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Hotel Hotel

Siegrun Appelt, Atelier van Lieshout, Sophie Calle, Peter Dressler, Hans Peter Feldmann, Candida Höfer, Uschi Huber, Martin Kippenberger, Andree Korpys, Markus Löffler, Lulic, Sarah Morris, Karina Nimmerfall, Andrew Phelps, Wolfgang Thaler, Alberto Simon, Gerold Tagwerker

Gabriele Spindler

ISBN: 978-3-902414-08-3
27 x 21 cm, 130 S., überw. Ill.
€ 22,00
Lieferbar

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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Gabriele Spindler]



Die Kunst im Hotel

Wie verhält es sich nun mit der Kunst, wenn das Hotel und damit verbundene Assoziationen nicht als inhaltlicher Ausgangspunkt für künstlerische Überlegungen dienen, sondern es selbst zum Schauplatz der Kunst wird? Wie verhält es sich also mit der Kunst im Hotel? Auch hier sind die Ausformungen eines komplexen Verhältnisses äußerst vielfältig: Kunstwerke als Teil der dekorativen Ausstattung, im Sinne von Gesamtkunstwerken gestaltete Hotel-Interieurs, Ausstellungen in Hotels, Kunstmessen in Hotels, Kunstakrionen und Ferformances in Hotels, schließlich Künstlerhotels, die, allein durch die Präsenz vieler Kunstschaffender, die ihre Spuren hinterlassen, aus gewöhnlichen Hotels entstehen, usf. Die Bilder, die man in durchschnittlichen Mittelklasse-Hotelzimmern vorfindet, erweisen sich meist als "dekorative Bildware". Die schmale Motivpalette reicht von sanften Landschaften und sehnsuchtsvollen Sonnenuntergängen bis zu pittoresken Stadtansichten. Ausnahmen, wie ein Bild von Picabia, das Hans-Peter Feldmann in einem kleinen, einfachen Pariser Hotel entdeckte, scheinen die Regel ebenso klischeehaft zu bestätigen.

Die Linzer Künstlerin Monika Pichler schafft bei besonders geschmackloser Bildausstattung im Hotelzimmer Abhilfe mit mitgebrachten Textilbildem, die über vorhandene Bilder gestülpt werden können. Im Hotelmarkt der Luxuskategorie wurde die geschmackvolle Ausstattung von Hotels mit Werken renommierter Künstler längst als Nische in einer stets um das Neue und Besondere bemühten Branche erkannt. Mittlerweile mehren sich Hotels, deren Gäste in einer Bildergalerie von bisweilen musealer Qualität wohnen. Noch mehr dem umfassenden, nicht auf das einzelne Bildwerk beschränkten Gestaltungsanspruch zeitgenössischer Kunst entsprechen Hotels, die Künstler einladen, die temporäre Gesamtausstattung von Zimmern zu übernehmen. Das Hotel Teufelhofin Basel agiert in diesem Sinne. Im Gegensatz zu Designerhotels, in denen es um ein Zusammenspiel der Gestaltung des gesamten Gebäudes geht, erhält hier jeder einzelne Raum ein individuelles Gepräge, das als künstlerische Installation füngiert.

Einen Höhepunkt temporärer Kunstausstellungen in Hotels markierte das von Hans-Ulrich Obrist 1993 veranstaltete Projekt "Hotel Carlton Palace Chambre 763". Obrist lud mehr als 70 Künstler zu einer Ausstellung auf 12 Quadratmetern ein. Sie war als ironischer Kommentar zu opulenten Großausstellungen mit endlosen Teilnehmerlisten ebenso zu verstehen wie als Beitrag zur Diskussion über Orte der Kunst außerhalb des institutionellen Rahmens. Die meisten Teilnehmer reagierten im Sinne der Site Specificity mit gezielten, zum Teil frappierend lapidaren Interventionen. In den Bereich der Ausstellungen gehören auch Versuche in Hotels Kunstmessen zu veranstalten. Die Wiener Galerie Hubert Winter organisierte in drei aufeinander folgenden Jahren bis 2001 die "Vienna Austrotel Contemporary Art Fair" im Hotel Viennart. Die Hotelräume wurden von den teilnehmenden Galeristen bewohnt und gleichzeitig für die Präsentation der angebotenen Arbeiten genützt.

Als Inbegriff der Kategorie "Künstlerhotel" galt lange Zeit das New Yorker Chelsea, das seit seiner Eröffnung 1905 zahllose Schauspieler, Opernsänger, später Schriftsteller, Rock-Musiker und bildende Künstler beherbergte. Ihr häufig exzessiver, von Krisen und Ausschweifungen geprägter Lebensstil führte dazu, dass sich um das Chelsea mittlerweile endlose Schleifen von Anekdoten ranken". Viele der prominenten Künstler-Gäste haben Spuren hinterlassen, mitunter wurde mit Kunstwerken für die Nächtigungen bezahlt" oder die eigenen vier Wände wurden von den Bewohnern ausgestattet. Von diesen nostalgischen Reminiszenzen profitiert das New Yorker Chelsea noch immer: Heute ist das Hotel an der 23. Straße vor allem bei Touristen beliebt. In den 80er Jahren entstand in Köln das deutsche Pendant zum legendären New Yorker Künstler-Etablissement, das Chelsea in der Jülicher Straße, das im Besonderen mit Martin Kippenberger und wie sein New Yorker Vorbild mit zahlreichen Anekdoten in Verbindung gebracht wird.

Schließlich könnte man noch von einer Kategorie des "Hotel als Kunst" sprechen, wenn nämlich das Betreiben eines Hotels zum künstlerischen Projekt avanciert: Studierende des Studienzweiges Raum- und Designstrategien an der Kunstuniversität Linz entwickelten im September dieses Jahres für die Initiative LeonArt, die zu Kunstprojekten in Leonding bei Linz einlud, ein temporäres "Hotel" (Gregor Graf, Markus Gmber, Gerhard Krottenauer, Peter Kulev, Stephan Lipp und Aron Rynda; Projektleitung: Stefan Brandtmayr). Der theoretische Ausgangspunkt war der Versuch einer Umkehr von Innen und Außen(-Raum), womit gleichzeitig die Frage der Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre im Hotel aufgegriffen wurde- Statt einem Zimmerschlüssel erhielt man an der Rezeption einen Schlafsack, mit dem man eines der Zelte im Inneren des Turmes bezog. Dieser Campingplatz auf Kunstrasen war für Besucher von der Galerie aus einsichtig. Der private Rückzugsbereich war somit auf ein Minimum reduziert, das gesellschaftliche Hotelleben in den Außenraum transferiert worden. Die Gestaltung berührte jedoch auch den erwähnten Themenbereich der "minimal units", und damit Fragen der mobilen und flexiblen Lebensführung.

1996 hatte in Graz Michael Zinganel das Projekt "Pension Stadtpark" realisiert. Dabei übernahmen Künstlerinnen und Künstler die diversen Dienstleistungen des Hotels, in diesem Fall ein einfaches Bettenlager. Obwohl es sowohl in der Linzer als auch in der Grazer Arbeit über eine Zusammenführung von Kunst und reale Lebenswelt und um Kunst als Dienstleistung ging, hatte die Gra-zer Pension eine unterschiedliche konzeptuelle Ausrichtung: Hier wurden im Sinne eines gesellschaftskritischen Ansatzes primär Fragen der sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen der Kunstschaffenden reflektiert.