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Kurzbeschreibung

Peter Henisch. Fotos: Sepp Dreissinger


Natürlich hatte ich schon vom Baronkarl gehört gehabt. So viel hatte ich mitbekommen: Dieser Baronkarl war ein Original gewesen. Ein Bezirksoriginal, ja beinahe ein Bezirkspatron. Aber was sollte ich mit so einem anfangen?

Ich hatte die Absicht, Peripheriegeschichten zu schreiben. Meine Idee von Peripherie: Eine Gegend der Gegensätze, des Widerspruchs. Ich wohnte nicht weit von dort, ich bekam mit, wie sie die Gegend Stück für Stück wegbaggerten, Stück für Stück einebneten. Wozu schreibt man? Ich wollte etwas davon festhalten. Der Baronkarl also. Paßte der in meine Peripheriegeschichten?
Was die Leute von ihm erzählten, waren ja fast Heiligenlegenden.

Wirklich: Die Leute. Jeder zweite, den ich auf Geschichten ansprach, kam mir mit dem Baronkarl daher. Eine Zeit lang wehrte ich mich gegen ihn. Aber dann begriff ich, daß (und wie) er zu meinen Peripheriegeschichten gehörte.

Die erste Baronkarl-Anekdote spielt allerdings nicht auf dem Laaerberg, sondern in der Gegend des Waldmüllerparks. Dort, in der Hasengasse, hat der Baronkarl sein Stammquartier gehabt. Eine Kommunekiste (so nannte man die von der Gemeinde, damals noch Kommune, Wien aufgestellten Mistkisten). Manche sagen, es habe sich um eine Streusandkiste gehandelt, die wollen ihren Baronkarl rein & fein.

In der Hasengasse haben auch meine Großeltern mütterlicherseits gewohnt. Wenn die miteinander stritten, keppelte der Opa tschechisch, und die Oma keifte slowakisch. Was mich betrifft, so bin ich gar kein Ur-Favoritner. Die Bande, die mich einmal beim Durchqueren des Waldmüllerparks überfallen und mit auf den Rücken gedrehtem Arm in ein Gebüsch hinter dem Friedhof geführt hat, muß das bemerkt haben.

Die Anekdote geht so: Einmal, als sie noch jung war, erzählt eine heute schon sehr alte Frau, sei sie einkaufen gegangen, da sei ein Sturm aufgekommen. Daß ich meine Großeltern besuchen wollte, interessierte die Brüder, die mich dort hinten einzuschüchtern versuchten, herzlich wenig. Und sie haben probiert, ihren Regenschirm aufzuspannen, denn geregnet habe es auch. Sie schnitten mir mit einem Taschenmesser sämtliche Knöpfe von der Weste und drohten, es werde mir Schlimmeres passieren, wenn ich meinen Freunden aus Margareten nicht sagte, sie sollten sich hier nicht mehr blicken lassen. Aber der Sturm, so die alte Frau, sei recht stark gewesen. Er habe den Schirm immer wieder umgedreht. Ich hab überhaupt keine Freunde in Margareten, sagte ich wahrheitsgemäß. Das hätte ich nicht sagen sollen: sie schlugen mich rechts und links ins Gesicht, bis ich aus Mund und Nase blutete.

Wie der Schirm schließlich in einem Zustand gewesen sei, daß man ihn nur mehr habe wegwerfen können. Wie ich schließlich in einem Zustand war, daß ich, von meinen Peinigern endlich losgelassen, ins Gras kotzte. Ich suchte nach einem Hydranten und fand den, an dem der Baronkarl angeblich seine Morgentoilette gemacht hatte. Aber ich will nicht vorgreifen. Die Erzählerin suchte nach einer Kommunekiste. Der Hydrant und die Kiste: einander benachbart. Mist oder Streusand? Ich hatte andere Sorgen. Die Tatasche, daß die alte, damals noch junge Dame, den Schirm dort deponiert haben will, spricht für die erste Version. Die habe den Schirm mit der Spitze voran hinein gesteckt und/aber da habe es heftig aus der Kiste heraus geflucht.
U.s.w.

Was folgt, ist der starke Auftritt Baronkarl. Der Deckel der Kiste öffnet sich, und einer im schwarzen Anzug steigt heraus. Darunter habe er zwar kein Hemd gehabt, sondern nur ein gestreiftes Ruderleibchen. Aber auf dem Kopf einen steifen Hut und im Knopfloch eine verwelkte Blume. Über die Adjustierung des Baronkarl gibt es voneinander abweichende Aussagen. Über den Hut z. B.: Nie im Leben sei das ein steifer Hut gewesen. Auch von einem schwarzen Anzug könne natürlich keine Rede sein. Was der Baronkarl oben angehabt habe, war ein helles, sagen wir graues, "Listersakko", nein ein Gabardinetrench. Allerdings sei an seinem Hut (flach, zerquetscht, fett) eine Straußenfeder gesteckt. Und unter dem Arm habe er immer einen zusammengerollten Teppich getragen. Und zwei bis drei Blechgefässe am Hosenstrick. Die Geige nicht zu vergessen, denn ohne Geige ist der Baronkarl gar nicht denkbar.

Nein, sagt die alte Frau, an Geige und Teppich könne sie sich nicht erinnern. Für sie war der Anzug außerdem schwarz, egal, was andere Leute reden. Vielleicht sei die Blume im Knopfloch allerdings eine Zwiebelschale gewesen. Denn mit roten Zwiebelschalen, die offenbar jemand zum Abfall geworfen hat, war der Mann, den sie gesehen hat, übersät. Dann ist der Baronkarl zum Hydranten gegangen. (Ja, just zu dem, an dem ich Jahre später mein blaues Auge kühlte). Und hat sich gewaschen und hat sich den Mund gespült. Und dann, auf dem Randstein sitzend, hat er sich mit einem Bartwisch, den er also auch bei sich gehabt haben muß, die Zwiebelschalen vom Revers gebürstet und in einer eigenartig hohen („irgendwie fernen") Tonart ein Lied gepfiffen.


Rezensionen
Helmut Schödel: Lebenszeichen. Schwer zu glauben.

[…]

Auf einem kleinen Hügel am Rand des Arbeiterviertels Favoriten, auf dem Laaerberg, liegt zwischen Gartenlauben und direkt unter der Einflugschneise des Flughafens Schwechat der Böhmische Prater. Es ist eine Peripherie-Version des berühmteren Prater in der Innenstadt. Die Attraktion ist hier nicht das Riesenrad, sondern ein uraltes Kinderringelspiel. Es gibt Schießbuden, Puppentheater, Gasthausgärten. Früher wurde hier am Sonntag getanzt, sagt Henisch, der als Junge mit seinen Großeltern herkam. Die Favoritener tanzten mit den „Tschuschen“, also den Einwanderern aus dem Osten, Polka, was auf deutsch eigentlich Polin heißt, und dichteten die alten Gassenhauer um: „Drunt in Afrika / wachst der Paprika / drei Meter hoch.“ Das waren die Hits im Böhmischen Prater. „Eine multikulturelle Gesellschaft“, sagt Henisch.

Hier, auf dem Laaerberg (dem „Mount Laa“) und in Favoriten wohnte ein Mann namens Baron, von Beruf Tischler. Nach einem Arbeitsunfall entschloß er sich, als Clochard, auf wienerisch: Sandler, zu leben. Man nannte ihn seither den „Baronkarl“. 1971 schrieb Henisch die Lebensgeschichte des Karl Baron und sammelte alle Anekdoten, die sich um seine Existenz rankten, in einem Buch. Diese Geschichtensammlung „Vom Baronkarl“ hat er jetzt neu überarbeitet (und durch Portraits anderer Vorstadtoriginale ergänzt).

Der Baronkarl hat in Abfall- und Sandkisten übernachtet, soll aber immer eins a gekleidet gewesen sein: Anzug, Hut, eine verwelkte Blume im Knopfloch. Und eine Geige hat er gehabt. Früh hat er sich am Hydranten gewaschen, seine Kleider saubergemacht und in den Gasthäusern die ersten Bierreste ausgetrunken.

Als ein feiner Herr den Sandler aus seiner Kiste steigen sah und die Nase rümpfte, soll der Baronkarl gesagt haben: „Sehn S’, … ich beutel meinen Dreck ja jeden Tag in der Früh ab. Mein Dreck ist außen um mich herum, mit dem kenn ich mich aus. Und mein Verhältnis zu Flöhen und Wanzen ist klar. Die leben von mir, aber ich nicht von ihnen. Sie aber, lieber Herr, in ihrer sauberen Wäsch’: Wissen Sie auch, in welchem Dreck Sie leben? Können S’ ihn auch abbeuteln jeden Tag in der Früh? Und sind Sie so sicher wie ich, keine Wanze zu sein?“

Der Baronkarl war ein Wiener Vorstadt-Diogenes. Man hat ihn verehrt in Favoriten (aber wohin er in der Nazizeit verschwunden war, wie er überlebt hat, weiß man nicht). 1948 wurde er von einem Lkw der Besatzungsmacht überfahren. Zehntausend sollen bei seiner Beerdigung gewesen sein, ein lustiges Begräbnis. Die Favoritener sollen auf dem Friedhof gesungen und getanzt haben, schreibt Henisch.

Der Baronkarl – das ist die Legende vom guten Sandler, vom akzeptierten Außenseiter, Henischs Antwort auf Helmut Qualtingers Monolog vom „Herrn Karl“, dem ewigen Spießer. Auch der Baronkarl hatte im Grunde diesen Wunsch, Indianer zu werden, diesen Traum von einer freien Existenz.

[…]

(Helmut Schödel, Rezension in: Die Zeit, 18. März 1994)


http://www.zeit.de/1994/12/lebenszeichen-schwer-zu-glauben/seite-4