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Kurzbeschreibung

Und dann stach ich zu. Plötzlich stand der junge Mann neben mir, sein schlanker Hals bot sich mir an, ich nahm sein schönes Profil wahr, und ich stach zu. Das Messer drang ein, weich, widerstandslos. Und ich stand und sah zu, wie er stand. Lautlos, ein Standbild. Dann schwankte er. Ich ließ den Griff los und schaute blind. Sah nicht das Blut, das über seinen Kragen quoll. Dann sank er um, lautlos. Menschen kamen herbeigeeilt und streckten die Hände aus, als wollten sie den Gestürzten auffangen. Ich erwachte. Und lag wehrlos, willenlos im Abenddämmer, als sei ich die Getötete. Dann erschrak ich und dachte, halb bewußt: Wieso habe ich getötet? Gemordet? Schuldig? Schuldlos? Wer war das Opfer? Wem sah er gleich? Peter? Niemals, der ist doch um Jahre älter! Mordgelüste nach meinem Mann? Das wäre mir nie eingefallen. Nie im Traum …


Rezensionen
Walter Hinck: Aufrechtes Stöbern

Die Schule verließ Curt Meyer-Clason vor dem Abitur, und wenig schulmäßig war seine Erziehung durch das Leben. Banklehre, Kaufmann in Brasilien, während des Krieges interniert, verdienstvoller Leiter des Goethe-Instituts in Lissabon beim Übergang Portugals von der Diktatur zur Demokratie, als Übersetzer mit vielen Preisen geehrt, Tagebuchschreiber und Erzähler. Nun ist er wieder zur Stelle mit siebzehn Kurzgeschichten unter dem Titel „Bin gleich wieder da“.

Vielleicht hat der Autor Geschriebenes und Liegengelassenes noch einmal durchkämmt. Jedenfalls ist er da mit einem vielfältigen Potpourri von Texten gestoßen auf literarische Reflexe fremder Kulturen und auf geistige und politische Strömungen der letzten Jahrzehnte, auf Psychoanalyse und politische Utopien, auf sich tarnenden Antisemitismus und Fremdenhaß, auf Homoerotik und enttäuschte Freundschaften, auf eine zunehmende, schon bei Kindern auffallende Anfälligkeit für Gewalt. Da alle Themen der Zeit von den Medien aufgegriffen werden, ist es für einen Schriftsteller schwer, über etwas zu schreiben, was nicht auch in der Zeitung vorkommt. Doch immer überführt Meyer-Clason seine Themen in die literarische Gestalt. Wo allerdings seine Kurzgeschichten eine politische Idee oder ein Humanitätsgebot umkleiden, geraten sie leicht in die Nähe jener Kommentare, mit denen Rolf Hochhuth seine dramatischen, erzählerischen und lyrischen Texte zu vereindeutigen pflegt. Wo gar die Idee der friedlichen Gewaltlosigkeit als faustdicke Moral auftaucht („Die Verabredung“), verdirbt sie die Geschichte. Differenzierter wird die Erzählung, wenn sich wissenschaftliche Herablassung und stumpf ergebene Frömmigkeit wechselseitig in Frage stellen („Rosi“).

Zur Alterspathetik, mit der drei Junggesellen an ihrem Ferien-Stammtisch Lebensbilanz ziehen („Spurensuche“), liefert die charmante Geschichte über Altersvergeßlichkeit („Scherzo“) eine Gegenpointe. Am stärksten wirkt der Erzähler dort, wo er - selten genug - Ironie mit ins Spiel bringt, so in der Geschichte „Die Musik spielte weiter“: Bei der Demonstration eines „neuen Kulturkonzepts“, das die Zigeuner „eingemeindet“, hält eine wohlvorbereitete Eifersuchts- und Blutrachetat von Zigeunern die blauäugigen Besucher zum Narren. Nicht zum Narren halten läßt sich der Leser Curt Meyer-Clasons, wenn dessen Bio-Bibliographie am Schluß des Bandes als die eines Claus Meyer-Clason ausgegeben wird.

(Walter Hinck, Rezension in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2000, S. 50)


http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-belletristik-aufrechtes-stoebern-113226.html