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Kurzbeschreibung

Ich habe meinen Mann zu Tode gebissen. Nun, wo ich den Satz niederschreibe, kommt mir die Sache auch befremdlich vor. Dabei war es doch nur eine logische Konsequenz: Daß ich ihm meine Zähne in den Hals geschlagen habe, sodaß sein Blut aus den exakten Wunden meiner Schneidezähne sprudelte.

Freilich, es mußte so sein, es hätte sich nicht mehr anders entwickeln können. Die Ereignisse haben sich zugespitzt, wir waren beide dafür verantwortlich. Wer sich nicht trennen kann, muß morden. Viktor und ich, wir haben uns gut an die hundertmal getrennt. Hat aber nie etwas gebracht. Nach ein paar Stunden, Tagen oder im besten Fall, nach einigen Wochen klebten wir wieder aneinander. Viktor hat ja genauso gelitten wie ich. Man kann es auch so sehen: Indem ich ihn umbrachte, hat er sich viele weitere quälende Jahre erspart. Mit mir. Daß ich meinen Mann ermordete – angeblich auf bestialische Art und Weise – (das ist Ansichtssache, meiner Empfindung entspricht es nicht… es drückte kurzfristig noch einmal diese nicht faßbare Nähe aus, die es zwischen Viktor und mir unerklärlicher Weise immer noch gab) – also, daß ich Viktor ermordete, hat mir schlicht und einfach gut getan.

Nach der Tat war ich tagelang euphorisch. Ich fühlte mich leicht, unbeschwert. Diese Ehe war nur mehr ein Gewicht für mich, Ballast, der mich ständig niedergedrückt hatte. Und man kann mir ja auch nicht unterstellen, daß ich kurzen Prozeß gemacht hätte. Nein, bevor ich meinem Liebsten die Zähne in den Hals schlug, hatte ich mich jahrelang durch bittere Zeiten gebissen. Aber irgendwann reicht es. Der Punkt kam.

»Trenne dich, bevor es zu spät ist.« Dies sagte irgendjemand zu mir, irgendwann in den langen Jahren der Zermürbung. Ich habe gegrübelt, was damit gemeint sein könnte… Heute weiß ich! Die Warnung implizierte weiter nichts, als daß ich gehen solle, bevor es zu spät ist, um die Trennung noch genießen zu können. Und genau das ist mir gelungen. Gerade noch rechtzeitig. Der Lohn für meinen konsequenten Biß in Viktors Hals ließ nicht lange auf sich warten: Sein Herzblut sprudelte aus seinem Hals. Dem Blut war immer schon Magie zugeschrieben, ein Zauber, der Kraft gibt. Je mehr Blut aus Viktors verendendem Körper schoß, desto kräftiger fühlte ich mich. Ich erstarkte. Und ja, ich gebe es zu, ich war stolz auf die Endgültigkeit meiner animalischen Handlung: Ich habe den Feind erlegt. Denn seit Jahren war mein Viktor mein Feind.

Das Phänomen der nicht vollzogenen Trennung… Ich kenne manche Paare, die der Haß seit Jahren zusammenkettet. Keine Liebe der Welt bindet stärker, als es Verletzungen vermögen. Nie denkt man in den Jahren einer Ehe mit solcher Inbrunst aneinander, wenn die Gedanken nur durch Zuneigung und Zärtlichkeit genährt werden. Oh nein! So leidenschaftliche Verbissenheit entsteht nur durch feindosierte Verletzungen, die ihre Wirkung über Stunden abgeben. Wie Gift ...


Rezensionen
Franz Pilwachs:

Nadja Niedermair, Begründerin des bekannten Kabaretts in Wien, hat nun schon ihren zweiten Roman geschrieben, der in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Sie handelt darin ein sehr zeitgemäßes Thema ab, nämlich die schon fast selbstverständliche Unmöglichkeit, eine gute und dauerhafte Ehe zu führen.

Im vorliegenden Fall hat eine Frau ihren Mann zu Tode gebissen. Vorausgegangen ist ein zermürbendes Wechselspiel von besitzergreifender Liebe und zielgerichteter Aggression. Damit verbunden ist die triste Ehegeschichte des Anwalts der Frau, bei der ebenfalls viele Abgründe erkennbar werden. Der Roman ist in einer durchaus deutlichen und direkten Sprache geschrieben. Es mag schon sein, das es im tatsächlichen Leben so derb zugeht, trotzdem oder gerade deswegen ist die Lektüre manchmal ziemlich quälend.

Ist das Buch nun zu empfehlen oder nicht? Der Rezensent, durchwegs geteilter Meinung, denkt: doch, für jeden mehr oder weniger hart gesottenen Zeitgenossen.

(Franz Pilwachs, Bücherschau 3/2002)