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Kurzbeschreibung

Die kleine Bar in der Nachbarschaft ist der richtige Ort, einen geruhsamen Nachmittag zu verbringen. Wenige Gäste diskutieren mit dem Barkeeper Geschäfte, die man machen sollte oder machen möchte oder machen könnte. Der Boden ist mit frischem Sägemehl bestreut, es riecht nach Sonntag und gutem altem Whisky. Am Bildschirm kämpfen die Dallas Cowboys gegen die Washington Redskins um einen Platz in den Finalspielen. Es steht sieben zu sechs für die Cowboys und second down and goal auf der Drei-Yard-Linie für die Redskins, eine Situation also, die jedem, der sich auskennt, die Erregung in die Augäpfel treibt. In diesem Moment geht die Tür auf.

Ein unglaublich dicker, unglaublich abgerissener Afroamerikaner schleppt eine unglaubliche Menge unglaublich grosser Tragtaschen in die Bar. Die andern Gäste schauen kurz auf, verschieben die Augenbrauen einen Millimeter Richtung Haaransatz und reden weiter. Natürlich stellt sich der Neue direkt neben den kleinen Reporter. »You from New York?« schlägt er ihn an. »Nein!« knurrt der zurück. Immerhin hat er die ganze Woche damit verbracht, geduldig irgendwelcher seltsamer Menschen Lebensgeschichten abzuhören.

»Where you from?« kommt der zweite Hieb. »Europa«, sagt der kleine Reporter, und die Stimme ist dünn und hart wie kalter Stahl. Er würde sich abwenden, wenn sich der Mensch nicht in die Blicklinie zum Fernsehgerät geschoben hätte. Er sieht, dass er den Spielzug verpasst hat. Es steht third and goal auf der Zwei-Yard-Linie. Das Publikum rast. Der Mensch gibt vorläufig Ruhe, gräbt aus seinen Taschen unglaubliche Mengen unbeschriebener Glückwunschkarten, schaut sie lange an. Die Verteidigung wehrt den touchdown ab, die übrigen Gäste feuern die Bildschirmmännchen an.

»Lausbuben!« Dem kleinen Reporter reisst’s den Kopf herum. Der Mensch erklärt: »Ich hasse Fussball.« Immer noch deutlich und 12 deutsch, und ohne Akzent. »Ich war in der Schule immer der kleinste, mich haben sie immer zuletzt gewählt. Da ging ich lieber in die Bibliothek. Ich habe ein Semester in Weimar und eines in Heidelberg studiert. Die Doktorarbeit schrieb ich über die Deutsche Literatur des Mittelalters. Jetzt habe ich einen Teilzeitjob an der Universität Boston, in der Bibliothek. Spezialisten der Deutschen Literatur des Mittelalters sind in diesem Land nicht sehr gefragt. Ich habe eine Zeitlang versucht, dem amerikanischen Traum nachzurennen. Wahrscheinlich sind meine Beine auch dafür zu kurz. Übrigens: ich heisse Forest.«

Sie plaudern eine Weile, dann sammelt Forest seine Taschen ein, verabschiedet sich und zwängt sich durch die Tür. Der kleine Reporter wendet sich dem Spiel zu. Es ist aus. Die Redskins haben die Cowboys in einer der dramatischsten Auseinandersetzungen dieser Saison zwanzig zu siebzehn besiegt; die Reporter ereifern sich über den fumbel in der endzone, der das Spiel entschied; die Reporter sind sich einig, dass beide Teams eine superbowl-reife Vorstellung geboten haben.

Schreibe: Was will der Sonntag mit der Sonne, was kann der Montag mit dem Mond? Was gewänne die Welt, wenn man das Jahr im Dezimalsystem mässe? Wie haben Sonntage ausgesehen, als es noch keinen Sonntag gab? Merke: Der Lösung eines Problems stellt sich meistens das Problem in den Weg.

[...]


Rezensionen
Manfred Papst: Schmankerln

In der guten alten Zeit enthielt die Wochenendausgabe der NZZ neben grossen Bildreportagen auch eine vierzehntäglich erscheinende Doppelseite mit allerlei feuilletonistischen Kurzwaren: Wortgeschichten und Aphorismen, Dramoletten und Gedichten, Glossen und Rätseln. Einige dieser Texte, so die «Streiflichter aus der Antike» des Altphilologen Klaus Bartels, fanden später den Weg aus der Zeitung zwischen zwei Buchdeckel.

Das ist nun auch der Serie «Der kleine Reporter» geglückt, die in den Jahren 1993 bis 1997 erschien. Ihr Verfasser ist Christoph Braendle, ein Schweizer Publizist und Regisseur, der seit 20 Jahren hauptsächlich in Wien lebt und schon eine ganze Reihe von Büchern sowie Theaterstücken verfasst hat. Seine Geschichten von unterwegs sind alle gleich aufgebaut: Sie beginnen mit einem Ereignis, einer Anekdote oder einem Reiseeindruck des «kleinen Reporters» und schliessen unter «Schreibe» und «Merke» mit Hinweisen zur Nutzanwendung sowie einer kleinen «Moral von der Geschicht» – meist ironischen kleinen Volten.

Braendle ist zwar kein Polgar (wer wäre das schon?), aber seine kleinen Reisebilder haben sich gut gehalten. Sie sind leicht, farbig, heiter, und so bleiben sie eine erfreuliche Lektüre, auch wenn ihr Anlass längst verblichen ist.

(Manfred Papst, Neue Zürcher Zeitung, 4.11.2007)


http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/schmankerln-1.579087