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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Peter Leisch]


Franz Kain

Vorfrühling

Ein neuer Frühling lockt die Erde,
Die Sonne wärmt
Und schläfert ein.
Ein neues Sehnen packt uns Herde
Wie bitter härmt
der Sorgenwein!

Fünf Schritte nur und tausend Zäune,
Zum Himmel spannt
der Bogen sich.
Fünf Schritte nur und tausend Träume
Sind jäh verbrannt.
– Und du und ich?

Es sind jetzt Zeiten, da die Hände
So nackt aussehn
So liebeleer:
0 wenn man jetzt nur einen Menschen fände!
Im Frühlingswehn
Vorm Blütenmeer.

(Straflager bei Leipzig 1942)


Bernhard Widder

Lichtgeruch

im bahnhof aus der endzeit des österreichischen imperiums
hat sich alles erhalten – die türgriffe, die alten türen und
fenster mit den feinen sprossen, der Steinboden im Vorraum,
der fahrkartenschalter,

der geölte hölzerne fußboden im leeren warteraum der
abwesenden reisenden. die holzbänke, ein gußeiserner
ofen. mich erstaunt der hervorragende zustand, denn alles
an diesem geräumigen gebäude

ist in der helligkeit des frühlingsmittags, als wäre es nie
renoviert worden.
als hätte es das jahrhundert in einem guß überstanden.
der ort und der bahnhof sind innerhalb einer zeitmaschine,

die ihre wirkung aber durch die benützung eines ganzen
jahrhunderts erhalten hatte, doch ohne zerstörungen.
vhod. ich suche keine besonderheit, da mir klar ist,
daß ich bereits im besonderen bin,

ohne daß dies besonders auffällig wäre.
wäre ich versucht, ein auffälliges sprachbild zu suchen,
würde ich lichtgeruch wählen, oder
scharfkantigen jähen wind.

(Stanjel, slowenischer Karst, März 1999)