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Kurzbeschreibung

Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und als Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst, dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit Geranien … (Günter Eich)

Eines Tages hattest du einen Traum. Die Stimme des Amtsarztes war schroff und auf dich gerichtet: »Ich muß Sie einliefern lassen.« Selbst in Träumen ist man in solchen Situationen niedergeschlagen. Du hattest jedoch die Kraft, dich aufzubäumen und schriest: »Ja, weisen Sie mich nur ein, Herr Doktor Mengele!« Der Arzt lächelte nachsichtig. Wahrscheinlich dachte er:

Gibs auf, mach keine Geschichten! Er hatte Macht, fühlte sich überlegen, wußte nicht, daß er aus altvertrauter Bürokratie entschieden hatte. Hättest du mündlich darüber eine kleine Andeutung gemache oder gar offen die Entscheidung kritisiert, hätte die Amtsperson wohl abermals triumphiert.

Diese Anstalt war eine verwunschene Anstalt.Verwunschen und verflucht von sämtlichen Insassen. Abgestorben alle Gefühle.

Schlimm, aus so einem furchtbaren Traum nicht befreit aufzuwachen. Wekerdösen in der Ohnmacht der Nacht. Die Duldsamkeit unserer Bürger ist bekannt. Einen Stich in die Lunge empfindet jeder als schmerzhaft; aber an Willkür und Rechtlosigkeit hat man sich schnell gewöhnt. Die Bitterkeit des von der Welt Ausgeschlossenen verwandelte sich in quälende Eintönigkeit, die jeder kennt, der absolut nichts zu tun hat, als zu warten und zu warten. Ja, eine ausweglose Falle. In einem kalten Bett langsam vom Krebs zerfressen werden. Wie ein Gelähmter auf die brennende Welt starren und nicht eingreifen können. Bis der Betreffende selbst ein Stück Kohle oder Aas ist. Auf was hattest du gewartet?

In einigen Minuten arretiert. Ein verwunschenes Leben in einer verwunschenen Stadt. Brüchige Mauern, die dicken Eisengitter oftmals gelötet, die wuchtigen Türen mit allerlei Defekten behaftet, die Gewehrkolben der Wärter angerostet. Die Zeit der Todgeweihten. Die Zeit des Fiebers. Die Stunden verrannen. Und als der Mann bleichsüchtig und zerknittere aus dem Kerker taumelte, war er maßlos enttäuscht von der ihn empfangenden Umgebung. Ein kleiner Spaziergang nahe dem Donaukanal. Die Wasserbrühe ist grau und schmutzig. Der Stephanscurm besteht aus Sandstein und löst sich auf. Das Hamburger-Imperium McDonald hat dieses Land als Hoffnungsmarkt entdeckt: schon schreibt der Konzern mit 29 Lokalen einen Jahresumsatz von 750 Millionen Schilling; fünf weitere Niederlassungen sollen demnächst errichtet werden.

Ein Vater sagt zu seiner zehnjährigen Tochter: Nächstes Mal stecke ich eine tote Maus in die Semmel. Das wird Mister McDonald langsam ruinieren!

Das Kind ist zutiefst empört: Dann zeig ich dich sofort bei der Polizei an!

Die Gefühle sind gänzlich abgestorben. Selbst bei Kindern. In den ehrwürdigen Gärten des Stadtparks sind die Tulpen aus Plastik, die Rosen aus künstlichem Wachs; die Geranien und Fliederbüsche der Blumenhändlerinnen in den U-Bahn-Passagen sind aus Acrylfaser. Und doch – – – Das Herz pochte wie frisch eingesetzt. Eine neue Chance. Jetzt hieß es aufwachen. Die Latrinenkultur abschütteln. Die goldenen Krücken unter die Arme klemmen. Er hatte in der Zelle viel gelesen und hatte sich ein riesiges Wissen angeeignet. Ein lebendes Lexikon. Er wußte exakt, was sich in den letzten Jahrzehnten politisch und gesellschaftlich auf den fünf Kontinenten abgespielt hatte. Mondflüge, Hungersnöte, Rassenkonflikte, Eichmanns Asche im Meer, Bob Dylan oder Jack the Ripper in London oder New York, Three Mile Island oder Harrisburg, Die Lichter gehen nicht mehr aus; unerschöpflich, bisher kaum genutzt: Aus Sonnenlicht läßt sich sogar auf der Nordlandinsel Pell-worm Strom gewinnen. Die Welt steckt voller Ögussa. Feingold-Barren mit der Prägung 999.9 und dem ögussa-Stempel sind als »good delivery« zum Handel an allen internationalen Börsen zugelassen; dahinter steckt ein Unternehmen, das seit mehr als hundert Jahren in der Welt der Edelmetalle zu Hause ist.

Du warst niemals in der Welt der Edelmetalle. Du hattest immer nur Protokolle unterschrieben. Manchmal hattest du die Unterschrift verweigert. Dann wurde mit Brachialgewalt gedroht. Du ließest dich nicht einschüchtern. Die Hohepriester des Rechts waren nicht besser als die Rechtsbrecher …