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Kurzbeschreibung

Eva Petrus-Pekny. [Hrsg. von Adelheid Picha]


Der Weg von der Langgasse in Linz nach Bethlehem ist weit. Vom Karmelitinnenkloster, Langgasse 17, in die Bethlehemstraße ists keine halbe Stund. So nah, so weit. Von der Langgasse 17 führen die Wege sternförmig in meine Kindheit. In dieses weite Land – nur ein paar Gassen – mit den unvergeßlichen Schauplätzen, den nie mehr wieder erreichten Spielorten.

Die Langgasse 1930. Sie ist eine ungeteerte Straße mit einem schmalen und einem breiteren Gehsteig. Der schmale Gehsteig verläuft uns gegenüber entlang einer Mauer, der Gartenmauer vom weitläufigen Garten der »Barmherzigen Schwestern«, der damals das Krankenhaus umgibt. Wenn es Frühling wird, dann blüht es verheißungsvoll über die Mauer in die karge Langgasse herüber. Die Vögel aus dem Geäst der Gartensträucher und -bäume wecken mich. Vorösterlich – süß – verheißungsvoll.

Im Frühsommer reifen die Judenapferl und fallen auf den schmalen Gehsteig. Für uns Kinder eine begehrte Frucht. Im Herbst erwischen wir ein paar Nüsse vom großen Nußbaum. Dem Schwesterngarten gegenüber unsere lange Hausfront, das Kloster der Karmelitinnen, in dem wir wohnen. Die einzige Hauspartei mitten im Klosterbereich. Die dazugehörige Kirche bildet den Abschluß des Klosters, am Eck die Gesellenhausstraße. Sie stellt die Verbindung zum großen Karmelitinnengarten dar, der heute noch existiert, genau wie damals, hinter der Mauer, eine Enklave. Mitten in der zubetonierten Stadt der Karmelgarten. Heute eine leuchtende Metapher.

Vis-à-vis der Gsellenhausgarten. Unser Paradies. Heute zubetoniert. Er gehört zum großen Kolpingbereich, von uns »Gsellenhaus« genannt. Wohnhaus für katholische Gesellen mit der dazugehörigen Gastwirtschaft, das ist ein großer Speisesaal, wo sie für wenig Geld zu essen und zu trinken bekommen – gutes Essen, nicht kärgliches, auch ein Seiderl Bier – und das Kolpingtheater, unser Theater. Der Gehsteig auf unserer Straßenseite ist ein bißchen breiter. Er hat die Breite von zwei quadratischen Pflastersteinen, die unsere Sprungfelder zum Tempelhupfen sind. Mit Kreide zeichnet Hubert den Tempelhimmel darauf. Der Himmel zeigt in die Herrenstraße direkt zum »Weißen Lamm«. Das gibts nimmer, verschandelt.

Die Herrenstraße grenzt rechtwinkelig die Langgasse ab. Wenn man den »Himmel« übersprungen hat, wieder hinaustritt, geht man geradewegs aufs »Weiße Lamm« zu. Kannst auch hineingehen, es ist ein kleines liebes Wirtshaus. Ganz gewöhnlich. Heute wärs eine Rarität. Unscheinbar. Gulyasgeruch. Eine gemütliche Gaststube mit einer Schank und ein kleines Extrazimmer. Das Extrazimmer hat schwarze Holzwände, natürlich nur bis zur Sessellehne. Die Wände der Gaststub sind aus eingedunkeltem Naturholz, nur bis zur Rückenhöhe.

Geborgen ist man da. Niedersitzen möcht ich, dableiben. Tisch, Stühle, Lampen, alles ganz gewöhnlich. Unprätentiös original. Nicht gestylt auf etwas Bestimmtes, auf ein Rustikalstüberl oder auf ein Beisl, eine Bürgerstube, ein altes Wirtshäusl, auf Art déco, auf Barock oder Jugendstil. Alles ist natürlich gewachsen, original. Nix Besonderes, darum so besonders. So war das »Weiße Lamm«.



Rezensionen
Günther Nenning: Und des Lebens Leben ist Geist

Richard Pils traut sich was. Er nennt seinen Verlag "Bibliothek der Provinz", mitten in der Globalisierung. Er druckt in Heidenreichstein, mitten im Waldviertel. Und das Komische: er hat Erfolg, der Spinner. Er verlegt Bücher, an die sich kein professioneller Verlag heranwagt. Eins nach dem andern. Und viele Treffer. Pils nutzt die Sehnsucht der lesenden Seelen nach Büchern, in denen die Seele was zu lesen kriegt. Futter in dürrer, dümmlicher, dröhnender Zeit.

Eva Petrus-Pekny, "Der Weg nach Bethlehem", 220 Seiten. Bethlehem ist die Bethlehemstraße in Linz. "Diese Straße geht weiter und weiter, und Bethlehem erreicht man nie." Einige Gassen weiter: "Langgasse 17. Im Kloster der Karmeliterinnen wächst das Kind Eva auf. Mitten im Karmel vor der heiligen Tür, die sich niemals öffnet. Im ersten Stock wohnen wir ..."

Manchmal ist die Tür einen Spalt offen in den Klostergarten: absolute Klausur ... Ein bissl tauche ich an der Tür und sehe hinaus, hinein ins Paradies ... Heute tu ich's und habe Glück, nicht ohne Reue. Sehe Nonnen im braunen Gewand, Gemüse ernten ohne Schleier ..."

Was ist das Geheimnis solcher Sehnsuchtsliteratur? Warum lesen das die Leut', und gerne? Das Geheimnis ist unlösbar, sonst wär's ja keines. Aber es ist fortsetzbar ins Geheimnis unseres Lebens, des Trotzdemlebens inmitten Barbarei. Wodurch die Sehnsucht wächst.

Kultur heißt Einheit mit dem Leben der Leute, der einfachen. So einfach haben sie's gar nicht. Denn heute heißt Kultur Zwiespalt mit dem Leben der einfachen Leute. Dankbar sind sie, wenn wer vom wirklichen Leben schreibt. Wenn wer dieses Schreiben auch noch verlegt, ist es ja ganz unglaublich.

"So g'schwind schaust gar nicht, fahren sie wieder an mit Lastern, laden ab. Was denn? Ihr Elektronikglumpert, Kraxen für Faxen, Zelte, Bänke, Griller. Tribünen, Boxen, lauter Boxen, Lautsprecherboxen. Spektakel allemal bis über die Donau, zum Pöstlingberg hinauf. Cultura glamura."

Der Geist, der des Lebens Leben ist, ist nichts Kompliziertes. Bei den Kindern ist er zu Hause. "Langgasse 17. Der Altar in der Küche. Mein Bruder Hubert ist Hohepriester. Das umgedrehte Stockerl auf der Kohlenkiste ist seine Kanzel. Er hat dort gepredigt, auch zelebriert. Kerzen, Maiglocken, Vergißmeinnicht. Hubert zelebriert. Die Ev(a) kniet. Die Klingel ist griffbereit. Sie klingelt ja doch wieder zu spät. Die Ev singt. Na ja, o je, o weh. Aber die Wandlung! Unvergleichlich, wie der Hubert verwandelt hat. Der Geist weht, wo er will."

Weil das Kind spielt, ist es der bessere Mensch. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" (Schiller). Eva Petrus spielte am Linzer Landestheater, später vielbeschäftigt in Deutschland und im Rundfunk. Ehe mit Romuald Pekny, einem Großen des Theaters und des Films. Sohn Thomas wird Bühnenbildner.

Lebensfreundschaft mit Adelheid Picha, Schauspielerin wie sie, und Johannes Daxner, Organist und Komponist. Im Ausseerland, am Grundlsee, wird das Gabillonhaus zur Pflanzstätte des Ausseer Kultursommers", seit vielen Jahren (1988).

Indem ich dies so hinschreibe, fällt mir auf: ein ganz normales kleiner Leute Leben, dessen Lobpreis mir am Herzen liegt, ist das ja gar nicht. Ich weiß trotzdem, warum mich diese Familie und dieses Buch fasziniert. Weil Zeugnis abgelegt wird von der Stille und Würde einfachen - oder sagen wir's ruhig altmodisch - "bürgerlichen" Lebens, auch wenn es höchst bemerkenswert verläuft.

Jedes Dummi, das heute am Starhimmel aufflackert für ein paar klägliche Augenblicke - schlägt mehr Krach. Wer nicht in "News" ist, ist nicht in der Welt. Lassen wir uns doch nicht blödmachen. In Wahrheit ist es umgekehrt. Wer so viel Krach schlagen muß, um überhaupt bemerkt zu werden - der soll uns herzlich verdächtig sein.

(Günther Nenning, Rezension in: Die Presse, [?])


http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/236717/Und-des-Lebens-Leben-ist-Geist