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Kurzbeschreibung

Manfred Chobot. Mit Fotos von Manfred Horvath


Sie müssen wissen, junger Mann, ich bin die Älteste von uns Kameradinnen. Alle sind schon gestorben, nur ich lebe noch. Alle anderen hat der Herrgott schon zu sich genommen. - Was schätzen Sie, wie alt ich bin? (Bei dem Alter von Bauern habe ich mich bereits oft verschätzt. Einmal habe ich gemeint: so um die siebzig. Dabei war der knapp über fünfzig. Ich rate nicht mehr.) Achtundsechzig. Da schauen Sie, was? Aber ich bin gesund, nur die Füße wollen nicht mehr so richtig mitspielen.

Wissen Sie, ich wollte schon den Herrn Pfarrer fragen, ob unser Herrgott meint, daß ich so brav war und darum so lange leben darf, oder ob ich so schlimm war, daß ich so lange dableiben muß. Aber (sie flüstert) meine Tochter hat mir verboten zu fragen. (Auftritt einer Frau unbestimmten Alters:) Gehst eine, Mama! (Zum Fremden) Sie müssen entschuldigen. Redts scho wiedar an Bledsinn - wos?

Am nächsten Morgen fahren wir 80 Kilometer östlich. Ein kleiner Ort. Im Sommer Fremdenverkehr. Wir sitzen in einer Küche, werden bewirtet und hören von den Problemen eines burgenländischen Nebenerwerbsbauern, der während der Woche in Wien in einer Fabrik arbeitet. Bauer, Bäuerin und Jungbauer haben noch Arbeit, die getan werden muß. Wir sind mit der Großmutter allein. Sie schenkt uns Wein nach und sagt: Jo, jo, de Sau holt nuit geaum oftn fuig nim aun wuig, hir nix mön weutn dea laten guifn weat, naha weat keufen, poin feut doiktn, oftn gaun schuik, weat kuifn, den Sau … Entschuldigung, wir haben nicht ganz ver-… De Sau holt nuit geaum oftn fuig nim aun wuig, hir nix mön weutn dea laten guifn, naha weat kuifn, poin feutn… Also die Sau, Sie haben die Sau… Weat kuifn poin feut doiktn, oftn gaun schuik weat kuifn, den Sau fuit gwen, ni weat wuin laut is poin nusa Sau … Wir resignieren und nicken gelegentlich. Ab und zu garnieren wir mit Mhmmm, Mmmmm. … Sau fol zut schui gwen, koin töl nuit moin, weat… Der Zimmervermieter ein paar Häuser weiter sagt immer während des Sommers (in den Ferienmonaten ist er schwerer zu verstehen als im Winter): Jungejunge, Sachen jibt et, da kiekste, wat.

Der Fortschritt schreitet forsch; macht auch nicht halt vor dem burgenländischen Ort I. Als die Rohre für die Kanalisation unter den Straßen des Dorfes lagen, wurden die Untere Hauptstraße/ die Obere Hauptstraße und die A.-Straße neu asphaltiert. Im Gemeindeamt wurde beschlossen, Blinkampeln und Bodenmarkierungen anzubringen, um den ausländischen Gästen ein heimisches Gefühl zu vermitteln. Man einigte sich auf Linksabbiegepfeile. Bevor die gelben Symbole auf den schwarzen Asphalt gemalt werden konnten, mußte der neue Asphalt erneuert und die alt-neuen Kanaldeckel gegen neu-neue ausgetauscht werden, da bei den Berechnungen ein falscher Rechner im Spiel gewesen sein mag. Sämtliche Kanaldeckel lagen zu tief. Die achtzehn alt-neuen Kanaldeckel werden nun von der Gemeinde für die nächste Kanalisation aufbewahrt. Sonst ist bis auf die neu-neuen Schlaglöcher alles in bester Ordnung. Leider waren im Winter bloß wenige Touristen hier, die sich über die neu-alt-neuen, inzwischen überstrichenen Linksabbiegepfeile erbauen konnten.


Rezensionen
Gerhard Altmann: Gott, der Wein und die Touristen

Ein Wiener mit Zweitwohnsitz im Burgenland schreibt Dorfgeschichten. Seine profunde Orts- und Menschenkenntnis, kombiniert mit der Distanz des Zugereisten, ergibt den "Sehwinkel" unter dem der burgenländische Seewinkel betrachtet wird. Die Dorfgeschichten sind - so will es der Klappentext - "eine subjektive Bestandsaufnahme einer erfahrenen Wirklichkeit". Und Authentizität ist das Hauptanliegen des Autors: Manche Geschichten lassen sich einfach nicht erfinden. Doch auch wenn das Leben selbst die besten Geschichten schreibt, braucht es den Schriftsteller, um sie aufzuzeichnen, was auch zur Satire geraten kann. "Chobot ist ein witzig Engagierter, was nicht heißt, daß er sein Engagement durch Humor entschärft, daß er den Lesern durch Lachen den Zorn austreibt", schreibt Hans Heinz Hahnl.

Gott, der Wein und die Touristen - so könnte der Untertitel des Bandes lauten. Schon der Eröffnungstext deutet vieles an: daß das Landleben recht ungesund sein kein, daß man im Dorf I. (= Illmitz) noch an Gott glaubt oder zumindest viel von ihm spricht, daß die Großfamilie nicht die ideale Lebensform sein muß. In der Folge erfährt der Leser mehr vom unsanften Tourismus, vom Schildbürgertum der Lokalpolitiker und der Geldgier mancher Weinbauern; Chobot schreibt über Dinge, die so alltäglich oder so außergewöhnlich sind wie Wasserleichen und zu klein geratene Fliegengitter und denkt über die Legitimität von Burgenländerwitzen nach.

In seiner Darstellung kommt der kleinsten Episode hoher Symbolwert zu, schrittweise entsteht aus Momentaufnahmen ein "Fotoalbum" des Dorflebens; wenngleich man einige Bilder, nämlich jene, die landläufige Vorurteile und Altbekanntes reproduzieren, gerne daraus entfernen würde. Chobots verbale Ansichts-Karten werden von Manfred Horvath ergänzt. Das Ergebnis: Nachrichten von Menschen, die noch in den Kreislauf der Natur eingebunden sind: "Jedes Jahr im Herbst kommt das Jammern und Wehklagen über die zu erwartende schlechte Weinernte. Amen."

(Gerhard Altmann, Rezension in: Der Standard, 13. März 1993)


http://www.chobot.at/body_ausgew_kritiken_37.htm