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Kurzbeschreibung

In der Nacht vom 1. auf 2. Mai 1950 wurde der Stoffhändler Josef Lackinger am linken Donauufer in Urfahr auf der Höhe der damaligen Holz- und Kohlenhandlung Viehböck erschlagen. Die Bluttat ist nie aufgeklärt, der Täter nie gefaßt worden.

Bevor sie die Arbeit beginnt, schaut sie von ihrem Dachkammerfenster auf die Donau hinaus. Im vorigen Herbst, als sie hier im Mostwirtshaus den Dienst angetreten hatte, den langen Winter hindurch, und auch im Frühling, war es um diese Zeit noch finster oder dämmerig gewesen.

Tagsüber aber sieht die Donau anders aus. Da ist sie eine vielbefahrene Straße. Die schweren Schleppschiffe verbreiten Lärm und Rauch. An den Ufern ist das Gewimmel des Alltags, und niemand nimmt sich Zeit, den kleinen Wirbeln des Wassers nachzuschauen.

Jetzt aber, um fünf Uhr früh, ist der Strom sanft und still, er gleitet langsam zur Brücke hinunter, und drüben am anderen Ufer steigt das Schloß auf wie eine Felswand. Der herbe Geruch von Wasser und Weiden kommt zum Fenster empor, auch wenn der Ruß in steinerne Dämme gezwängt ist. Er bringt diesen Geruch von weit her, von großen, unübersehbaren Auen, in denen Weiden und Erlen ihre Wurzeln ins Wasser senken.

Sie steht am Fenster und räkelt sich den Schlaf aus den Gliedern. Wie schön, daß man an einem solchen Morgen wenigstens das Fenster öffnen kann, weil der Wassergeruch einen anderen, nicht minder scharfen verdrängt: den Geruch von verschüttetem Most, den Küchendunst und überhaupt den Wirtshausgeruch in all seinen Farben. Da glaubt man immer, ein Wirtshaus rieche stets verlockend nach Zwiebel und Majoran. Aber von dem Ammoniakgestank redet niemand. Die Leute spotten oft, daß es auf dem Land nach Kuhstall rieche. Sie sollen sich einmal davon eine Nase nehmen, was da zu dem Fenster des Küchenmädchens emporschlägt wie giftiger Quaiin. »Kathi, Kathi!« ruft die Wirtin jetzt von unten über die Stiege herauf, »aufstehn, was ist denn?« Und das Küchenmädchen Katharina Kitzberger kleidet sich schnell an und steigt mißmutig die Stiege hinunter. In der Küche schiebt sie mit dem Löffel widerwillig die dicke Haut von dem Kakao, den ihr die Wirtin hingestellt hat. Dann beginnt die Arbeit.

In der niederen Gaststube, an deren Wänden deutlich die Spuren des letzten Hochwassers zu sehen sind, steht noch der Dunst von Bier und Most, und der kalte Tabakrauch verlegt einem den Atem. Wie trostlos und traurig ist so eine unaufgeräumte Wirtsstube am frühen Morgen. Die Gläser stehen herum, wie sie die Gäste haben stehen lassen, und die letzten Gäste sind meist gar nicht diszipliniert. Sie kennt sie einigermaßen, die Männer, die bis zur Sperrstunde ausharren, und sie wundert sich daher, daß noch einige halbvolle Gläser mit Most übriggeblieben sind. Müssen die aber genug gehabt haben, wenn sie ihre Zech stehen lassen. Da fällt Katharina Kitzberger ein, daß es der Kartentisch ist, bei dem sie zu arbeiten begonnen hat. Und sie lächelt verstohlen, weil sie ahnt, daß der Herr Luckinger da Fremde hergebracht hat, die er beim Präferanzen etwas erleichtert hat. Denen war's nicht ums Trinken zu tun, sondern um das Spiel, und gut gelaunt scheinen sie nicht weggegangen zu sein, wenn sie den Most stehen ließen, einen Kremstaler, der schon im Vorfrühling, noch vor der Blüte und auf dem Geläger, hier angekommen ist.