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Kurzbeschreibung

Am Gipfel des schneebedeckten Vulkans angekommen, ohne daß darüber gesprochen worden wäre, nehmen die Expeditionsteilnehmer ihre Ferngläser zur Hand, um die zu erwartende Eruption wahrnehmen zu können. Alle Anzeichen deuten auf den bevorstehenden Ausbruch hin. Sobald die Spitze des Kraters heftig zu vibrieren beginnt, an Heftigkeit derart zunimmt, daß einige die Augen schließen, erhebt sich eine Rakete aus dem inneren des Berges, womit die Bedeutung des Holzgerüsts erkennbar wird, das um den flachen Gipfel des Vulkans errichtet worden war und von dem angenommen wurde, es sei als Schneewächte gedacht, um das Abrutschen der Schnee- und Eiskrone zu verhindern. Schlagartig wurde einsichtig, daß dies von sekundärer Bedeutung sei und die in solider Zimmermannsarbeit ausgeführten Gänge in Wirklichkeit einem anderen Zweck dienen müßten.


Rezensionen
HWK: Keine Angst vor Theorie!

Der ehemalige Wettkampfschwimmer Manfred Chobot hat mit "Der ertrunkene Fisch" einen Erzählband vorgelegt, der von der Bibliothek der Provinz in einer derart noblen Ausstattung herausgegeben wurde, daß es sogar dem nicht allzu Bibliophilen auffällt, Freude macht und einer Buchprämie - schon wegen Fehlens von jeglichem Firlefanz - wert wäre. Stammt der ansprechende Buchtitel auch von einer Geschichte über die aktive Sportlerzeit des Autors, ist er doch passend für die gesamte Sammlung der Texte, keine weit hergeholte, zufällige Überschrift, sondern Programm. Nicht bloß, daß das adjektivisch gebrauchte Partizip Perfekt ("ertrunken") nahe legt, daß jeweils das unheilvolle Geschehen bereits abgeschlossen ist, wenn das Erzählen beginnt, wird hier auch noch Untergang, ja Scheitern am ureigenen Element angekündigt, also Tragik pur, die sich bis ins reflexive Scheitern und Doch-Nicht-Scheitern des Autors im Element des Erzählens, der Sprache, weiterspinnt. Was der Titel erwarten läßt, erfüllen die einzelnen Beiträge des Buches, das ist bei Erzählbänden leider nicht üblich heute, war es wahrscheinlich auch nie, und fesselt den Leser obendrein, denn trotz dieser strukturalen Vorgabe sind die Beispiele des Untergeschehens derart vielfältig und die Texte so sparsam gestaltet, daß von einer Berechenbarkeit keine Rede sein kann.

Es ist eine äußerst unsichere Welt, die Chobot darstellt. Aber nicht der eher sprichwörtliche als wahrscheinliche Blumentopf ist es, der den Figuren auf den Kopf zufällt, sondern die spezielle immanente Gefährdung, die in jedem einzelnen Dasein liegt, führt zu den unterschiedlichen Katastrophen oder Beinahe-Katastrophen. Da wird ein illegal abtreibender Gynäkologe mit einem wahrscheinlich verbluteten Mädchen im ausgebrannten Auto gefunden; da gerät ein junger Schwimmer in den Bannkreis des alles bestimmenden und erfassenden Leistungssports, bis auch die chemische Unterwerfung des Körpers, die Selbstbeschädigung, nicht mehr außer Frage steht; da beschwert sich eine verwirrte Greisin im Altersheim darüber, daß nur alte Weiber in ihrem Zimmer seien, meint aber hoffnungsfroh, auch das werde zu überstehen sein, und schließt mit der Aussage, daß das Gedächtnis das letzte Aufgebot sei; Aufgebot - also etwas, das eher auf Hochzeit und Zukunft hinweist, denn auf das Ende.

Und dann zeigt noch der Schlußteil - wahrscheinlich der am besten unterhaltende Abschnitt - ein Ersaufen im eigenen Element: Ein Schriftsteller schreibt vier Briefe an Duden, in denen die Sprache aufgrund des Augenmerks auf all ihre Doppeldeutigkeiten zerfällt. Diese Briefe werden ein besonderes Licht auf die vorangestellten Texte, das erkennen läßt, was für eine Illusion die Vorstellung einer präzisen Sprache, einer präzisen sprachlichen Erfassung von Wirklichkeit ist.

Daß sie nicht willkürlich sind, zeigen diese Schlußpassagen, die Texte dunkel und oft fragmentarisch gehalten - sodaß sie dem Leser detektivisches Vorgehen abverlangen. Alle Dunkelheit kommt von der illusionären Vorstellung möglicher Eindeutigkeit. Nicht nur der Schreiber, sondern auch jeder bewußte Berichterstatter weiß, was alles, um nicht vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, weggelassen werden muß, nicht erzählt werden kann, und wie dann die wirklich vorgebrachte Geschichte zwar schlank und häufig mit einer eindeutigen Botschaft versehen dasteht, das ihr zugrundeliegende Geschehen aber nicht zu einem Bruchteil erfaßt. Das Element, in dem sich der Dichter tummelt, trägt nicht, es ist das Medium, in dem er wie der Fisch ertrinken muß.

Manfred Chobot hat, auch wenn just in den essentiellen Briefen Redundanz vorliegt und die fünfte Erwähnung des far nicht nahrhaften Mantelfutters etwas nervt, einen der wesentlichsten Beiträge zur Erzähltheorie geliefert, der obendrein aus lauter beachtenswerten Beispielen besteht und nicht in einem Satz theoretisch wird.

(HWK, Rezension in: morgen #113, 1997)


http://www.chobot.at/body_ausgew_kritiken_13.htm

Karl-Markus Gauß: Der beständige Mehrkampf-Autor Chobot

Manfred Chobot, Jahrgang 1947, war einer von Österreichs hoffnungsvollsten Leistungsschwimmern und ist heute einer der beständigsten Mehrkampf-Autoren des Landes. Zuverlässig stellt er jeder Jahr wieder ein neues Buch vor, und ob es sich um Gedichte, Short stories, Dorfgeschichten, Kinderbücher oder bibliophile Photobände handelt, Chobot erweist sich in vielen Disziplinen und Verlagen zu Hause.

Die allseitige Versiertheit zeichnet den Autor aus und gefährdet ihn. So vereint auch die neue Sammlung mit Erzählungen höchst verschiedenartige Prosa: spannende Kurzkrimis und lapidare Protokolle des alltäglichen Verbrechens sind darunter, aber auch Exkurse in den real existierenden Surrealismus und Etüden im Absurden; vielleicht die eindringlichsten Texte verdanken sich der geduldigen Arbeit am Gedächtnis, sind autobiographische Erkundungen im Österreich der fünfziger und sechziger Jahre. Chobot bewegt sich flink auf wechselnden Stillagen dahin; die einzelnen Texte schliessen sich denn auch zu keinem thematischen Zyklus, sondern wollen als Zeugnis gelesen sein, das von einem Autor in ständiger Bewegung kündet.

(Karl-Markus Gauß, Rezension in: Neue Züricher Zeitung, 31.5.1997)


http://www.chobot.at/body_ausgew_kritiken_12.htm

Helmuth Schönauer:

Der Wahrheitsgehalt eines Buches läßt sich unter anderem leicht mit dem Innsbruck-Test feststellen: Wenn der Held in Innsbruck eine Niederlage oder gar eine Katastrophe erleidet, so kann das Buch als äußerst wahr angesehen werden. In Manfred Chobots Erzählband geht es um scheinbar normale Lebensläufe, die sich aber bei genauerer Betrachtung als Fälschung, Second-Hand-Schicksal oder Bilder aus der Wühlkiste herausstellen. So tritt in der Titelerzählung der Ich-Erzähler tatsächlich als Schwimmgenie auf, erlebt die Pubertät im Wasser und die Geschlechtsreife in Trainingslagern. Dennoch schleicht sich allmählich des Leben in Form von immer langsameren Schwimm-Zeiten ein.

Die Katastrophe geschieht dann bei einem Rennen in Innsbruck, wo der Fisch sprichwörtlich im Wasser ersäuft. Eine universale Wahnsinnsgeschichte spielt sich in den Wohnzimmern ab, als eine Samstagabend-Sendung plötzlich in die Apokalypse umschwenkt. Alle Todelspiele, die während einer Show dargeboten werden, entpuppen sich als Endzeitspiele. Ein Prediger berechnet das Gewicht jener Rakete, die die Welt zerstören wird, ein Astrologe unterlegt seine Stimmung mit einem Maya-Kalender, ein Indianer, der bei der Flugsicherung tätig ist, berechnet den Zeitpunkt, wann Kalifornien unter Wasser stehen wird. - Alle diese Blödiane, die bei "Wetten daß" auftreten, erhalten einen höheren Sinn, wenn sich ihr Blödsinn in Endzeitstimmung verwandelt. Nach dem Muster von Abenteuerfilmen a la Reinhold Messner berichtet ein Dauerabenteurer, wie er zuerst zu Fuß, dann mit einem Moped und dann mit immer besserem Gerät ununterbrochen die Welt umrundet hat. Wichtig ist nur, daß man sich das erste Moped selbst finanziert, dann steigen ununterbrochen Sponsoren ein und man muß bloß noch um die Welt fahren.

Gerade weil diese Geschichten scheinbar so bekannt sind, erschrecken wir als Leser, wenn Kleinigkeiten ein Eigenleben entwickeln. Wenn man lange genug ein Foto anschaut, so bewegt sich darin plötzlich etwas. Wenn man genau genug Chobots Erzählungen liest, so bewegt sich schließlich das Gewöhnliche. Daß die Geschichten alle wahr sind, hat ja der Innsbruck-Test bewiesen.

(Helmuth Schönauer, Rezension in: Blickpunkt, 8. August 1997)


http://www.chobot.at/body_ausgew_kritiken_11.htm