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Kurzbeschreibung

[Hrsg.: Agnes Husslein-Arco]


Magie und Verwandlung - Der zeichnerische Schwerpunkt im Werk von Victor Brauner

In Victor Brauners Schaffen begegnet uns als unverkennbares Merkmal eine geheimnisvolle, rätselhafte Bildwelt. Sie beruht im Frühwerk auf einer somnambulen Figuration in unwirklichem Ambiente. Bei den späteren Arbeiten überwiegen zu figürlichen Chiffren stilisierte Mischwesen. Offensichtlich mit emblematischen Anspruch entwickelt, wirken sie nicht nur verschlüsselt, sondern geradezu magisch. Denn es ist die Absicht des Künstlers, dem »Unbewussten« im Bild Ausdruck zu verleihen. In seinen Arbeiten wird »die ständige Pilgerschaft des Unbewussten unauflöslich in den Lauf des sinnlichen Wahrnehmungsvermögens eingraviert«.

Während die Menschen- und Tiergestalten der frühen Zeichnungen und Gemälde noch einen Bezug zu Anatomie, zu vorstellbaren Situationen und traumhafter Ereignishaftigkeit auszeichnet und dieses in den Gemälden von einer weichen, diffus angelegten Malweise unterstrichen ist, gilt das nicht mehr für Brauners Werk seit Beginn der vierziger Jahre. Der Künstler formalisiert sein Wiedergaberepertoire mit einer strengen Konturierung. Seine Gestalten sind zu flächigen Bildzeichen verdichtet. In ihnen bleibt die Suggestion von Raum und Volumen – zumindest bei der Mehrzahl der Beispiele – ausgeschlossen. Gerade in den Zeichnungen wird besonders gut anschaulich, wie der Künstler schrittweise zu den mysteriös wirkenden »Hieroglyphen« seiner nicht selten janusköpfigen Zwittergestalten gelangt. Dass die verblüffende Unverwechselbarkeit der Kunst Brauners mit Malern der Zeit so einprägsam ist und dabei von der Zeichnung über Gemälde bis zu Skulpturen und Objekten reicht, verdankt sie keineswegs einer Einseitigkeit weder der formalen oder technischen Anlage noch beschränkter Inhaltlichkeit, sondern der konsequenten Strategie ihres Erfinders, wie Gestalterisches und Thematisches aufeinanderbezogen und miteinander zu einer anschaulichen Symbiose finden.

Unübersehbar ist, welches enorm breitgefächerte Spektrum materieller ebenso wie gestalterischer Modi dem Künstler zur Verfügung steht. Das äußert sich allein schon im Bereich der Zeichnungen. Brauner weiß nicht nur Bleistift, Feder, Tusche, Gouache, Wachs sowie Monotypie sehr einfallsreich einzusetzen, sondern nutzt das Medium äußerst brillant. Hierin liegt die Voraussetzung, die es ihm erlaubt, seine überbordende Phantasie überzeugend zu visualisieren. Indem er die intendierte Wiedergabe mit einer für die Motivwahl adäquaten graphischen Pointierung ausstattet, erreicht er eine faszinierende Komplexität. Sie ist Garant einer elektrisierenden Wirkung auf den Betrachter, den es beunruhigt, sich so unausweichlich unbekannten Traumwelten konfrontiert zu sehen. Brauners Figuren wirken auf ihn wie Inkarnationen von Wach- und Albträumen. In dem gleichen Maße, wie sie ihn fesseln, gibt ihm ihre offensichtliche Symbolhaltigkeit Rätsel auf. Ihr Motiv-Alphabet zu entschlüsseln und seinem Geheimnis zumindest auf die Spur zu kommen, reizt ihn zwar, er muss sich jedoch eingestehen, dass seine Kenntnis in Bezug auf Geheimwissenschaften, Zahlenmystik, Esoterik, alchimistische sowie astrologische Zeichen ebenso wie das Wissen um die Freud’schen Deutungskategorien des Unterbewussten nicht ausreichen, sie in ihrer vom Künstler praktizierten Kombinatorik zu lesen.

Wie ein Alchimist hat Brauner Okkultes, Spekulatives, Kabbalistisches und Symbolisches miteinander amalgamiert. Er löst damit ein Gefühl des Überfordertseins beim Rezipienten aus. Indem er aus dem Un- und Unterbewussten gespeiste Motive sich gleichnishaft in seinen Arbeiten auskristallisieren lässt, erreicht er zwar, dass der Außenstehende seine figürlichen Phantome im Bildkontext als konkrete Gestalten erfährt und von ihrer visuellen Formulierung überzeugt ist, jedoch der Künstler nicht verhindern kann, dass der innere Kern der Darstellungen sein Geheimnis nicht preisgibt. Dem Betrachter wird vielmehr bewusst, dass er auf Vermutungen angewiesen ist, die letztendlich kaum einer befriedigenden Interpretation standhalten.

Das rührt nicht zuletzt daher, dass der Künstler wie in einem Kaleidoskop, Magie, Alchimie, kabbalistische Symbolik, astrologische Zeichen, psychoanalytische Traumdeutungen ebenso wie Märchenmetaphern der von ihm verehrten deutschen Romantiker – etwa Novalis – wie selbstverständlich nutzt.

Dieses betrifft die inhaltliche Ebene. Hinzu kommt, dass seine Auseinandersetzung mit Masken und Figuren außereuropäischer Ethnien, mit ihren Idolen und Fetischen zweifellos eine Rolle spielt. Darüber hinaus sind es dekorative Muster volkskundlicher Objekte und Bildtraditionen seiner rumänischen Heimat, die seine Bildsprache im Formalen unübersehbar prägen. In seiner Phantasie hat der Maler all dieses und viele Eindrücke mehr gespeichert, reflektiert, kombiniert, von unnützem Beiwerk gereinigt und sie schließlich in seinen Arbeiten den Erfordernissen seiner Bildvision angepasst.

Besonders effektiv funktioniert Brauners Umgang mit diesem höchst differenziert verästelten Imaginationsgewebe, wenn er seine emblemartigen stilisierten Mischwesen als schablonenartige Zeichen definiert. Davon beziehen seine ab 1940 entwickelten raffinierten Erfindungen prototypischer Sinnfiguren ihre Eindringlichkeit. Dabei überrascht nicht wenig, welchen Wandlungen er sein Vokabular unterwirft und wie er nie außer Acht lässt, es für vielschichtige Metamorphosen verfügbar zu halten. Denn er »nutzt viel zwangloser als jeder die unbegrenzten Möglichkeiten von Metamorphosen. Nie zuvor war man so weit mit der dramatischen Praxis der verborgenen Dämonologie des Menschen gegangen ... Sein Werk ist der Beweis dafür, dass ein Mensch alle Möglichkeiten in sich hat (der Widerspruch zu sich selbst sowie das Prinzip der Identität) und dass er mit allem, was ihn durchdringt, welche Richtung auch immer vorgegeben sein mag, in Harmonie leben kann.«

Unzweifelhaft ähnelt Victor Brauner als Künstler einem Proteus, der sich in die von ihm erfundenen Gestalten verwandelt. Er spiegelt sich gerade auch dort in ihnen wieder, wenn menschliche Körper mit Tierleibern, seltener mit Pflanzen oder Dingen verschmelzen. Das treibt er zum Teil so weit, dass die Grenzen zwischen Tier und Mensch verschwimmen. Folglich erlebt der Betrachter absurde Zwitterwesen, die eine überwirkliche (surreale) Präsenz besitzen und doch zugleich anspielungsreiche Sinnhaltigkeit verkörpern.