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Kurzbeschreibung

Heimkehr in ein potemkinsches Dorf

Fünf Jahre lang hatte er nichts anderes gesehen als die verwanzten Barackenwände, zwischen denen immer die fünfzig selben Männer hausten, den Stacheldraht um das Lager, die undurchsichtigen Aufseher und draußen den Wald, den sie roden sollten - ein aussichtsloses Unterfangen. Aber über allem, was er tat, erschien ihm das Bild seiner Heimat, das Wesen seiner Mutter, das Antlitz seiner Frau und die Vorstellung über ein Kind, das er nicht kannte, aber von dessen Existenz er wußte. Als nur noch dreißig in der großen Hütte wohnten, kam die Botschaft, daß auch alle übrigen in die Heimat kommen sollten.

So fuhr auch er über einen Monat lang in dem Zug, der ihn durch die weite, schwermütige Landschaft, an trostlosen Sümpfen vorbei, heimwärts führte.

Manchmal blieb der Zug lange stehen, und es war nie abzusehen, wann die Fahrt fortgesetzt werden würde. Die Traurigkeit der fremden Gegend hatte jedoch keinen Einfluß auf die Gemüter der unzähligen Heimkehrer, denen die Vision des Zuhause immer näher und deutlicher erstand, sooft sich die große Prozession erneut in Bewegung setzte.

Jetzt müsse bald die Stadt kommen, meinten einige. Man sah aber nur Mauern mit leeren Fenstern wie ausgebrannte Augenhöhlen. Steine und Trümmer lagen zuhaut. Die Menschen schlichen geduckt umher, als fürchteten sie, daß auch die letzten noch stehenden Wände jeden Moment auf sie herunterstürzen könnten. Plötzlich stand der Zug wieder still - vielleicht abermals auf offener Strecke, vielleicht war ein Signal auf Halt gestellt oder wegen einer neuerlichen Kontrolle. Aber in die erste Überlegung ertönte schon: »In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn.«

Neben dem Schienenstrang stand eine Kapelle, von einem Schutthaufen in den Himmel gehoben, und zauberte das anheimelnde Lied aus ihren wie Gold glänzenden Messingröhren.

Die Heimkehrer stürmten aus den Waggons. Jetzt war also die Freiheit ganz.

Er rannte wie toll voran.

Da trat ein Mann auf ihn zu. »Wie heißen Sie? Wo wohnten Sie?«

Er nannte seinen Namen und die Gasse.

»So kommen Sie mit mir, man erwartet Sie schon.«

Er folgte dem Mann, der ihn verheißungsvoll anblinzelte. »Ich bin schon vor vier Jahren heimgekehrt«, sagte der, »war schwer verwundet. Lungenschuß, verstehen Sie?« Er verstand.

»Sie brauchen keine Angst zu haben, wenn Sie hier lauter Ruinen sehen«, sagte der Schwerverwundete, »Ihr Haus steht noch.«

Er atmete auf. »Kennen Sie meine Familie?«

»Ja, sehr gut sogar«, bemerkte der andere. »Wir müssen langsamer gehen. Ich halte das Tempo nicht mehr durch. Sie verstehen.«

Er verstand wieder. »Lebt meine Mutter noch, meine Frau, mein Kind?«

»Sie werden gleich sehen.« Der Mann rang nach Luft. »Warum sind sie dann nicht zum Bahnhof gekommen?« »Sie haben doch bemerkt, daß es keinen Bahnhof mehr gibt. Infolgedessen konnten sie auch nicht zum Bahnhof kommen.«

»Ich bemerke, daß trotz all der Trümmer wieder der Friede in das Gemüt des Menschen eingezogen ist. Man spielt wieder mit Worten, man spaltet wieder Haare.«

»Verwundert Sie dies in einer Zeit, in der man selbst Atome spaltet?«

»Ich kenne mich selbst nicht mehr aus.«

»Worin besteht Ihr Zweifel?«

»Ich meine, ich würde allein mein Haus nicht mehr finden.«

»Das glaube ich Ihnen gern.«

»Es ist sehr nett, daß Sie mich abgeholt haben. Hat Sie meine Frau ersucht?«

»Ich mache das im Auftrag der Regierung. Es wurde eine Organisation gegründet, die nur den Heimkehrern dient. Verstehen Sie? Aber hier ist schon Ihr Haus!« Sie blieben vor einer Fassade stehen. Ein Fensterflügel war offen, Blumen leuchteten aus dem Geviert. Über dem Tor prangte ein Schild: »Herzlich willkommen.«

Der Schwerverwundete rief: »Edi ist da!«

Eine Frau trat schreiend hervor. Sie fiel dem Heimgekehrten um den Hals. »Endlich bist du da!« schluchzte sie. Ihre glanzlosen Augen schwammen in Tränen. Sie warf sich an seine Brust. »Ich habe jeden Tag für dich gebetet. Gott hat uns geholfen. Er gibt uns immer wieder in irgendeiner Art die Kraft, um alles überwinden zu können.«

Er sah die Frau nochmals an. - Sie war ihm fremd...


Rezensionen
Wolfgang Ratz:

Der vielseitige Autor legt ein Buch voller packender Erzählungen vor, in denen es oft um die verdrängten Seiten der menschlichen Existenz geht. In der Titelgeschichte wird die verwüstete Wirklichkeit einem Heimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft erst nach und nach zugemutet. In der beeindruckenden Erzählung "Gottesurteil" wird aus dem angesichts der humanen Katastrophe erschütterten Glauben an die Gerechtigkeit Gottes das Bekenntnis zu den Menschen, auch um den Preis des eigenen Lebens.

In "Der Reisegefährte" wirft die scheinbare Paranoia des Sitznachbarn einen unheimlichen Schatten auf eine fröhliche Busfahrt ins Ausland. Der Leser schließt aus dem Verhalten des Reisegefährten auf schreckliche Kriegserlebnisse. Am Ende wird man um die Auflösung "betrogen", ein glücklicher Kunstgriff, der das latente Grauen noch verstärkt.

"Im Rückspiegel" wird die unbewältigte Vergangenheit, die Frage der Schuld, wie sie die nachkommende Generation insistierend stellt, auf ungewöhnliche Weise beleuchtet.

Auch der mysteriöse Text "Blinder Mann mit Ansichtskarten" zeigt Hellers Talent, anhand vordergründig unbedeutender Episoden wesentliche Lebens- und Identitätsfragen zu stellen. Nahezu vampirisches Aneignen des Lebens anderer Menschen wird nicht nur hier zum Thema gemacht.

Mit den absurden Wechselfällen des Schicksals wird der junge Kroate Felicjo konfrontiert, der in "Der Lebensretter" - wie der Leser - um das erwartete Happy End gebracht wird.

Immer wieder versuchen Hellers Protagonisten das Leben zu deuten, seinen Sinn zu erkennen, ihm sein Geheimnis zu entreißen, oft vergeblich, manchmal - wie Kowalski in "Das Orakel" - auch mit einer für die Vernünftigen unverständlichen Besessenheit.

Die Wirren der Liebe vor dem Hintergrund der Südtiroler Berge schildert ein Briefwechsel unter dem Titel "Frieda".

Ein besonderer Leckerbissen ist die Groteske "Der Denkmalstürmer", in der ein sonderbarer Professor in einer Zeit des Ungeistes Geschmack an Kampagnen gegen nicht genehme Monumente findet, und sich auch nach dem ruhmlosen Ende des Regimes dieser Tätigkeit unter umgekehrten politischen Vorzeichen, später überhaupt in immer umfassenderer Weise widmet. Zum Leiter des Denkmalamtes aufgestiegen begegnet er aber seinem Schicksal in Gestalt eines einigermaßen verblüffenden Stammbaus, durch den seine Zerstörungswut als unbewußter Hang zur Selbstauslöschung erscheinen muß.

In diesem und vielen anderen in guter, klassischer Prosa abgefassten Texten überzeugt Hellers Erzähltalent, das immer wieder vom Einzelfall ins allgemein Menschliche strebt und die psychologische Spannung mit Grundfragen der Existenz verknüpft.

(Wolfgang Ratz, Rezension in: Literarisches Österreich. Organ des Österreichischen Schriftstellerverbandes, 2/2005)