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Kurzbeschreibung

"Mein Name ist Philipp Brausewetter. Und ich habe eine Geschichte gehört, die ich euch erzählen will. Hört zu, denn sie hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Ich lüge nicht, sie ist so wahr wie ihr und ich zusammen."


Rezensionen
Martina Wunderer:

Das Unbekannte ist vorstellbar, also lässt sich davon erzählen.“ (Wolfgang Günther)

Es war einmal ein einsamer, schrulliger alter Mann in einer feuchten, kleinen Stadtwohnung. Er konnte ganz wunderbar erzählen, vom Reich der Zauberwesen, von der weißen Frau, dem Torwärter und dem bösen Gedanken, der dem Zauberer seine Erinnerungen stiehlt. Der Einzige, der ihn und seine geheimnisvollen Künste vor dem Vergessen zu retten vermochte, war der Arzt des alten Mannes, der den Weg ins Wunderland fand und dort dem Zauberer als sein Schüler zu Diensten war. Vergiss mich nicht, bat der Zauberer, als es Zeit war, Abschied zu nehmen, und die Geschichte wird weitergehen.

So kam es, dass der Zauberlehrling nach bestandenem Abenteuer in das Land zurückkehrte, aus dem er gekommen war, und seinen Beruf als Arzt wieder aufnahm. Von Zeit zu Zeit besuchte er den Alten in seiner Wohnung und sprach mit ihm über alles, was er im Reich des Zauberers erlebt hatte. Doch der alte Mann starb, und die Welt, wie er sie kannte, gab es nicht mehr.

Folgendes hatte sich zugetragen: Nachdem der Zauberer gestorben und seine ordnende Macht vergangen war, verbündeten sich die Schattenreiche jenseits der schwarzen Berge und wählten den Mond zu ihrem neuen König. Gemeinsam beschlossen sie, dass von nun an über das ganze Land Dunkelheit herrschen sollte. Und sie befreiten mit ihren gespenstischen Truppen einen riesenhaften Wolf aus dem Gefängnis der Nachtwächter, welcher dort schon seit Jahrhunderten eingesperrt war. Ihm gaben sie den Auftrag, die Königin Sonne zu verschlingen, damit es auf ewig Nacht bliebe, und alle Lichtgestalten zu jagen und zu töten.

Der Einzige, der diesem bösen Treiben ein Ende setzen kann, ist der Zauberlehrling, er allein beherrscht die alten magischen Künste, und seine Macht ist inzwischen groß genug, um die Grenze zwischen der Wirklichkeit und den Träumen aus eigener Kraft zu überschreiten. Und es gibt viele Wege in das Reich der Träume: Auf einem fliegenden Teppich [...], durch einen Kaninchenbau! Im Auge eines Hurrikans! Indem man sich durch einen Berg aus Griesbrei isst! Mittels eines gelben Zauberringes! Mit dem Zug, der auf Gleis neun-dreiviertel abfährt. Die kleine Alice, Peter Pan, Harry Potter, sie und viele andere haben bereits vor dem Arzt und Erzähler den Weg ins Wunderland eingeschlagen. Doch das Überschreiten der Grenze birgt große Gefahren. Er dürfe dabei niemals vergessen, wer er sei, hatte der alte Mann ihn vor seinem Tod noch gewarnt: Wenn Sie sich nicht hüten, bannt Sie die Geschichte. [...] Dann wird die Handlung ein für alle Mal festgelegt, und Sie müssen tun und sagen, was Ihnen vorgegeben ist! Ihr freier Wille wird in Ketten gelegt, und Sie dürfen sich nur noch an die Buchstaben halten, die Ihnen das Gesetz vorschreibt.

Wenn er seine Erinnerungen und damit sich selbst vergisst, droht ihm dasselbe Schicksal wie der Schauspielerin in Bonaventuras Roman Nachtwachen, nicht mehr aus der Rolle der Ophelia zu ihrem eigenen Selbst zurückfinden, aus ihrer Theaterrolle nicht mehr aussteigen zu können. Als Zauberlehrling, als bloß fiktiver Charakter, bliebe ihm keine andere Möglichkeit mehr, als den vorgegebenen Text zu sprechen, als die Geschichte zuzulassen. Er wäre nicht mehr handelndes Subjekt, sondern nur noch Handlungsträger, ein Name in einer Geschichte.

Doch wer erzählt diese Geschichte? Und weshalb? Ist sie Wunsch oder Wirklichkeit oder beides zugleich? Begann sie mit den Worten Es war einmal oder nahm sie ihren eigenen Anfang, als einer sagte: Ich habe eine Geschichte gehört, die ich euch erzählen will. Wer ist dieser eine, der sich als Philipp Brausewetter vorstellt? Auch er ist kein klar umrissener Erzähler, der Name ist bloß ein Behelf. Vielmehr bilden die Figuren und Stimmen wie schon in im ersten Teil von Kolosz‘ Erzählung - Die Geschichte geht so - ein mehrfach verschachteltes System von Doppelgängern. Dieser Verwischung der Grenzen zwischen Autor, Erzähler und Figuren entsprach das Vexierbild auf thematischer Ebene, das in der Fortsetzung Die Geschichte geht weiter gleichzeitig reflektiert und aufs Neue inszeniert wird: Ich habe eine Geschichte gehört, die ich euch erzählen will. Hört zu, denn sie hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Ich lüge nicht, sie ist so wahr wie ihr und ich zusammen.

„Denn wahr muss sie doch sein, meine Söhne, sonst könnte man sie ja nicht erzählen.“ (Der Hase und der Igel)

(Martina Wunderer, Rezension im Buchmagazin des Literaturhaus Wien, August 2011)


http://www.literaturhaus.at/index.php?id=9100

Helmuth Schönauer:

Vielleicht die wichtigste Frage auf dieser Welt lautet: „Wie geht es weiter? - Liebespaare stellen sich diese Harte-Nuss-Frage genauso wie besorgte Eltern, die Raumfahrt oder regionale Agrarpolitiker. Aber niemand weiß eine rechte Antwort darauf. Die einzigen, die wirklich etwas Passables dazu zu sagen haben, sind die Dichter.

Martin Kolozs erzählt von der Selbstverständlichkeit, mit der sowohl die erzählte wie auch die historische Geschichte weitergehen.

Nach seiner Erzählung Die Geschichte geht so (2007) geht es jetzt erst richtig los. Ein Erzähler, der sich als Philipp Brausewetter vorstellt, hat eine Geschichte gehört, die alles in sich hat, was so eine gute Geschichte braucht. In erster Linie geht es um das Einfühlungsvermögen und offene Ohren, so ist der Erzähler einmal Psychiater und hört den Patienten zu, dann wieder Journalist und Abenteurer, in erster Linie aber ist er ein hellwacher Typ, der die Geschichten geradezu anlockt.

In bester Recherchemanier trifft Brausewetter auf den sogenannten alten Mann, der nicht nur die Weisheit mit einem lebenslangen Erfahrungslöffel gefressen hat, sondern durch seine zweideutigen Sätze alles auf der Welt erklären kann.

Diese Zweideutigkeiten heben zuerst jede straffe Erzählzeit auf, die angesprochenen Episoden liegen quasi zeitlos in der Vergangenheit und Zukunft um letztendlich jegliche Schein-Logik zu sprengen, die Kausalketten sind aufgelöst, der Sinn der Botschaften liegt in den Unterbrechungen des Erzählflusses. Die eingestreuten Lebensweisheiten sind famos und in ihrer Koan-artigen Universalität vollends alltagstauglich. Es ist immer alles da, immer (31) Mit diesem Satz lassen sich spielend jede Weltwirtschaftskrise, Bildungskatastrophe und ähnliches Ungemach aushebeln.

Der alte Mann, der solche Weisheiten verströmt, macht auf den Erzähler ungemeinen Eindruck, denn die wahre Geschichte lässt sich durch nichts unterbrechen und geht stracks weiter. Für den erotischen Teil ist die weiße Frau zuständig, die in ihrer weißen Erscheinung die Weisheit emotional untermauert. „Du wirst mich begleiten müssen, wenn du mir helfen willst. Komm! (31) Welcher Erzähler könnte da widerstehen.

Traumwandler, märchenhaftes Ambiente, Gärten aus purem botanischen Überschwang - alle gut gestimmten Begriffe des Erzählens sind hier aufgereiht, erscheinen manchmal als Aura, dann wiederum als konkretes Ding und schließlich als Lustgefühl im Leser.

Martin Kolozs reizt die Erzählung aus mit Jahrhundert-erprobten Handgriffen, verkleidet Botschaften als Geheimnisse und macht das Traumhafte haptisch dingfest. So nebenher entsteht eine gut funktionierende Geschichte, mit der man sich gerne hinübertragen lässt von einer positiven Welle zur nächsten. Eine Geschichte erzählen heißt, die Zeit anhalten, indem man ihr freien Lauf lässt. Das Leben geht weiter (63), heißt es am Schluss lapidar und heiter.

(Helmuth Schönauer, Rezension vom 3.1.2011)


http://lesen.tibs.at/node/1228