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Kurzbeschreibung

Milan Ráček. [Ill.: Martha Griebler]


Kaum jemand aus ihrer Umgebung weiß, warum sie hinter dem nicht gerade üblichen Namen Doma ihren schönen Namen Arabella verborgen hält. Die Wurzeln des ihr von den Beduinen verliehenen Namens liegen wahrscheinlich beim lateinischen »Dom«, wobei die Endung »a« die feminine Form schafft. Weibliches Haus des Gottes oder Geistes. Ist das die kalkulierte Bedeutung des Namens? In mehreren slawischen Sprachen bedeutet »Doma« nichts anderes als »zu Hause«, ein Begriff, der sie lebenslang beschäftigte, ohne mit ihm im üblichen Sinn des Wortes fertig werden zu können. Es war entweder ein Schuss Selbstironie, oder es passierte einfach ein Irrtum, mit dem sie sich abgefunden hatte. Sie sprach nie darüber, akzeptierte diesen Namen aber auch noch in der Zeit, als sie dem moslemischen Glauben bereits den Rücken zugekehrt hatte.

Die Konversion war die Voraussetzung für die offizielle Verbindung mit dem Mann ihrer Träume, beziehungsweise die daraus folgende Konsequenz. Diese leidenschaftliche Romanze siedelte sich, im Nachhinein betrachtet, auf einer übersinnlichen Ebene an, wobei die Grenzen zur Realität für immer verschwommen blieben. Nur Doma wüsste Bescheid, hüllt sich aber in ein träumerisch verklärtes Schweigen. Bei einer ihrer ersten Reisen in die Algerische Sahara wurde sie über mehrere Stunden von einer undurchdringlichen Sandwand eingeschlossen. Der orkanartige Wind tobte mit derartiger Stärke, dass es ihr nicht gelang, die Autotür auch nur einen Spalt zu öffnen. Die Temperaturen von über 40 Grad und der Mangel an Sauerstoff im Wageninneren, gepaart mit der Enttäuschung über den Verlust der Möglichkeit, in Guezzam an der südalgerischen Grenze eine relativ komfortable Nacht zu verbringen, stimmten sie nicht gerade fröhlich. Der blaue Himmel erwies sich noch nicht eindeutig als Sieger über den Sturm, als sie schweißgebadet ihren Wagen aus der Sandverwehung zu befreien versuchte. Inzwischen erhob sich die berüchtigte Sandwand erneut und machte ihre Arbeit zunichte. Ziemlich ratlos stieg Doma auf den Gepäckträger ihres Fahrzeuges, um die sturmbedingten Veränderungen der Landschaft zu erkunden.

Nicht allzu weit entfernt sah sie, Hoffnung schöpfend, eine große Karawane auf sich zukommen. Getreu den Wüstengesetzen, halfen die Männer das Auto flottzumachen, während die Frauen sich freundlich unterhaltend ans Teekochen machten. Serviert wurde zuerst ein schwarzer, beruhigend wirkender und danach ein erfrischender Pfefferminztee. Die dunklen Schatten der Dünen kündigten unmissverständlich den Einbruch der Nacht an. Doma erschien die Aussicht, in der Geborgenheit des Beduinenlagers zu nächtigen, sehr willkommen. Der Duft der frisch gebackenen Brotfladen und das Farbenspiel des Himmels versetzten sie in eine entspannte Stimmung, in der sie nicht imstande war, ihre Gedanken zu zähmen. »Da legt jemand ein schwarzes Tuch über meine Schultern, dreht meinen Kopf leicht zur Seite, stößt einen kurzen, fröhlichen Schrei aus – dann verschlingt ihn die Nacht.«