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Kurzbeschreibung

Der Regen fällt schon seit Tagen. Wir befinden uns irgendwo in einer Kleinstadt X am Ende der Welt. X ist ein Exemplar von dieser gewissen Art von Städten, bei denen die Spießigkeit aus jedem noch so kleinen Winkel, jeder Ritze zu kommen scheint. Was heißt zu kommen scheint? Es ist so. Man riecht, spürt, schmeckt es förmlich. Durch jeden noch so schmalen Türschlitz dringt sie ein. In die Räume der Menschen. In die Gehirne. Sie bestimmt die Lebensweise der Bewohner. Ihre Art traditionell und üppig zu essen, die grauen Wohnunterkünfte, ihr Mißtrauen gegenüber Fremden. Jeder und alles ist ihnen fremd. Sie selbst sich am meisten.

Und hier stehen wir nun im Regen. Total durchnäßt. Der Regen fällt schon seit Tagen. Immer dichter schließen sich die Wolken. So als wollten sie den Bewohnern von X ewig das Sonnenlicht verwehren; als wollten sie hier alles verschlingen. Aber können Wolken wirklich so gemein sein? Wahrscheinlich wollen sie den Engeln nur ersparen, sich so eine niederträchtige Rasse, genannt Mensch, ansehen zu müssen. Auf dem Pflaster bilden sich Pfützen. Es ist kein warmer Sommerregen, der alles frisch und dampfend hinterläßt. Nein, dieser Regen bringt nichts Gutes. Ein Mann hastet mit großen Schritten über den Platz. Die Pfützen überspringt er. Doch er tut dies nicht mit dieser ungebändigten Fröhlichkeit der Kinder, die es lieben über und vor allem in Pfützen zu springen. Er hat diesen besonderen Gesichtsausdruck, diese fast mechanische Gelassenheit, die Leute mittleren Alters besitzen, wenn sie unliebsamen Dingen aus dem Weg gehen. Seinen Mantelkragen hat er hochgeschlagen. Sein Gesicht ist kaum zu erkennen. Er.

Wenig später läuft eine Frau denselben Weg. Sie ist nicht besonders hübsch. Nichts Außergewöhnliches. Durchschnitt. Ihre langen glatten Haare sind vom Wind zerzaust. Sie trägt ein Kostüm, dessen Schnitt ihr gut steht, doch es ist aus billigem Stoff gearbeitet. Es ist fast unmöglich ihr Alter zu schätzen. Einerseits hat sie etwas sehr Kindliches, Mädchenhaftes an sich, aber gleichzeitig kann man die Narben der Erfahrungen an ihr entdecken, wenn man nur richtig hinsieht.
Sie.

Noch haben sich ihre Wege nicht gekreuzt. Noch weiß das Schicksal nichts vom Unglück, das ihnen bevorsteht. Wir folgen ihnen. Aus sicherem Abstand haben wir sie beobachtet. Nun wollen wir mehr wissen. Der Versuch, sie nicht aus den Augen zu verlieren, gelingt.

Schließlich kommen wir zu einem alten Mietshaus. Traurig sieht es hier aus. Trostlos. Der beige-braune Verputz bröckelt bereits. Die billigen, neuwertigen Fenster mit weißem Plastikrahmen sind völlig deplaziert. Wenige Jalousien sind hochgezogen. Unbewohnt sieht es aus. Sie öffnet die braun-orange Eingangstür, der noch deutlich der Touch der 60er-Jahre anhaftet, und betritt das Stiegenhaus.

[…]