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Kurzbeschreibung

»Looking for the golden needle«, dt.
Gerda Geddes. Aus dem Engl.: Elisabeth Ratzenböck-Wearden


Es ist immer schwierig, eine angemessene Übersetzung eines chinesischen Konzepts zu finden, und T'ai Chi Ch'uan bildet darin keine Ausnahme. Der T'ai Chi-Kreis, das Symbol von Yin und Yang, stellt die vollkommene Harmonie der zwei großen Kräfte des Universums dar. Jede birgt in sich das Embryo der anderen Kraft, was bedeutet, daß es keine ausschließlich männliche oder ausschließlich weibliche Schöpfung gibt, sondern daß jede den Keim der anderen in sich trägt, und daß es einen ständigen und allmählichen Wandel gibt. Zusammen symbolisieren Yin und Yang alle komplementären Gegensätze im dualistischen Universum. Yin muß immer vor Yang kommen, denn es symbolisiert die ursprüngliche Dunkelheit vor Yang, dem Licht der Schöpfung.

Yin sind die urzeitlichen Gewässer, ist die passive, weibliche, instinktive und intuitive Natur; die Seele, die Tiefe, die Kontraktion, das Negative, das Sanfte und Biegsame. Yin wird symbolisiert durch alles was dunkel und feuchten Ursprungs ist, so wie die Farbe schwarz, die Erde, das Tal, Bäume und die meisten Blumen, nachtaktive Tiere und Geschöpfe, die im Wasser und an feuchten Plätzen leben.

Yang ist das aktive Prinzip, das Männliche, der Geist, Ratio-naiität, Höhe, Weite, das Positive, das Harte und Unnachgiebige. Yang wird dargestellt durch alles was hell, trocken und hoch ist, durch die Berge, den Himmel und die Vögel.

Die Fabeltiere in China, wie der Drache, der Phönix, die Schildkröte und das Einhorn können beide Qualitäten, Yin und Yang, verkörpern. Sie lassen die Einheit und das vollkommene Zusammenspiel dieser zwei Kräfte oder elementaren Erscheinungsformen erkennen. Im Blumenreich verkörpert die Lotusblume diese Qualität. Obwohl Yin und Yang Gegensätze sind, stehen sie nicht in Opposition zueinander, sondern sie ergänzen einander. Ohne Anfang und ohne Ende besteht zwischen ihnen eine kontinuierliche Bewegung. Diese zwei Kräfte werden durch Spannung zusammengehalten. Nicht in Feindseligkeit, sondern als wechselseitig voneinander abhängige Partner, vom Wesen her eins, aber zwei in der Erscheinung. Stellt das Wort T'ai Chi die Kräfte der Natur in einer Art Gleichgewicht dar, so wird das Wort Ch'uan hinzugefügt, um zu beschreiben, wie diese Kräfte gelenkt werden. Und wenn schon nicht gelenkt, dann zumindest vom Menschen benutzt. Von den Höhen der abstrakten Theorie führt das Heranziehen des Wortes Ch'uan zur praktischen Anwendung des T'ai Chi.

Ch'uan kann als Faust oder Macht übersetzt werden. Ch'uan kann auch Ausgewogenheit bedeuten. Die geballte Hand, so wie sie im T'ai Chi Ch'uan gebraucht wird, muß nicht unbedingt eine aggressive Faust sein. Sie kann für Konzentration stehen oder dafür, daß man sich selbst im Griff hat. Ein Experte im Gebrauch des Ch'uan zu sein, zeigt, daß man weiß, wie man seine Energie und seinen freien Willen benutzt und wie man mit sich selbst in Harmonie lebt.

Die Entwicklung des T'ai Chi Ch'uan spiegelt die philosophischen Konzepte der drei wichtigsten Denkrichtungen in China wider: Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus. Es soll hier nicht über die großen Lehren geschrieben werden. Sie müssen nur insofern angesprochen werden, als sie mit dem T'ai Chi Ch'uan in Verbindung stehen. Das alte Bewegungsritual des T'ai Chi Ch'uan stammt hauptsächlich aus dem Taoismus. Der Taosimus ist eine rein metaphysische und mystische Religion. Andere Religionen haben ihren mystischen Aspekt, Taoismus aber ist reine Mystik. Taoismus ist ein Begriff, der von der westlichen Welt benutzt wird, um eine der großen Bewegungen in der chinesischen Gedankenwelt zu unterscheiden, aber er hat keine systematische Lehre und kein Glaubensbekenntnis. Taoismus kann nicht zu einer Ansammlung von zu befolgenden Regeln gemacht werden. Er ist in erster Linie eine kosmische Religion und studiert das Universum sowie die Stellung und Aufgabe des Menschen und aller darin befindlichen Lebewesen und Phänomene. Dschuang Dsi sagt: "Tao ist ohne Anfang und ohne Ende."

Tao, der Weg, steht für eine Lebensweise, nicht für eine geistige Denkrichtung, und kann nur verstanden werden, wenn er gelebt wird – das ist auch die Ursache dafür, daß von den frühen Taoisren so wenig schriftliches Material hinterlassen wurde. Jeder Mensch muß in sich selbst seine eigene Wahrheit, seine eigene Schönheit, seine eigene Tugend finden …