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Kurzbeschreibung

Gauner, Liebespaare, Sigmund Freud und C.G. Jung, Bohemiens, Künstler, Almhirten, Spinner, Arbeitslose, exzentrische Alte …

Langweilige Angepasstheit kann man ihnen nicht vorwerfen, den Hauptfiguren im "schwer erziehbaren Kleiderkasten". Im Gegenteil - die Art, wie sie ihre eigenwilligen Existenzformen gegen alle Widerstände durchzusetzen versuchen, ist für ihre Umgebung meist ganz schön anstrengend. Umso spannender dafür und unterhaltsamer für die Leser. Klassisch erzählt. Mit nicht zu knapp Pfeffer.



Rezensionen
Markus Köhle: Kein Kasten ohne Filz – kein Freud ohne Leut'

Was versteht man unter Schrankpädagogik, was unter Krachprävention? Wolfgang Glechners Erzählband "Der schwer erziehbare Kleiderkasten des Dr. Freud" gibt Rat und Antwort. Zwölf Geschichten enthält das Buch, neben der titelgebenden heißen diese zum Beispiel: "Der Herr der Inge", "Der Heidelbeeryogi" oder "Der Kaufhauserpresser". Man darf sich also auf Vergnügliches freuen. Aber nicht nur. Denn die großen Themen in Glechners Erzählungen sind die drei großen Ver: Verwechslung, Verlust und Versehen. Dass es der Autor versteht, diese Themen vergnüglich zu präsentieren, ist schon mal eine Qualität und kein Schaden für die Lesenden.

Diese Erzählungen sind keine Kurzgeschichten, verknappt, reduziert und ausgespart wird hier nichts, im Gegenteil. Da wird wiederholt, von neuem angesetzt, gehaspelt und sich in Satzschlaufen verheddert. Die Erzählweise kommt der mündlichen Rede sehr nahe. Ganz warm ums Herz wird einem bei dieser einwickelnden Erzählart. Da fühlt sich einer sehr der mündlichen Erzähltradition verpflichtet und verschriftlicht das überzeugend. Glechner nimmt die Lesenden bei der Hand, legt falsche Fährten aber führt dann doch sicher zum überraschenden Schluss. Da mögen die Ausgangssituationen oftmals sehr vertraut oder auch klischeehaft erscheinen, irgendwann schlagen die Geschichten einen unvorhersehbaren Haken und laufen in eine Richtung weiter, der man als Lesender mit Interesse folgt.

Entenköder beim All-you-can-eat-Buffet
So kann man in diesem Buch beispielsweise erfahren: Wie aus einem Anagramm (von Heringe) eine komplexe Beziehungsgeschichte wird. Welche Bedeutung das Krönungsjahr von Ferdinand den Zweiten haben kann, wenn man eine Prag-Reise macht. Wie man beim All-you-can-eat-Buffet Entenköder auslegt. Was man unter einer vollautomatisierten M5-Bestellung zu verstehen hat. Was mechanisches Portemonnaieziehen über den Ziehenden verrät. Was chinesisches Tiramifu und was ein Wugl ist. Was Fliegen geil macht. Wie eine emeritierte Buttermilch ausschaut und unter welchen Umständen es mildernde Umstände für Erzählungen geben kann.

Überdies wird alltägliches gebührend erhöht, denn die Hofer-Produktangebotspalette wird zu Unrecht vernachlässigt in der zeitgenössischen Literatur, das gilt auch für das Restl-Essen bei der Interspar-Happy-Hour. Es wird überhaupt gern gegessen in diesen Geschichten: chinesisch (billig), vietnamesisch (exotisch), französisch (fein) aber auch mal ganz einfach almisch (selbst gemacht). Getrunken wird aber schon auch nicht zu knapp. Und erzählt werden die Geschichten dann auch stets den Stammtischbrüdern und -schwestern.

Wirtshausatmosphäre gratis
Man kann einen derartigen Stammtisch aufsuchen, ordentlich in Bier investieren, einen schönen Abend haben, vermutlich viele ähnliche Geschichten hören, allein, man wird Tags drauf vermutlich einen Kater und das Meiste wieder vergessen haben. Deshalb soll man das Geld eher in dieses Buch investieren, die Wirtshausatmosphäre kriegt man gratis dazu geliefert, man kann somit mehrere Abende verbringen und am jeweiligen Tag danach ruhig so lange schlafen, wie es beliebt, weil besser lange schlafen und fit, als früh aufstehen und den ganzen Tag müde sein, würde wohl einer der Helden aus Glechners Erzählungen argumentieren. Sollte man das Gelesene dennoch vergessen haben, kann man es problemlos nachlesen (das ist u. a. das Gute an Büchern) und man kann es mitunter sogar weiter erzählen (das ist u. a. das Gute an sozialen Kontakten). Dieses Buch ist also eine gute Investition.

(Markus Köhle, Rezension in: DUM. Das Ultimative Magazin Nr. 57, März 2011)


Elisabeth Zahlmayer:

Der Autor Wolfgang Glechner stellt seinen 12 sehr unterschiedlichen Erzählungen diese Bemerkung voran: "Handlungen und Namen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig."

Was die Namen betrifft, stimme ich den Autor gerne zu. Aber die Handlungen? Hier agieren die verschiedensten Charaktere dermaßen logistisch, dass der geneigte Leser, die geneigte Leserin gar nicht umhin kann, die genüsslich gemalten Eigenartigkeiten in sich selbst oder in Personen des Freundes- oder Bekanntenkreises wieder zu erkennen. Der ganz normale Wahn – Sinn eben; vielleicht erfunden, möglicher Weise empfunden, eventuell auch gefunden. Das Ganze zubereitet mit ausgesprochen schöner Wortwahl, mit Augenzwinkern und mit bisweilen epischer Breite, die die wohlgesinnte Rezensentin immer wieder an Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit" erinnerte – was als Kompliment zu verstehen sein möge.
Natürlich berühren nicht alle Erzählungen gleich stark, zu divers sind die Themen, doch handelt es sich bei jeder einzelnen um ein feines Kabinettstückchen, Cabaret mit typisch österreichischem, wienerischem Einschlag.

Alles in allem ein vergnügliches Werk für Menschen mit Sinn für Humor, Skurrilitäten und Neugier. Ein kleines apercu sei mir noch zum Abschluss gestattet:
"Se non e vero, e ben Trovato!"

(Elisabeth Zahlmayer, Rezension in: Driesch. Zeitschrift für Literatur & Kultur Ausg. 5/2011)