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Kurzbeschreibung

Ein Aquarium und die Sehnsucht nach Meer, zwei Freunde aus der Studentenzeit und ihre wahnwitzigen Pläne, drei Rosenstöcke und eine Ehekrise, vier jugendliche Straftäter und ihre Bibellektüre: So potenziert sich die anfängliche regennasse Heimatidylle zu einer skurrilen, aber umso realistischeren Neuinterpretation der Sintflutlegende, die an die Konsequenzen unseres Tuns gemahnt ... weil das nicht gut geht, wenn man nie ein Widerwort hört. Das verdirbt den Charakter.


Rezensionen
Jens Jessen: Meermacher

Die Literatur weiß mehr von den Krisen unserer Tage, als wir ahnen

Die Finanzkrise hat für einen historischen Moment die Beschäftigung mit der Klimakatastrophe in den Hintergrund gedrängt. Man wird aber den ungemütlichen Eindruck nicht los, es könne sich im Rückblick als fatale Ablenkung von dem größeren Problem erweisen – wie bei einem Krebspatienten, dessen dringende Operation verschoben wird, weil eine Halsentzündung mit Fieber dazwischengekommen ist. Nun ist die Finanzkrise, die sich gerade zu einer Weltwirtschaftskrise auswächst, gewiss mehr als eine Halsentzündung. Aber kann es wirklich sein, dass die Gefährdung des Weltfinanzsystems genauso schwer wiegt wie die Klimakatastrophe, die das Überleben der Menschheit gefährdet?

Das könnte in der Tat sein; jedenfalls wenn man versuchsweise die beiden Probleme zusammendenkt. Im letzten Jahr ist, von der Öffentlichkeit nur wenig beachtet, ein Roman des Schweizer Schriftstellers Christoph Braendle erschienen, der diesen Versuch unternommen hat. Der Meermacher, ein apokalyptischer Science-Fiction-Roman, endet mit der ultimativen Klimakatastrophe, einer Wiederholung der biblischen Sintflut. Die Menschheit ertrinkt. Aber in der Entwicklung dahin entfaltet der Autor das ganze Leichtfertigkeitspanorama unserer Wirtschaftsweise. Es treten die gut bekannten Projektemacher auf, die Finanzjongleure, die Marketingpropheten, die Banken und die anhängigen Betrüger. Der Weg in den Weltuntergang ist mit haltlosen Renditefantasien gepflastert.

Die Sintflut, das ist Braendles abgründige Pointe, ist eine Geschäftsidee. Und die geht so: Warum, so fragen sich die bizarr cleveren Geschäftsleute seines Romans, sollen eigentlich die Touristen zur Sommerfrische ans Meer reisen? Wäre es nicht viel besser, das Meer umgekehrt zum Kunden zu bringen? Die Geschäftsleute wollen deshalb ein gewaltiges künstliches Meer mitten in der Schweiz anlegen. Und was tut Gott? Das Meer kommt tatsächlich, aber es ist nicht das geplante, es ist ein alles übersteigendes, die Schweiz und schließlich die Welt vernichtendes.

Manchmal, in der öffentlichen Diskussion unserer Krisen, wird vorwurfsvoll gefragt, ob denn die Schriftsteller nichts dazu zu sagen hätten. Die dabei nicht formulierte, aber mitgedachte Unterstellung lautet: Die Künstler stehen heiter abseits, während der Bürger sich plagen muss. Nun, die Schriftsteller haben durchaus etwas zu sagen. Sie haben es sogar schon gesagt, sind aber nicht gelesen worden. Auch, zum Beispiel, dass der Untergang des Sozialismus nicht die demokratische Gesellschaft bringen wird, sondern eine Regression zu ältesten Feudalverhältnissen, eine Wiederkehr archaischer Patriarchen und Sippenstrukturen, ist schon formuliert worden, nämlich von dem Russen Boris Chasanow, in seinem Roman Vögel über Moskau. Er erschien im Jahre 1998.

Die Beispiele ließen sich wahrscheinlich mühelos fortsetzen. Es ist an der Zeit, die Literatur der letzten zehn Jahre endlich zur Kenntnis zu nehmen – und vor allem, was sie zu den Krisenszenarien unserer Tage zu sagen hat. Könnte durchaus sein, dass sie das ganze Elend schon vorausgesehen und erschöpfend analysiert hat.

(Jens Jessen, Die Zeit Nº 13/2009, 19. März 2009)


http://www.zeit.de/2009/13/Spitze