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Kurzbeschreibung

Schicksalsgemeinschaft

Die frischen Früchte sind die besten. Wir müssen handeln trotz aller zuwiderlaufenden Umstände. Die Umstände werden sich nie zu unseren Gunsten zurechtbiegen, oder nur kurzfristig. Die Handlung der Umstände ergibt die Handlung des Romans. Der Lauf der Handlung ergibt sich zwangsläufig. Wie wir sehen, haben wir es also mit einem konstruktionsfeindlichen Roman zu tun.

Die Personen und die Gedanken des Romans sind die nichtkonstruierten Personen und Gedanken der fortlaufenden Handlung der fortwährend fortlaufenden Umstände. Was sich umständlich auszudrücken scheint, ist lediglich die exakte Darstellung der tiefer zugrunde liegenden Strukturen der Umstände. Der Roman wird sich im gesteigerten Maß als leserfreundliche Literatur erweisen, doch das nur am Rande.

Der Roman wird sich verschiedener teils neuer, teils vertrauter Elemente bedienen. Diese Elemente werden unkonstruiert und doch gleichsam therapeutisch eingesetzt, sodaß sie wie Medikamente für den Leser wirken. Warum der Leser Medikamente braucht, liegt völlig klar auf der Hand. Er, der gequält und geschunden wurde und wird, der überstülpt wird mit Nebensächlichem, mit Pseudogefasel, mit Vorgekautem, mit Hochkulturellem und Niedervulgärem, der endlos gelangweilt wird, überschüttet mit Polemik, genervt von naseweisem Engagement und Naivität in allen Schattierungen und Maskeraden, er, dessen geduldiges Hirnarchiv so oft mißbraucht wurde, er verdient unser Mitleid – er hat gerade noch zum gnädigsten aller ihm helfenden Wirkstoffe gefunden. Über all das wird später viel oder gar nichts zu hören sein. Der Medizinalrat wird sich hüten, Prognosen zu stellen, die sich unter Umständen nicht erfüllen könnten.

Wenn wir uns mit der Kunstform des Romans befassen, kommen wir aus dem Gähnen nicht mehr heraus. Deshalb ist es höchste Zeit, daß der endgültige Roman geschrieben wird. Diese Vorbemerkungen sind aus dem einen Grund notwendig, um das Nachkommende, das ohne das Vorangehende undenkbar wäre, ins rechte Licht zu rücken. Alle ungültigen oder nur anfangs-gültigen Romane stehen unverrückt im linken Licht. Als Roman bezeichnen wir einfacherweise jedes Schriftstück mit einer gewissen Länge und einem gewissen Inhalt. Der Punkt, wo die Gewißheit des Inhalts und die Ausdauer des Lesers eine nachhaltige Prüfung erfahren, muß definiert werden, steht also zur Debatte, aber nicht hier.

Um uns dem eigentlichen Romangeschehen zu nähern, müssen wir erst mit der Hauptfigur bekannt werden. Sie heißt Romanheld.

Der Leser und der Medizinalrat bilden eine Schicksalsgemeinschaft für die Dauer des Romans oder darüber hinaus. Sie gehen eine Vernunftehe miteinander ein, zu beiderseitigem Nutzen. Der Medizinalrat imaginiert den rat- und trostsuchenden Patienten als Vorwand seiner Imagination. Und der Leser bedarf, ob er es zugibt oder nicht, einer Brücke als Basis seiner Identifikation. Daß die Figur »Roman« gleichzeitig als Thema des Romans fungiert, beeinträchtigt klarerweise vielleicht die Identifikationsmöglichkeiten von Seiten der Leserschaft. Doch indem dies zugegeben wird, gleicht sich dieses Manko wieder aus.

Generell hat der Leser sehr viele Seiten in den Händen. Die Handlung wird durch die Triebe vorangetrieben. Den Leser als untätig zu betrachten, wäre ein fataler Irrtum. Ganz im Gegenteil, der Leser ist Mit-Täter, allein schon durchs Umblättern. Vom eigenen Trieb des Umblätterns angetrieben, wird der Leser mitschuldig am Verlauf des Romans. Doch verdient er es keineswegs, deshalb in den Mittelpunkt gerückt zu werden.