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Kurzbeschreibung

Vater kehrt zurück

– und jetzt sitzen sie wieder an den Wirtshaustischen und meinen so schlecht war das damals doch gar nicht, jedenfalls gäbs die Langzotteligen oder Glatzköpfigen mit den Ringen in den Ohren nicht und sie sind sich einig, dass die Regierung längst den Kontakt zum einfachen Menschen verloren hat, die hat nur ihre eigenen Gehälter und Diäten im Sinn und wie sie sich gegenseitig einwickeln können. Und der rote Vizebürgermeister kann nur zu Wahlzeiten grüßen und kriecht mit seinem ganzen Team dem schwarzen Bürgermeister in den Arsch, und der wiederum lasse, wenns brenzlig wird, einen Zettel in den Anschlagkasten hängen, dass die Sprechstunde diesmal ausfallen muss. Sie finden, dass es schizophren ist, dass wir Fremdarbeiter, noch dazu Türken, ins Land holen bei unserer eigenen Arbeitslosenrate und dass achthundert Lehrer auf der Straße stehen und Ärzte Taxi fahren müssen, da muss es doch eine Lösung geben, dass man sie um unser Geld als Entwicklungshelfer ins Ausland schickt, na das ist ja auch so eine Lösung, das hat man schon gehabt in den Dreißigerjahren und was dann herauskommen ist, weiß man ja eh – da sind wir bei der EU gelandet und ein Betrieb nach dem anderen sperre zu, dort zwanzig, dort fünfzig Arbeitslose, ja, wer um Him-melswillen soll das bezahlen, da gehört eine feste Hand her, die ordentlich durchgreift mit den Privilegien und Arbeit schafft, von der EU dürfen wir uns nichts erhoffen außer billigem Schlagobers und Mehl – mit den Knödeln daraus kannst jemand erschlagen – und Büchern, wer außer ein paar Spinnerten kauft denn so viele Bücher, dass sich das lohnt –

Damals im Jahre 1945, als zuerst die Amis und dann die Russen kamen, haben sie schnell die Hakenkreuzfahnen von den Dächern und dem Kirchturm geholt und saubere weiße Leintücher hinausgehängt und die Hitlerbilder hat man von den Wänden genommen, über den hellen Fleck hat man ein Madonnenbild oder »Jesus mit dem blutenden Herzen« gehängt.

Auf unserer Wohnungstür war jeden Morgen ein Hakenkreuz aus rotem Lack gemalt, das meine Mutter mühsam mit der Spachtel abkratzte, aber am nächsten Morgen war es wieder dort. Der russische Leutnant, den meine Großmutter Peter nannte und für den und seine Untergebenen meine Großmutter und meine Mutter die Wäsche besorgen mußten, hat eine wegwerfende Geste gemacht und gesagt: »Wir wissen – .«

Dann stand eines Tages ein Mann in einer zerfetzten dreckigen Uniform, den Kopf mit blutverkrusteten Bandagen umwickelt, die Schneidezähne ausgeschlagen vor der Tür und sagte »Kathi – « und fiel der Länge nach hin. Meine Großmutter und meine Mutter schleppten ihn auf die Matratzen, die die sogenannten Widerständler – unsere ganze Stadt hatte sich im Widerstand gegen Hitler befunden – übrig gelassen hatten, und meine Großmutter legte ihm ein nasses Tuch über den Mund.

Der Leutnant wies auf die eingeschlagene Fensterscheibe und sagte: »Wieder?«
»Ja«, sagte meine Mutter.

Am späten Nachmittag kam er mit drei anderen Russen, die alle Kalaschnikows umgehängt hatten und aus deren Hosentaschen Handschellen baumelten. Einer nahm aus einem Sack eine Flasche Sauhoadernen; sie tranken schweigend, die Dämmerung brach herein, niemand drehte ein Licht auf, dann war es dunkel und man hörte wieder Stimmen von der Gartenseite her, dann flog ein Stein in die Wohnküche, dann stiegen sie ein.

Der Leutnant drehte das Licht auf, die Widerständler erstarrten, einer wollte aus dem Fenster davon, eine Garbe streckte ihn nieder, die anderen wurden mit den Handschellen gefesselt.
»Aber – das sind doch Faschisten!« sagte einer ungläubig. »Wir wissen«, sagte der Leutnant. »Und sie werden Strafe bekommen. Ihr seid Einbrecher, Diebe.«
Sie wurden abgeführt. Zeitig am nächsten Morgen bimmelte das Totenglöckchen, dann Gewehrsalven am Steinbruch an der Aistbrücke Richtung Lasberg.
Wir gingen hamstern, zwanzig Kilometer nach Sankt Leonhard, wo wir zwei mit uns verwandte Bauernfamilien hatten. Ein Laib Brot, ein halber Striezel Butter, wir gingen die zwanzig Kilometer zurück.

Wir gingen zum ÖVP-Nationalratsabgeordneten, dem »Weinberl-Franz«.
»Aha«, sagte er. »Zerscht habts es mit de Nazi ghalten und jetzt mit de Russen. Für solche Leut kann i ka Fürsprach einlegen.«

Wir gingen zum Blöchl in Lasberg, zum »Vater des Mühlviertels«. Er hörte uns nicht einmal zu Ende an …