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Kurzbeschreibung

der titel »stundenbuch« ist ein literarischer, weist aber darüber hinaus durch seine herkunft aus der liturgischen spreche wie der der andacht ins geistliche. beides, sowohl das literarische wie das geistliche, dürfte in dem stundenbuch eugen gomringers zum ausdruck kommen. die sprachlichen mittel sind ganz und gar der modernen lyrik verpflichtet, der von gomringer begründeten »konkreten poesie«. Wilhelm Gössmann nachdem das stundenbuch als fünfsprachige ausgabe seit längerer zeit bekannt ist, tritt nun noch eine übersetzung ins japanische hinzu. keine andere sprache hat bisher so sehr gefehlt wie diese. denn japan hat mir viel gegeben. in der folge unternimmt es josef linschinger, die schrift-bild-ära aus buchstaben – charakteren – zu verlassen und einen versuch anzubieten, den wir zur »kultur nach der schrift« zählen – ohne allerdings die schrift aufzugeben. das schrift-bild wird vereinfacht, in ein neues system aus wenigen grafischen gestaltungsmitteln gebracht, das von sensoren aller arten leicht abzulesen ist. obwohl dieses system code 39 uns bereits bestens bekannt ist, weil es die mannigfaltigen produkte unserer gestalteten umwelt bezeichnet, habe wir noch übersetzungsschwierigkeiten. das system geht und leichter ein als ästhetische information für den raumsinn des sehens. es spricht diesen sinn an wie etwa das system der blindenschrift den tastsinn.

(Eugen Gomringer)


Rezensionen
Kulturbericht Oberösterreich:

Eugen Gomringer, der Mitbegründer der Konkreten Kunst und Poesie und „Vater der deutschen Nachkriegsmoderne“ feiert in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. Die „Konkreten“ in der Bildenden Kunst haben sich nie auf eine breite Resonanz in der Rezeption stützen können, und doch haben die zu kontemplativen Ikonen stilisierten Text- oder Bildtafeln einen historischen Hintergrund, der eng mit der Moderne des Zwanzigsten Jahrhunderts verknüpft ist.

Im Alltag treffen wir sogleich die Zuteilung, was Text oder Bild ist, was Schrift, Wort oder Zeichnung. In der Kunst hat sich dieses Selbstverständnis mit dem Entstehen der Konkreten Kunst und -Poesie bzw. Visuellen Poesie in den Fünfziger Jahren differenziert. Damals begannen Künstler und Literaten, über Artekfate wie Zeitungs- oder Plakatschnipsel die Wirklichkeit in die Kunst hineinzutragen. Mit der Integration des (Konsum-) Alltags wurde die Wirklichkeit in der Kunst zu einem „Neuen Realismus“ verdichtet, der sich des Dadaismus besann. Diese kleine revolutionäre Antowrt auf den „salonfähigen“ Kubismus hatte den Nationalsozialismus nicht überlebt. Sein Funken sollte aber weiterglühen.

Zwischen Literatur und Kunst angesiedelt gewichtete man die Elemente Typografie, Wortsinn, Bildästhetik und Lautmalerei neu und man fragt sich, ob man nicht auch in Bildern denken könne, nicht nur in der Sprache. Der Autor Ernst Jandl ist einer der bekanntesten Vertreter der Visuellen Poesie.

Parallel dazu entwickelte sich auch die Konkrete Kunst und -Poesie, die ebenfalls die festgelegten Rollen von Typografie und Wortsinn, von Geometrie und Malerei in Frage stellte, indem sie mit genau diesem Elementen operierte. Hier berief man sich auf die Forschungen Wassily Kandinskys, der den Punkt, die Linie, die Fläche in ihren Bedeutungen für das Denken des Menschen analysierte. Aber auch die Auffassung einer „gegenstandslosen Welt“ im russischen Suprematismus, den Kasimir Malewitsch im Jahr 1913 mit dem berühmten „Schwarzen Viereck auf weißem Grund“ begründete, mag für die deutsche Konkrete Kunst Pate gestanden haben.

Wie Malewitsch den Nullpunkt der Malerei und damit den Nullpunkt der gegenständlichen Kunst abtastete, versuchte auch Eugen Gomringer der Reduktion neue, aktuelle Gestalt zu geben. Eine Besinnung auf Werte, die der zen-buddhistischen Spiritualität ähnlich sind, ging damit einher. Anregungen erhielt der in Franken lebende Schweizer u.a. von Max Bense, der einst als vollkommenstes Quadrat ein „a zum Quadrat“ an die Tafel malte - die Kunst entpuppte sich als reine Mathematik. In den 50er Jahren war Gomringer Sekretär von Max Bill an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, später Dozent für Theorie und Ästhetik an der Kunstakademie Düsseldorf.

Zu Gomringers Hauptwerken zählt „das Stundenbuch“, das bereits in sechs Sprachen, zuletzt ins Japanische, übersetzt wurde. Besonders die Übertragung in japanische Kanji kommt Gomringers kontemplativem Werk entgegen, da er sich zur Zeit der Konzeption des „stundenbuches“ von den Werken des Zen-Meisters Sengai unterstützt fühlte. Ein Stundenbuch hat ja schon einst Rilke als literarische Form entdeckt, bei Gomringer tritt es in seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich ein Gebetbuch zu sein, das einen immer wiederkehrenden Rhythmus der Gedanken und Formulierungen mit sich bringt, prägnant hervor: gemäß dem Tagesablauf von 24 Stunden beschränkt er sich auf 24 Wörter, die minimal variieren und dadurch wie der Pendelschlag einer Uhr rezitierbar werden.

Der in Gmunden lebende Künstler Josef Linschinger ist der Mentor des Konkreten Kunst in Österreich. Er übersetzte nun Gomringers „stundenbuch“ in den Barcode 39. Das ist jene verschlüsselte Schrift, die heute Alltag und Welt zugleich bedeutet, da jede Ware mittlerweile damit gekennzeichnet ist. Dieser Code steht unserem Denken aber weniger als Sprache zur Verfügung, sondern mehr als visuelles Bild, weil er den Sehsinn anspricht, ohne entsprechende Bedeutungen zu enthüllen. Wer kann schon Barcode lesen, außer der Scannerkasse im Supermarkt? Die Verknüpfung von Text und Code lässt nun einige Interpretationen zu. Zum einen besinnt man sich darauf, dass Kultur - und damit vor alles Sprache - eine der ursprünglichsten „Waren“ ist, die die Menschen seit dem ersten Ton auf der Knochenflöte und dem ersten Strich in den Höhlen von Lascaux untereinander tauschen.

Nun erhält diese „Ware Sprache“ eben eine aktuelle und noch dazu global lesbare Zeichenzuschreibung. Zum anderen kehr man den meditativen Aspekt der Konkreten Kunst und Poesie hervor: „Durch die Übertragung in den Code 39 erhält der meditative Inhalt zum ersten Mal eine adäquate universelle Gestalt. Das reine Sehbild des Codes bietet der inneren Stimme neue Bindung und einen Rhythmus des Lesens, der dem Lesen von Architektur gleicht“, schreibt Gomringer in seinem Nachwort zum neu aufgelegten „stundenbuch“, das den Liebhabern der „Konkreten“ wärmstens ans Herz zu legen ist.

(Rezension im: Kulturbericht Oberösterreich. Monatsschrift des Oberösterreichischen Landeskulturreferates, #8/2005)