eines der Wirtshäuser, denn dort sitzen ohnehin alle und trinken ihre durchschnittlich vier bis acht Liter Bier. Bahnhofsvorstand, Gemeinderat, Bürgermeister. Nicht aber den Apotheker, nicht im durchschnittlichen Mürzzuschlag. In Mürzzuschlag steht der Apotheker Kleewein vor seinen Fläschchen und Tiegeln und empfängt gerade einen Kunden.

– Hödlmoser?, klingt wie Doppelkofler, Hödlmoser, woher kenn ich das, murmelt die verkrachte Apothekersexistenz. Genau, jetzt hab ich’s. Weißt, dass ein Roman vom Erpe Gruber so heißt wie du.
– Ahso?
– Am Ende bist du noch ein Grubenhund? Aber kein Wunder, so Schriftsteller, sagte der mit weißer Strickweste bekleidete Apothekeraffe Kleewein, saugen sich ja die Namen auch nicht aus den Fingern. Alles Giftler.
– Ahso?
– Aber jetzt redn wir nicht mehr davon. Wofür brauchst du die Medikamente denn? Hast wen umbracht? Wen denn? Den Heinz Schilcher? Aber geh, brauchst nicht gleich so schauen, du bringst doch keinen um, gell? Schon gar net den Heinz Schilcher. Du doch net. Oder bist du auch ein Giftler?
– Na, i net, brummte Hödlmoser und schob seinen Reisepass wieder ein. Der Apotheker Kleewein stellte die Medikamente und den Verband auf den Tresen und grinste. Ein Geruch nach Eiter und Salmiak lag in der Luft.
– Ich kenn dich, du bist nicht von da. Du bist ein Auswärtiger, Hödlmoser, stimmts.
– Hört man das?
– Wo kommst denn her?
– Aus Fladnitz.
– Fohnsdorf? Ist auch schön. Der Wiener Burgtheaterdirektor ist von dort. Der Vater von Bachler war Kohlenhändler in Fohnsdorf.

Aber was erzähl’ ich das dir, du musst es ja wissen. Und, wie gefällt dir Mürz. Schon schön, gell. Mürz ist ein in die Steiermark zurückgeflossenes Tirolerdorf. Wenn ein schöner Tag ist, ist Mürz schon schön, säuselte der Apotheker Kleewein und blickte durch das Fenster in den Nebel. Der Nebel, dachte es im Apotheker, das sind die Wadln des Himmels, nur schade, dass Mürz ausgerechnet am Knöchel liegt. Nichts als Nebel, jahrein, jahraus. Tag für Tag. Nur Nebel und Wolken und Hochnebel und Tiefnebel, Seitennebel und Längsnebel, Schrägnebel und Quernebel, dicht und ausgedünnt. Nebel und Nebel. Dauernd schwimmt man in der Nebelsuppn. Natürlicher und künstlicher Nebel, Wasserdampf, Hausbrand. Als wenn die Landschaft immer besoffen wäre. Nebel und Nebel. Und wie sein Blick so durch den Nebel in die Wolken schweifte, merkte der hirnverkühlte Kleewein gar nicht, dass Hödlmoser einfach ging. Draußen hörte man Polizisten und Besoffene, und es war, als würden Väter ihre Knaben schlagen, Bauern junge Stiere kastrieren.

Nein, nicht sagen, nahm sich Hödlmoser vor, nicht schon wieder, nein. Nicht! Doch da war es bereits zu spät. Groß stand es da vor seinen Augen, groß und mächtig und wie ein einzig, göttlich Wort: Durst. Hab ich einen Durst. Was für einen Durst. So einen Durst. Einen geradezu närrischen Durst. Durst, wie er durstiger nicht sein kann. Durst zum Quadrat, ja eine Durstpotenz. Also ging er in ein Wirtshaus und trank erst einmal drei Halbe.

[…]


Rezensionen
Jürgen Plank: das zurückgeflossene dorf

Eine ethnologische Monografie des Rabiatsteires

„Wenn das Hödlmoser-Buch von Reinhard P. Gruber das Alte Testament der Steirer ist, dann habe ich es gewagt, sozusagen das Neue Testament zu schreiben“, sagt Franzobel über Austrian Psycho. Sein Rabiat Hödlmoser ist ein Schelmenroman und eine ironische ethnologische Monographie. Das Forschungsobjekt sind die Steirer, die emische Annäherung geschieht am Beispiel des aus R. P. Grubers Buch Aus dem Leben Hödlmosers nach Mürzzuschlag zugereisten Hödlmoser.

Austrian Psycho ist wie ein historischer Reise- und Forschungsbericht aufgebaut, gleich zu Beginn heißt es: „Die Steiermark ist so reich an Sehenswürdigkeiten, dass ein dickes Buch nicht ausreichen würde, sie alle zu beschreiben. Doch seien wenigstens einige hier vorgestellt. Zum Beispiel das Wirtshaus.“ Welche Hedonismen – oder auch Sauereien der übelsten Sorte – sich aus einem Wirtshausbesuch ergeben können, führt Franzobel auf 132 Seiten vor. Motto: Sex & Drugs & Blasmusik. Drugs bedeutet in diesem Fall Alkohol, statt Sex ist abwechselnd Sodomie oder Vergewaltigung einzusetzen. Beim Essen, Trinken und in der Sexualität geht es im jüngsten Buch Franzobels deftig zu: Als Hödlmoser sodomistische Gelüste an einer geschlachteten Sau auslebt, wird er unter einem Berg von Innereien begraben. Nach solchen Erlebnissen gibt es Sterz oder Blunzengröstl – und Bier.

Franzobel lässt den bauernschlauen Schelm Hödlmoser von einem Mürzzuschlager Rausch zum nächsten und von dort in diverse Fettnäpfchen, Brutalitäten und Abenteuer stolpern. Wie im Märchen – und in der Fernsehserie „Knight Rider“ – übersteht sein Held alle Schwierigkeiten.

Franzobel versteht es Späße zu machen. Die besten Gags gelingen ihm, wenn er einfach schreibt und schreibt und schreibt. Schreibfluss und Alkoholfluss: „Mürz ist ein in die Steiermark zurückgeflossenes Tirolerdorf.“ Oder: „Ich sage immer, bei einem anständigen Rausch musst du nachher vier Tage blind sein, sonst war es rausgeschmissenes Geld.“ Grund zur Sorge besteht trotzdem nicht, denn wie der echte Wiener geht auch der echte Steirer nicht unter – und der echte Österreicher sowieso nicht. Die Anspielung an Brett Easton Ellis’ Roman American Psycho ist offensichtlich, wenngleich sich hier die Monstrositäten nicht im urbanen, sondern im ruralen Raum bewegen. Irrläufer wie den Bombenbastler Franz Fuchs gebiert auch das Landleben mühelos. In Mürzzuschlag, in Attnang-Puchheim und anderswo.

Norbert Trummer hat das schön gemachte Buch in der für ihn typischen Weise illustriert: Seine Mürzzuschlager Ansichten sind genaue Miniatur-Zeichnungen – mit Buntstiften und Tintenstift auf Papier festgehalten –, die in Originalgröße abgebildet sind. Da sieht man das Brahmsmuseum, Wohnhäuser, das Chinesische Restaurant Shang Hai und Szenen aus Wirtshäusern. Mehrfach hat Trummer den Bahnhof und dessen Umgebung gezeichnet. „Der Bahnhof ist ein zentraler Ort Mürzzuschlags“, sagt Trummer. Wer jemals mit dem Zug durch das Tal am Fuß des Semmerings gefahren ist oder von dort in die Großstadt wollte, hat vielleicht schon selbst den Kosenamen des Ortes von einer Hauswand abgelesen: „Mürz“.

(Jürgen Plank, Rezension in: Schreibkraft. Das Feuilletonmagazin #07)


https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/07-heftig/das-zuruckgeflossene-dorf/