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Kurzbeschreibung



[...]

Der dicke gemütliche Begleitonkel hatte Franzi im Direktorgebäude des Jugendheims Rosenhof in Graz zeitig am Morgen abgeholt, frisch geschneuzt und gekämmt war er dort gesessen, immer wieder das Lamento des Direktors im Nacken, dass er, Franzi ja selber schuld sei, er ihn weiß Gott wie oft ermahnt habe endlich brav und anständig zu werden. Jetzt sei es eben zu spät, hatte der Direktor gemeint, er müsse sich nun von Franzi trennen, im anderen Heim werde er weniger Zeit für Blödheiten und davonlaufen haben, dort würden, so der Direktor andere Saiten aufgezogen weren.

Das Heim sei weit weg, das sei gut, eine andere Umgebung, vielleicht komme Franzi dann auf andere Gedanken als jene die der Direktor für verwerflich hielt. Weil Franzi nicht bereit war ihm als Gesprächspartner zu dienen, der Direktor aber gerne den Monolog in einen Dialog umgewandelt hätte, fragte ihn jener "Na, was sagst du dazu?", und weil er keine Antwort erhielt fortsetzend "Du wirst schon sehen".

Mit dem Auto des Begleitonkels ging es dann hurtig zum Grazer Hauptbahnhof und das "Du wirst schon sehen" begann.

[...]


Rezensionen
Hannes Fehringer: Erinnerungen eines Klosterzöglings: „Prügel für alles“

Priester haben die Schlüsselbunde wie Schlagringe benutzt und die Heimkinder im Kloster Gleink verprügelt. In seiner Erzählung „Der Klosterzögling“ (Bibliothek der Provinz) arbeitet Franz Josef Stangl die Ohnmacht eines Buben und das Versagen des Jugendamtes damals auf.


OÖN: Sie haben zuvor ein Buch geschrieben Der „Bastard – der Fürsorgezögling“. Sie wurden als lediges Kind ins Heim gesteckt.

Stangl: Ich habe den Buchtitel gewählt, weil ich so gerufen wurde: Ich wurde nicht „Franz“, ich wurde „Bastard“ gerufen. Es war in einem Dorf in der Weststeiermark, stockkatholisch und ewiggestrig, schlimm, ja schlimm war das.

OÖN: Die Fortsetzung ist das Buch „Der Klosterzögling“ und beschreibt wie Sie in Obhut der Patres in Steyr-Gleink waren.

Stangl: Die Fürsorge in Graz hat mich von Graz, wo ich in einem relativ liberalen Heim war und weggelaufen bin, nach Gleink verfrachtet. Das Buch beginnt, dass mich jemand von dem Heim abholt und mit mir zum Bahnhof geht. Es beschreibt das ganze System.

OÖN: Zu dem System in Gleink gehörten Prügel ?

Stangl: Ja, ja, freilich. Das war normal damals. Die Priester haben genauso geschlagen wie die Brüder, die Fratres, wie die Weltlichen. Es war System. Die Kinder wurden mit Ruten, mit Fäusten, mit Tritten und mit dem Schlüsselbund gequält. Damals gab es ja für jede Tür einen Riesenschlüssel, der Bund hatte ein, zwei Kilo mit einem Rieseneisenring, der wurde dann auch verwendet zum Zuschlagen.

OÖN: Wofür ist man bestraft worden?

Stangl: Für Onanie zum Beispiel, fürs Zurückreden – ja, das ist eine gute Frage: Für alles und nichts.

OÖN: Wie lange waren Sie in diesem Heim?

Stangl: Von 1963 bis 1967 in Gleink, mit Ende der Schulpflicht war Schluss.

OÖN: Können Sie sagen, dass Sie diese Erfahrungen verarbeitet haben oder bleibt da immer noch etwas zurück?

Stangl: Man wird es insoweit nicht los, dass ich 50 Jahre später mit Ihnen darüber spreche. Ich habe eine freiwilligen Therapie drei Jahre mit einer Stunde pro Woche gemacht und drei weitere Jahre mit einmal im Monat. In Summe waren das 180 Stunden, wovon mir die Stadt Wien Gott sei Dank zwei Drittel bezahlt hat, aber das eine Drittel , das ich zahlen musste, entsprach einem halben Jahresgehalt damals.

OÖN: Haben Sie jemals ein Wort des Bedauerns von ehemaligen Erziehern gehört?

Stangl: Vonseiten des Herz-Jesu-Missionare-Ordens wurde auf meine Schreiben überhaupt nicht reagiert. Es wird einfach ignoriert, wie wenn ich nicht existent wäre.

OÖN: Haben Sie sich um finanzielle Wiedergutmachung bemüht?

Stangl: Ich habe mich um keine finanzielle Abgeltung bemüht, weil mir viel wichtiger ist, dass die Fehler von damals dokumentiert werden, dass sich die Leute einfach der Vergangenheit stellen und sagen „Ja, es war damals so, es tut uns leid!“ Aber ich halt es für leeres Geschwätz und merke es sofort, wenn jemand eine Wortspende gibt wie der Papst: „Es tut uns leid.“

OÖN: Prügelorgien sind ebenso schlimm wie sexuelle Übergriffe. Haben Sie Kontakt zu der Klasnic-Kommission, die von der katholischen Kirche für die Opfer eingerichtet wurde?

Stangl: Nein, der Grund ist nicht die Frau Klasnic in Person, oder dass es der Kardinal Schönborn in Auftrag gegeben hat, weil es sind ja auch einige andere drinnen, die der Kirche nicht so nahe stehen. Ich war in einer Anstalt, die keine rein kirchliche Institution war. Die Aufsichtspflicht lag dort beim Land Oberösterreich und wurde scheinbar nicht wahrgenommen, sonst hätte dieses System nicht bestehen können.

(Franz Josef Stangl im Gespräch mit Hannes Fehringer in den Oberösterreichischen Nachrichten, 2. Juli 2010)


Georg Hönigsberger: Heimskandal: "Schlimmste ist die Einsamkeit"

Goethe hat ihn gerettet. Franz Josef Stangl, 59, las über Johann Wolfgang von Goethes Höhenangst. Dieser überwand sie, erklomm den Aussichtsturm bei Weimar. "Er wurde mit dem Blick über das weite Land belohnt", sagt Stangl. "Da dachte ich mir, ich kann auch frei werden, aber da muss ich mich durchschwitzen, das wird nicht leicht."

Stangl hat sich "durchgeschwitzt". Vorbei die Jahre, in denen er regelmäßig im "Häf'n" saß, vorbei der Alkoholismus, die Drogen- und Medikamentensucht. "Eine typische Heimkarriere", wie Stangl befindet.

Er war unter anderem bei Pflegefamilien, von denen er immer wieder ausgerissen ist, dann in einem Jugendheim in Graz. Schließlich wurde der "Schwererziehbare" ins oberösterreichische Kloster Gleink gesteckt.

In seinen beiden Büchern "Der Bastard" und "Der Klosterzögling" berichtet er über diese Zeit. "Jeder Zögling hat das Maximum an dem erlebt, was gerade noch auszuhalten war", sagt Stangl heute. Prügel, Strafen, Erniedrigung. Von Pflegeeltern, von Ordensbrüdern. Im "Klosterzögling" gibt Stangl einen Dialog zwischen Frau Schiestl von der Jugendfürsorge und ihm wieder: "Dein Vater ein Krimineller von der Veranlagung her, deine Mutter eine Kriminelle von Geburt aus, hast du schon einmal an Selbstmord gedacht?" "Ja, Frau Fürsorgerin. Habe ich." "Und? Weshalb mangelt es an der Durchführung?"

[...]

Stangl erinnert sich: "Das Schlimmste war die Einsamkeit. Ich bin ja auch von den prügelnden Pflegeeltern weggelaufen. Das Gefühl war dann so schlimm, dass ich wieder zurückgekehrt bin."

[...]

(Georg Hönigsberger und Julia Schrenk, Kurier, 26.11.2011)


http://kurier.at/chronik/wien/heimskandal-schlimmste-ist-die-einsamkeit/750.636