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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Peter Leisch]


Andrea Allerstorfer : Turmrechnen

2 x 2 ist 4. 4 x 3 ist 12.12 x 4 ist 48. Er saß mir gegenüber und hatte wieder einmal begonnen mir zu erklären, wer er sei. Zum hundertsten Mal dieselbe Geschichte. Seine Entscheidung für die Malerei vor 10 Jahren, die Entbehrungen, die er auf sich genommen hätte, daß er als Unternehmensberater schon längst Millionen verdient hätte. Aber er hat sich für den anderen Weg entschieden, weil er eine Aufgabe hätte, eine Verpflichtung sei es. Ich begann wieder von vorne mit meiner Turmrechnung. Ich glaube nicht, daß ich jemals einen Turm zu Ende gerechnet hab. Es war auch egal, andere Leute beginnen die Fliesen am Boden zu zählen ohne Ende. Diesmal zeichnete er mir ein Diagramm auf. Ein „Versinkungsdiagramm". Er erklärte mir, daß vor allem die Phasen zu Beginn einer Versinkung wichtig wären und ich das offensichtlich noch immer nicht kapiert hätte, daß er sich auch auf eine Versinkung einstellen müßte. Aber mit diesem Diagramm fiel es mir leichter. Natürlich. Die eine Kurve stieg nach oben, die andere nach unten. Die Kurve, die nach oben stieg stellte sein Versinken mit den Wolken dar, die andere Kurve, die nach unten ging, das Versinken mit den Wellen, dem Meer. Alles nur metaphorisch zu verstehen. Na klar, also das wußte ich. Das war so, wie mit seinem Wunsch einmal 3 Wochen unter einem Baum sitzen zu können um dann eins zu werden mit ihm. Kein Mensch, nicht einmal ich würde glauben, daß er tatsächlich 3 Wochen unter einem Baum sitzen wollen würde. Oder wollte er es doch, nicht nur metaphorisch. Jedenfalls wußte ich, daß ich das jetzt nicht zu fragen brauchte. Am Beginn der Versinkung jedenfalls auf keinen Fall stören, denn da sei er noch leicht abzulenken und würde eben diesen Punkt des Einsseins mit Wolke oder fallweise Welle nie erreichen. Auch die Phase danach, die Kurve nähert sich wieder der x-Achse nicht stören. Er muß das Versunkensein verarbeiten. Ich glaube, ich begann wieder von vorne zu rechnen. Das mit dem Diagramm war neu. Aber wann durfte ich ihm eigentlich sagen, daß ich heute nacht von unserem Sohn geträumt habe? Nicht in der Früh und nicht am Abend und dazwischen war ich in Wien und er im Atelier.

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