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Kurzbeschreibung

Katapult

Der Morgenstuhl war in Ordnung. Mehr brauchte Wendl nicht zu wissen. Seit der Darmoperation im Frühjahr hatten sich von Zeit zu Zeit wieder Beschwerden eingestellt. Wendls Blick im Klosett war so routiniert, daß er die kleinsten Veränderungen sofort feststellte. Obwohl sie noch nichts über vermeintliche Ursachen aussagten, waren sie doch ein Prüfstein für ihn, ob der Tag Gutes oder Böses verhieß.

Im Postkasten fand er dann einen Brief von der vierzigjährigen Büroangestelken Frieda Asslinger, mit welcher er, seit sie vom Oberamtsrat Wieselsteiner geschieden war, ein sogenanntes Verhältnis hatte. Sie lebten jedoch getrennt, und vorzüglich schrieben sie einander einiges von ihren tagtäglichen Beschwerden. Friedas Ehemaliger hatte ihr soviel »Bares« hinterlassen, zudem die Wohnung und regelmäßige Zahlungen, daß sie den Dienst quittierte und eine Vorliebe fürs Postkartensammeln entwickelte. Nicht etwa die verschiedenen Stempel, Marken oder zeitgeschichtlichen Inhalte interessierten sie, sondern die Handschriften, die sie immer wieder miteinander verglich oder gelegentlich einige Wortfetzen zu lesen versuchte.

Sie konnte allerdings der Sache schnell überdrüssig werden. So hatte sie kaum den ganzen Inhalt einer Karte gelesen, wußte also nicht, mit wem oder womit sie es zu tun hatte, sie begnügte sich mit den vielen zusammenhanglosen Wortfetzen, ja, sie fand diese schön, und manchmal lehnte sie sich zurück in ihren Sessel und seufzte und sagte: »So ein Hund!«

Auch Wendl, der sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, blödelte gerne: Wie andere Leute Geld haben, habe ich Zeit! Mit Frieda Asslinger zusammen hatte er sogar sehr viel Zeit. Oft wußten sie nicht, was sie machen sollten. Die Postkarten fand er fad. In den Tiergarten gehen fand er zu abgedroschen und sich gemeinsam einen ansaufen, dazu hatte er meistens nicht die rechte Lust und mit Frieda schon gar nicht.

Heute wäre zwar ein Tag, dachte Wendl, der anständig begonnen hat, beim Aufstehen ein gewisses Kribbeln, das er als gutes Zeichen deutete, weg mit allem Bisherigen, dachte er oft, Neuanfang, dann sah er sich schon mit dem Zug an der Küste entlangfahren und die würzige Luft riechen.

Ein Bankkonto, das ein klein wenig von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr anwuchs, eine Freundin, die ihm gelegentlich beistand, dann würde er es den Leuten schon zeigen. Er hatte sowieso die blödglotzenden Gesichter satt, die sie seinem Unternehmensdrang entgegenbrachten.

Friedas Brief legte er zuerst mit einem abfälligen Gebrumme auf den Tisch, dann schlitzte er ihn doch mit dem Zimmerschlüssel auf. Was wird sie schon schreiben? Wo es ihr heute Nacht wieder weh getan hat und die spinnerten Träume und ihr Ehemaliger kommt und fordert das Geld zurück, von dem sie auch glaubt, daß es viel zu viel gewesen ist.

Wendl hatte regelrecht eine Unlust, den Brief zu lesen. Lieber schaute er sich die Landschaft an, aber die stand auch so blöd herum, ab und zu fiel Schnee von den Obstbäumen, auf der Straße ein graubrauner Gatsch, und die Autos rollten ganz schlatzig vorbei. Weit hinten am Berg eine Kirche, zu der Wendl schon des öfteren hinaufgegangen ist, was sollte er sonst machen? Friedas Handschrift war leicht zu entziffern, zumindest für ihn, Wendl, war es leicht, er hatte sich bereits daran gewöhnt, wie er sich auch an Frieda gewöhnt hatte. Als sie sich das erste Mal sahen, war Wendl mit der Bemerkung weggegangen: So eine Blunzn!

Gelegentlich kam er sich wie ein Ehrenmann vor. Sie hatten halt einfach zueinander gefunden, wie man sagt, und das akzeptierte Wendl. In diesem Zusammenhang kam ihm oft das Wort Schicksal über die Lippen, und vieles an Frieda schätzte er wirklich. Daß sie Briefe schrieb, na gut, aber sie schrieb sie ja nur, um von Wendl eine Postkarte zu bekommen, die sie der Sammlung einverleibte. Es machte ihr nichts aus, obwohl sie über die Vielfalt der Wörter staunen mochte, daß Wendl fast auschließlich dasselbe schrieb, nämlich: Dank für den lieben Brief, mir tun die Füße weh und wie ich weiß, Dir auch, liebe Grüße Dein Otto.