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Kurzbeschreibung

Wulf Podzeit. Mit Radierungen von Judith Maria Goetzloff


Wulf Podzeit war ein außergewöhnlicher Mensch. Als solcher hatte er auch einen Beruf, übte jedoch im Laufe seines Lebens verschiedenste Tätigkeiten aus, bezahlte und unbezahlte. Er sprach mehrere Sprachen, ausgestorbene und slawische, und war politisch hellwach: Mit den bestehenden Verhältnissen wollte und konnte er sich nicht abfinden. Nur Idioten sind mit der Welt, wie sie ist, zufrieden. Menschsein ist das Gegenteil von Sumpertum. Und Wulf Podzeit konnte schreiben. Nicht nur wissenschaftliche Aufsätze oder journalistisch verwertbare Artikel, sondern auch Essays und Erzählungen. Er war aber auch ein Rätsel. Hatte dies mit seiner erlittenen Erziehung zu tun?

(Richard Wall)


Im Grunde genommen fängt alles immer zu früh an und schleppt sich dann nur irgendwie dahin. Das Leben hat bei mir viel zu früh angefangen, denn der Krieg war nach Jahren noch nicht zu Ende. Allein deswegen hat sich das Leben von Beginn an dahingeschleppt. Gezeugt wurde ich noch in Friedenstagen, die Hoffnung auf einen strammen deutschen Jungen war für Nazi-Eltern nichts Ungewöhnliches. Auf die Welt gekommen bin ich schon in Kriegszeiten, durchaus als deutscher Junge mit blonden Haaren und blauen Augen. Es war nicht meine Entscheidung, auch nicht, dass ich zwei Tage vor des großen Führers Geburtstag meinen eigenen feiern wollte.


Rezensionen
Erich Hackl: Traktat übers Tarockieren

In Linz müsste man sein. Hätte man sein sollen. Dann wäre Gelegenheit gewesen, Wulf Podzeit kennenzulernen, der im April 2009, kurz nach seinem 69. Geburtstag, gestorben ist. Seinen Beruf als Archäologe am Linzer Stadtmuseum hatte er mit 31 Jahren aufgegeben, weil „das kein Beruf ist, mit dem man den Krieg verhindern kann“, und anschließend als Filmemacher, Kunstvermittler und Journalist gearbeitet. Wichtig war ihm der Umgang mit Kindern, denen er eigens ein Kino gründete.

In der biografischen Notiz des mit einem innigen Nachwort Richard Walls und bewusst rätselhaften Radierungen der Mühlviertler Künstlerin Judith Maria Goetzloff ausgestatteten Erzählbandes heißt es, der Autor habe gegen Ende seines Lebens „doch noch das Glück gefunden, nach dem er gesucht hat“. Von diesem Glück künden die vier Prosastücke, die das Buch eröffnen, obwohl oder gerade weil sie von einer Kindheit und Jugend handeln, die vom Fanatismus seines Nazivaters überschattet wurde.

Gegenwärtig bleibt das Glücksempfinden insofern, als Podzeit durch die Intensität seines Erzählens zu erkennen gibt, wie wenig dem jungen Menschen, der er einmal war, die bösartigen, rassistischen, antidemokratischen Tiraden des Familienoberhaupts und anderer Autoritätspersonen – während der Schule, dann beim Bundesheer – anhaben konnten.

Mehr als Bauernhochdeutsch
Sein Blick zurück ist nicht verklärt, aber auch nicht hasserfüllt oder von der Trauer um vertane Möglichkeiten getrübt. Nur einmal gewinnt man den Eindruck, dass Podzeits Urteilsfähigkeit hinter seiner Erzählkunst zurückbleibt: wenn er in der Prosaskizze „Österreich ist frei“ den Moment evoziert, an dem er als 15-Jähriger im Non-Stop-Kino die Unterzeichnung des Staatsvertrags miterlebt hat und dabei die Erinnerung an Figls „niederösterreichisches Bauernhochdeutsch“ mit der Kritik an der Lügenhaftigkeit des Ausrufes kombiniert. So unterschlägt er einen Teil der Wahrheit, dass nämlich derjenige,von dem er nur die dialektale Färbung erwähnt, KZ-Häftling war.

Am schönsten sind die Erzählungen dann, wenn sie unaufgeregt, lakonisch, in vielen Details das vertraute Bild der österreichischen Nachkriegszeit aufbrechen: Nichts im Leben des Heranwachsenden ist gefestigt, alles scheint möglich. Der beste Lehrer macht Karriere in der FPÖ, die größten Schinder beim Heer sind der Sohn des konservativen Landeshauptmanns und ein sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter. Das sind Widersprüche, die ihn nicht anfechten. Er benennt sie, ohne der Versuchung nachzugeben, sie aufzulösen. Was er bedauert, wird nicht karikiert: „Die größte Lücke war, dass wir nichts oder kaum etwas Konkretes über Widerstand wussten, dass Mauthausen ein unerreichbarer Ort für uns war und dass die Meinung über den VdU eine unerträglich gespaltene war.“

Und dann gibt es noch, als Draufgabe, eine dreiteiliges Traktat über das Tarockieren. In diesem poetischen Zauberstück erfährt man viel über die Welt und über die Kräfte, die in ihr walten. Über Krieg und Frieden, Vorhand und Trouille, Uhu und Kakadu. Und natürlich auch über einen Menschen, den ich gern kennengelernt hätte.

(Erich Hackl, Rezension in: Die Presse, 3.2.2012)


http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/729557/Traktat-ubers-Tarockieren

Helmuth Schönauer:

Manchmal gelingt es auf skurrile Art, mit einem schrägen Motto seinem Leben einen Sinn einzuhauchen.

Der Archäologe, Filmemacher und Subkultur-Manager Wulf Podzeit hat nach drei Ehen und mehreren Herzinfarkten mit dem Schreiben begonnen, wie es verkürzt in seiner Biographie heißt. Die unter dem mehrdeutigen Titel "Eigentlich glücklich" zusammengefassten Erzählungen handeln entweder vom ungelenken Glück der Kindheit oder vom barocken Lebenssinn des Tarockspielens.

Leben schleppen nennt sich folgerichtig ein Zustand, in dem sich der Ich-Erzähler durch die ersten Jahre schleppt vollbepackt mit der unsäglichen Nazi-Vergangenheit des Vaters. So ist der Vater ein Leben lang wütend, weil der Sohn zwei Tage vor dem Führergeburtstag auf die Welt gekommen ist. Diese eigene Frühgeburt hat dem Erzähler das halbe Leben vermasselt, zumindest aus der Sicht des Vaters. Aber auch der Bruder dürfte nicht unpolitisch kindlich gewesen sein, auf die Frage, was er einmal werden wolle, sagt er stets: Ein Nazi. Und selbst die Matura in der Fünfziger Jahren wäre fast nicht zustande gekommen, weil sich der Vater geweigert hat, für den Sohn eine österreichische Staatsbürgerschaft auszufassen.

Andere Sequenzen aus der Kindheit laufen unter dem Stichwort Tante Friedas Streiche, wenn etwa im Unterricht unter der Bank ein bengalisches Feuer gezündet wird. Aber genau genommen ist es diese unbedarfte Streich-Attentatsform, die das österreichisch-Politische ausmacht, denn in Österreich ist auch der größte Widerstand oft nicht mehr als das Anzünden von bengalischem Feuer.

Die österreichische Seele freilich lässt sich am genauesten durch das Tarock-Spiel abbilden. In drei Sequenzen, in denen vor allem die Karten-Stars Uhu und Kakadu zu Wort kommen, wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich beim Tarock um kein Glücksspiel sondern um eine Weltanschauung handelt.

Im Nachwort erzählt der Schriftsteller Richard Wall von den Projekten Wulf Podzeits, von seinen widerborstigen Kulturprogrammen in den Linzer Außenbezirken und der unbeugsamen Widerstandskraft gegen die glatte Oberfläche. Ihm als Archäologen war der Tiefgang quasi in die Adern gepumpt.

Die Radierungen von Judith Maria Goetzloff lassen sich vielleicht wie ausgegrabene Glücksbringer deuten, die einst in schweren Zeiten verschütt gegangen sind. Helle Schraffuren auf dunklem Grund, ganz dem Motto verpflichtet: Eigentlich glücklich.

(Rezension: Helmuth Schönauer)


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=133286&rezid=39874