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Kurzbeschreibung

Josef Ratzenböck, Peter Kraft, Christiana Dolezal, Walter Schachermeyer - vier Namen prominenter Oberösterreicher, die für eine Generation stehen, welche in der Periode der Nachkriegszeit bis hin zur Hippiebewegung der 68er, von einer Zeit weit verbreiteter Armut bis hin zum Widerstand gegen das Establishment im einsetzenden Wohlstand an der Spittelwiese in Linz maturiert hat.

Autor Ernst Reinhard Schöggl gehört dieser Generation an. Als Karmeliterbub und später als Heimzögling im Guten Hirten besuchte er acht lange Jahre selbiges Gymnasium, um nach dem Studium dann selbst an einem Oberstufen-Gymnasium zu unterrichten.

Eine Mischung aus Autobiographie und Dokumentation, ein Schul- und Erziehungsroman aus dem Blickwinkel einer Gegenwart, die alles in Frage stellt und sogar das Schweigen hinter Kirchen- und Klostermauern durchbricht …



Rezensionen
Peter Kraft: Internatsleiden eines Gymnasiasten

Vor kurzem wurde im Linzer Akademischen Gymnasium der gerade erschienene Band „Das Juvenat – Schule und Erziehung im Umbruch“ von Ernst Reinhard Schöggl in Anwesenheit des Verlegers Richard Pils vorgestellt. Dieser autobiographische Tatsachenbericht behandelt jene Kindheits- und Jugendjahre, die der Autor, wenig glücklich, als Gymnasiast an der Spittelwiese in geistlichen Linzer Internaten zugebracht hat. Die beiden näher behandelten Anstalten waren das heute nicht mehr bestehende „Juvenat“ des Karmeliterordens (Domizil für Jugendliche, die vorwiegend den geistlichen Beruf ausüben sollten oder wollten) und das ebenfalls geistlich geführte Studentenheim des „Guten Hirten“.

Als Ehrengäste beteiligten sich, begrüßt von Direktor Mag.Hannes Baumgartner, an einer Podiumsdiskussion (Thema: „ Zurück zur alten Strenge?“) der Direktor des Petrinums, Mag. Franz Asanger, Rektor Hans Schachl von der Pädagogischen Akademie (Universität) der Diözese Linz, Altlandeshauptmann Dr. Josef Ratzenböck und der Wiener Ordinarius Univ. Prof. Dr. Walter Schachermeyer.

Ernst Reinhard Schöggl stammt aus einer schlichten, kulturaufgeschlossenen, aber nicht begüterten Familie in Perg. Dort wurde er 1948 geboren, also in der unmittelbaren Nachkriegszeit der sowjetischen Besatzung. Er kam 1960 aus einer Hauptschule in das Linzer Internat der Karmeliterbrüder, von wo aus, später auch als Zögling des geistlich geführten Studentenheims „Guter Hirte“, er das Akademische Gymnasium an der Spittelwiese bis zur bestandenen Matura hin, besuchen sollte.

Dieser Zeitrückblick ist für mich von persönlicher Bedeutung, denn ich kam schon 1949 als Flüchtlingskind mit meiner Familie aus Wien, nach zwei Hauptschuljahren in St.Georgen im Attergau, um bis zu meiner Matura in Linz, 1954, ebendiese Schule zu absolvieren.

Der Zeitvergleich zeigt, dass mich von Ernst Reinhard Schöggl fast eine halbe Generation trennt. Ich ging ein Jahr vor dem Staatsvertrag nach Wien, in meine Eltern- und Großelternstadt zum Studium, indes der junge Schöggl als frisch gebackener Maturant mitten in den streitbaren Aufbruch der 68er-Stuentenrevolte hineingeriet. Sein Studium der Altphilologie und Germanistik absolvierte er an der Universität Salzburg.

Schon seit dem Herbst 1963 arbeitete ich aber als Kulturredakteur bei den „Oberösterreichischen Nachrichten“. Das heißt, dass ich noch in Schöggls Gymnasiastenzeit schon wieder in Distanz zum Hochschulgeschehen geraten wäre, wenn ich es nicht auf der Medienebene als Journalist sehr genau mit- und nachverfolgt hätte.

Das pädagogische Klima im Gymnasium an der Spittelwiese blieb von all dem nicht unberührt. Es ergeben sich jedoch, auf die Schule bezogen, zwei verschiedene Erfahrungsebenen, die des Autors und die meine, aus der unmittelbaren Nachkriegsära resultierende.

Die Politisierung des Lehrkörpers etwa zeichnete sich vor 1955 hauptsächlich durch ihre Nicht-Festschreibbarkeit vor den Schülerinnen und Schülern ab. Wir hatten eine einzige Klassenkameradin, wahrscheinlich damals auch die einzige der ganzen Schule, und die nur auf kurze Zeit. Parteipolitik in ihrer Strukturierung des gesamten politischen Lebens wurde uns erst Jahre später im eigenen, persönlichen Vorangehen bewusst.

Den behaupteten Vorwurf damaliger Geschichtsverdrängung durch Eltern und Lehrer halte ich, aus der verzerrten Optik der Achtundsechziger heraus, in seiner Verallgemeinerung für abwegig. Die Aufarbeitung eines europäischen Zusammenbruches von ideologisch irregeführten Bürger-, Angestellten- und Arbeiterklassen wie diese sich auch im Schulbetrieb des Gymnasiums spiegelten, ist in den Jahren vor dem Staatsvertrag, also in nur einem, später sogar in mehreren Jahrzehnten ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Man vergleiche bis heute nur den Stand der zeitgeschichtlichen Bewusstseinsänderung und Wissenschaft in der ehemaligen DDR und Sowjetunion, ebenso in den mediterranen und überseeischen Ländern einstiger faschistischer Regimes.

Die Lehrer waren also politisch abstinent, ohne dies besonders zu problematisieren. Lebenskampf und Alltag vor dem eigentlichen Wiederaufbau waren vordergründig entscheidend. So gab es im Schulbereich auch noch nicht irgendwelche parteipolitische Zuordnungen, gar parteipolitische Vorausmarkierungen vor Wahlen, worauf in Schöggls Buch direkt angespielt wird. Der Konzentration auf die Wissensvermittlung tat dies freilich keinerlei Abbruch. Es entwickelte sich sogar in meiner kleinbesetzten Klasse von maximal 18 Schülern ein persönliches Verständnis, ja sogar vereinzelt Sympathie und Zuneigung zwischen Lehrern und Schülern. Die Pädagogik hatte noch mehr persönliche Entscheidungsfreiheit als heute , sie praktizierte dies auch nach Lust und Laune.

In die Kriegs- und frühesten Nachkriegszeit allerdings führt uns jenes Streiflicht zurück, das der Absolvent Schöggl seinem Vorgänger, Altlandeshauptmann Dr. Josef Ratzenböck im Buch gewidmet hat:

Dieser, ein Bauern- und Gastwirtsohn aus Neukirchen am Wald, war schon 1939 ins Gymnasium eingetreten. 1944 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, zuvor aber musste er noch aus nächster Nähe die Erschießung eines KZ-Häftlings mitansehen. Im Herbst 1945 setzte er den Schulbesuch fort, um 1948 zu maturieren. Von seiner Klasse waren sechs Mann gefallen. Zu zwölft stand er mit den verbliebenen Mitschülern vor der Entscheidung für den Lebensberuf.

Für Ernst Reinhard Schöggl öffnete sich 1960 das Tor zum Gymnasium an der Spittelwiese.

Die autobiographische, romanhaft erzählte, aber nie fiktiv ausufernde Dokumentation seiner Internats- und Schuljahre in Linz will als schlichter, realistischer Tatsachenbericht nicht literarisch überbewertet werden.

Schöggl gliedert, gedanklich leicht nachvollziehbar, in acht Kapitel.

Teil 1, der Prolog, legt die Frage vor, ob man denn wirklich, beim heutigen Informations- und Erfahrungsstand , die alte rigorose Strenge in der Kinder- und Schülererziehung wieder neu installieren will. Der Autor spricht sich ebenso gegen den autoritären Absolutismus wie gegen jegliche antiautoritäre Chaotik aus, er will, mit Schiller, „das Starke mit dem Milden paaren“. Zugleich fordert er ein klares Bewusstsein für Werte und Grenzen.

Teil 2 rückt den Autor selbst als nachdenklichen Besucher seiner Kindheits- und Jugendorte, der Linzer Internatslandschaft also im engeren Sinn, ins Blickfeld.

Teil 3 schildert die Jahre im Internat, dem eigentlichen „Juvenat“ des Karmeliterordens in Linz.

Teil 4 widmet sich der darauf folgenden Zeit des jungen Mannes im Studentenheim „Guter Hirte“ und

Teil 5 überschreibt das Kapitel im Humanistischen Gymnasium Spittelwiese 14 mit den Worten „Pädagogik der Schulangst“. Die Zwischenfrage sei erlaubt: Wurde diese Angst mehr im Internat oder im Gymnasium oder in beiden Anstalten gleichermaßen geschürt?

Schöggls Bericht ist eine durchaus willkommene, ja notwendige Aufklärung, gerade in einer Zeit, wo alte Repressionen in sich zusammenstürzen wie morsche, fehlerhaft errichtete Gebäude. Der Autor hat wie viele andere, unter einer argen, kloster- und priesterbedingten Repression gelitten, zwar keineswegs sexuell missbraucht, aber bedrückt von einer extremen drakonischen Strenge, die ihre asketischen Imperative aus panischer Sexualangst ableitete. Die ganz natürliche Veranlagung des Heranwachsenden hat ihn freilich auf geradezu selbstverständliche Weise zur juvenilen Normalität finden lassen.

Allerdings war diese klösterliche Repression bei den nicht internierten Schülern des Gymnasiums noch wenige Jahre zuvor, zu meiner Zeit, keineswegs ein Thema. Unsere Lehrer waren diesbezüglich durchaus locker und unverkrampft, sogar in der Person des Religionslehrers, der ein Freund des Bacchus und seiner Lebensgefährtin war, deretwegen er eines Tages in eine Pfarre außerhalb von Linz versetzt wurde. Ich lernte freilich auch, außerhalb der Schule die kluge und strenge Heimstunden- und Ferienbetreuung der Jesuiten kennen, die eine von einem bergunkundigen Frater geleitete Dachsteintour chaotisch enden ließ, da uns unterhalb des Gipfels beinahe der Blitz erschlagen hätte. Was folgte, war ein sofortiger Besuch des Generaloberen mit verordneter Beichte und Besinnungsmesse in Hallstatt.

Mit „Sie“, so in Schöggls Bericht, sind wir auch nie von unseren Lehrern angesprochen worden. Die Solidarität mit den Ärmeren, bis hin zu den Schi- und Gewandspenden, vor den Schulschikursen, war eine unaufdringliche Selbstverständlichkeit, da ja auch die Söhne aus bestsituierten Familien neben den zugewanderten Flüchtlingskindern in einer gleich schlichten Kluft zum Unterricht kamen. Wir genossen auch die Freiheit von eigenwillig und originell gewährten Exkursionen, deren eine uns zur limnologischen Erkundung an die Kärntner Seen und zu ersten archäologischen Eindrücken auf dem Magdalensberg führte.

Die Erinnerungen daran sind bis heute dankbar und gestochen scharf.

Der Jungakademiker und Professor der Latinistik und Germanistik, Ernst Reinhard Schöggl trat dann, in den schon fortgeschrittenen Siebzigerjahren, ins Berufsleben hinaus, ein für die deutsche Sprache und Dichtung ebenso Begeisterter wie aufgeschlossener Altphilologe, mit einem Wort: ein überzeugter Humanist und, ganz im Sinn der antiken Geist- und Körper-Philosophie, auch ein begeisterter Fußballsportler und bald erfolgsgekrönter Trainer.

Das Berufsleben fand ebenso wie das seiner Familie in Perg, am dortigen Gymnasium, durch Jahre die entscheidende Erfüllung.

Als Pensionist begann Ernst Reinhard Schöggl jedoch eine neue Lebensphase voll angespannter Aktivität, und zwar als freier Schriftsteller, der Freundschaft schloss mit dem Verleger Richard Pils, dem Herrn der „Bibliothek der Provinz“. Mittlerweile reiht sich dort, im Gesamtverzeichnis der Neuerscheinungen, seit Jahren Titel an Titel unter seinem Autorennamen.

Bezeichnenderweise begann Schöggl als literarischer Zeichner von Charakteren, Wirtshaus- und Stammtischfiguren seiner unmittelbaren Perger Umgebung der Käuze und Köpfe, wie er seinen eigenen auch als inspirierten Schattenriss von einer begabten Künstlerin sowohl auf Buchtitelseiten als auch auf eine Briefmarke setzen ließ.

Schöggl ist also von seinem Grundverständnis her zunächst einmal ein humoristisch nachsichtiger, satirischer Schriftsteller. Von der Satire führt allerdings ein nicht einmal so schmaler Weg zum Autor von Kriminalromanen, bisher drei, dazu einer „Erzählungssammlung durch das schaurige Mühlviertel“, „Von Mord zu Mord“ betitelt. Allen diesen Texten ist gemeinsam: Sie handeln im vertrauten oberösterreichschen Umraum, variieren und verfremden oft tatsächliche Geschehnisse mit literatur- und kulturhistorischen Bezügen. So erfährt man in den Büchern auch manches nähere Detail über Werke und Lebenssituationen von Adalbert Stifter und August Strindberg.

Der humanistische Pädagoge Ernst Reinhard Schöggl – ich darf wieder zu seinem Juvenat zurückkehren – lässt seinen Bericht versöhnlich auslaufen. Er spricht im Teil 6 zwar von Einschränkungen und Verdikten in der Internatszeit, die sein geliebter Fußballsport erleiden musste. Aber er kann auch von der Durchsetzung dieser Jugendideale und von der späteren Weiterkultivierung des Fußballs während seiner Trainerjahre erzählen.

So landet er schließlich beim Epilog, Teil 7, und darin reflektiert er seine Erfahrungen von einer schwierigen, nach außen hin freilich unauffälligen Entwicklung in Internaten und Schule, in der Folge im Sog der 68er-Revolte, die mit den Mustern der Pädagogik, die vorangegangen war, in ständigem Streit lag.

Er bekennt sich schließlich zum lebenslangen Lernen und auch dazu, dass Lehrer und Lehrerinnen von Schülerinnen und Schülern nicht nur lernen können sondern auch lernen müssen.

In der Widmung des Buches an Frau und Töchter räumt er dankbar ein, dass eigentlich sie es waren, die ihm bei all seinen schulpädagogischen Mühen die Perspektive, den Blickwinkel auch von der anderen Seite der von ihm Angesprochenen einsehbar gemacht haben.

(Peter Kraft, Linz, 25. Oktober 2009)


Ursula Kammesberg: Schulzeit zwischen "orare et studere – beten und studieren"

Ernst Reinhard Schöggl erzählt von seinen Erfahrungen als Heimzögling bei den Karmeliten und im "Guten Hirten" in Linz.

Gleich eingangs stellt der Autor klar: "Dieses Buch ist keine Abrechnung mit dem Erziehungssystem der 60er-Jahre oder mit den Patres des Juvenats ... wohl aber eine kritische und persönliche Betrachtung dieser Zeit." Juvenat, so nannte man jene Internate, die zumeist klerikal geführt wurden, oft auch mit dem Zweck, den einen oder anderen Zögling für ein Leben im Kloster oder für den Priesterberuf zu gewinnen. Auch in Linz gab es mehrere Juvenate, darunter auch jenes der Karmeliten an der Landstraße, das 1866 gegründet, über hundert Jahre bestanden hat. 1974/75 wurde es geschlossen. Seine Zeit war vorbei, die autoritären Erziehungsmethoden nur noch Schnee von gestern. Der Autor, der einige Jahre, erst im Juvenat der Karmeliten, dann in dem liberalen Schülerheim zum Guten Hirten Zögling war und heute selbst Pädagoge ist, erinnert sich an diese Zeit zwischen orare und studere, beten und studieren.

(Ursula Kammesberg, Rezension in: Neues Volksblatt, 3. Februar 2011)


Christian Schacherreiter: »Das Juvenat«: Bete und studiere!

Es ist wertschätzend gemeint, wenn ich Ernst Reinhard Schöggl als oberösterreichisches Original bezeichne. Der studierte Germanist war AHS-Lehrer in Perg, daneben im Mühlviertel als Fußballtrainer umtriebig. In „Das Juvenat“ lässt Schöggl den Erinnerungen an seine Schulzeit freien Lauf. Schöggl war einer jener hochbegabten Bauernbuben, denen die katholische Kirche im 1975 aufgelassenen „Juvenat“ des Karmeliterordens in der Mozartstraße eine höhere Schullaufbahn ermöglichte, nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern um geeignete Nachwuchskräfte zu rekrutieren. Die Bildungslaufbahn war klar abgesteckt: Matura, Priesterseminar, Priesterweihe, Ordensprofess. Die Internatserziehung diente der Einübung in das Tugendideal des Ordens: Armut, Keuschheit, Gehorsam.

Obwohl Ernst Schöggl die drakonischen Erziehungs- und Lehrmethoden unbeschönigt darstellt, geht er mit seinen Urteilen vorsichtig um. Es gehe ihm nicht um eine „Abrechnung“ mit den Lehrern und Erziehern, sagt der Autor, denn zu sehr ist ihm bewusst, wie sehr sie im autoritären Geist der Nachkriegszeit befangen waren und meinten, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln.

Aufschlussreich, lesenswert
In literarischer Hinsicht wäre der Autor gut beraten gewesen, wenn er eine klare Entscheidung für ein Genre getroffen hätte. Besonders im letzten Teil verfährt er dokumentarisch wie ein kommentierender Chronist. Über weite Strecken erweckt er aber den (falschen) Anschein von Fiktionalität, indem er von „Reinhard“ erzählt, als handle es sich um eine Romanfigur. Unabhängig davon ist aber „Das Juvenat“ ein aufschlussreiches, lesenswertes Dokument der oberösterreichischen Schul- und Erziehungsgeschichte.

(Christian Schacherreiter, Rezension in: Oberösterreichische Nachrichten, 9. März 2011)


http://www.nachrichten.at/nachrichten/kultur/buchrezensionen/Das-Juvenat-Bete-und-studiere;art272,570007