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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Andrea Welker]


„Der Unterschied zwischen euch deutschen und uns polnischen Juden“, erklärte mir einmal mein Doktorvater, der damalige Doyen der israelischen Historiker, Jacob Talmon, „liegt darin, daß ihr zur nichtjüdischen deutschen Kultur von unten nach oben hinaufgeschaut habt, während wir auf die polnische Kultur von oben nach unten hinabgeschaut haben.“ Diese Worte fielen im Jahre 1972, lange nach 1933, lange nach 1945. Und natürlich verbarg sich hinter dem hinabschauenden „Wir“ für Jacob Talmon (früher Fleischer), der 1916 in polnischen Landen geboren worden war, eher ein konkretes Kollektiv als für mich, den 1943 in Jerusalem geborenen Sohn deutscher Juden.

Talmons Worte verraten viel über die Beziehungen zwischen den „Jeckes“, den „echten deutschen Juden“, und den „Ostjuden“ in der Diaspora oder auch später in Israel. Sie sind eine prägnante Aussage über die Nachhaltigkeit jüdischer Identitäten, vor allem aber über das Idealbild der sogenannten deutsch-jüdischen Symbiose und deren Klischees.


Rezensionen
Evelyn Ebrahim Nahooray:

Moshe Zimmermann ist Leiter der Abteilung für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, sein Forschungsschwerpunkt liegt vor allem auf deutsch-jüdischen und deutsch- israelischen Beziehungen.

In diesem Essay schreibt er kurz über seine Familie, die mütterlicherseits seit Generationen in Deutschland lebte und 1938 nach Palästina flüchtete, vor allem aber über seine diversen Konflikte, die ihm seine Aussagen zur israelischen Politik eintrugen.

Als „linker" Historiker warnte er immer wieder vor Tendenzen der Radikalisierung innerhalb mancher Gruppen der Siedlerbewegung, damit ist auch der Buchtitel zu erklären. Ob dabei die von Zimmermann gezogenen Vergleiche mit der Weimarer Republik wirklich passend sind, sei dahin gestellt. Jedenfalls löste er mehrfach Polemiken aus, die bis zu Gerichtsprozessen wegen Verleumdung und Volkverhetzung, wie auch einem Antrag auf Amtsenthebung durch eine Gruppe rechtsgerichteter Professoren führten.

Moshe Zimmermann ist klar, dass seine Kritik an Israel zum Teil auch von Antisemiten in Deutschland missbraucht wird, trotzdem erklärt er, dass er zu unangenehmen Wahrheiten nicht schweigen könne, denn gerade das sollte man aus der deutsch-jüdischen Geschichte lernen.

In diesem Jahr wurde ihm der Lessing Preis für Kritik von der Lessing Akademie in Wolfenbüttel verliehen, wobei die Jury zur Begründung anmerkte: "Sowohl seine historischen Arbeiten wie vor allem seine Stellungnahmen zu aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen finden große, oft kontrovers diskutierte Beachtung in der deutschen und israelischen Öffentlichkeit. " Weiters heißt es „Sein Bemühen, die weit reichenden Wurzeln geschichtlicher Vorgänge bloßzulegen, aber auch die vollkommene Unabhängigkeit seines Urteils, die er bisweilen mit Gefährdungen seiner beruflichen und persönlichen Existenz bezahlt, erinnern nicht selten an die Haltung Lessings."

(Evelyn Ebrahim Nahooray, Rezension in: David. Jüdische Kulturzeitschrift)


http://david.juden.at/buchbesprechungen/71-75/72-Nahooray3.htm