Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Hubert Christian Ehalt (Hg.).
Bibliothek urbaner Kultur ; 4. - Edition Seidengasse


Wiens Wunde

„Wie schön wäre Wien ohne Wiener!“ trällerte Georg Kreisler, ebenfalls ein Vertriebener dieser Stadt, vor einigen Jahrzehnten und bringt das ambivalente Verhältnis vieler Geflüchteter auf den Punkt. Vierzehn Gespräche mit in Wien geborenen Persönlichkeiten (Hermann Bondi, Erwin Chargaff, Heinz von Förster, Ernst Gombrich, Walter Grab, Eric J. Hobsbawm, Marie Jahoda, Felix Kreissler, Paul Neurath, Heinz Pollak, Walter Sorell, Georg Weidenfeld, Franz Weigl, Hilde Zaloscer) sowie einige Essays enthält der von Hubert Christian Ehalt herausgegebene Band „Ich stamme aus Wien“. Die Gespräche wurden meist in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts geführt, viele der Gesprächspartner sind mittlerweile verstorben.

Gemeinsam ist den Interviewten das Aufwachsen im Wien der 10er, 20er und 30er Jahre. Die Fragen kreisen immer wieder um die selben Themenbereiche wie den Schulbesuch, die elterlichen Prägungen und das Großwerden mit den ideologischen Auseinandersetzungen ihrer Zeit. Dennoch ist jede einzelne Antwort vielschichtig und spannend, auch wenn man von ähnlichen religiösen, sozialen oder weltanschaulichen Verfasstheiten ausgehen kann.

Gemeinsam ist den in Wien Aufgewachsenen die Vertreibung aus ihrer Stadt. Die Beziehung zu Wien ist nach dieser Erfahrung zeitlebens eine gebrochene geblieben. Die Kunsthistorikerin Hilde Zaloscer etwa erinnert in ihrem Protokoll jener, „die nach dem Krieg voller Hoffnung und voll guten Willens wieder nach Österreich zurückkehrten, und die man hier nicht wollte und nicht brauchte – mie mich.“ (S. 314f.) Ruth Klüger bringt ihre Beziehung zu dieser Stadt auf den Punkt: „Wo ich in Wien hingehe, berühre ich eine wunde Stelle. (…) Wiens Wunde, die ich bin, und meine Wunde, die Wien ist, sind unheilbar. Läppisch jeder Versuch, Versöhnung anzustreben. Nur eitern müssen und sollen solche Wunden nicht, das kann durch Nachdenken und Reden verhindert werden; und das wär doch schon was, und zwar gar nicht wenig.“ (S. 275) Dieser Gesprächsband ist so ein Balsam gegen das Eitern, indem er die Vertriebenen selbst zu Wort kommen lässt.


(Georg Oswald)



Hubert Christian Ehalt hat als Wissenschaftsreferent der Stadt Wien seit 1987 im Rahmen der „Wiener Vorlesungen“ immer wieder auch Persönlichkeiten eingeladen, „die ihre Wurzeln in Österreich haben und duch den Nazi-Terror zu Flucht, Emigration und Exil gezwungen worden waren.“ Durch das Schicksal der Vertreibung hatten diese EmigrantInnen, wie Ehalt schreibt, „zuerst eine sehr distanzierte Haltung zu ihrer Heimatstadt“. Das Anliegen der Wiener Vorlesungen in diesem Zusammenhang war und ist es, für diese Gruppe der Eingeladenen „Kristallisationspunkte und -felder für ein neues Heimatgefühl in Österreich und in Wien zu schaffen.“

Die Auseinandersetzung mit dem Exil in den öffentlichen Vorlesungen, Diskussionen und Publikationen ist für Ehalt explizit auch ein demokratiepolitisches Projekt in einer Stadt mit einem „Anspruch auf Offenheit, Demokratie und Toleranz (…). Worauf es ankommt, war und ist zu zeigen, dass Wien mit Hilfe und Unterstützung der aus der Stadt Vertriebenen wieder an seine großen intellektuellen und kosmopolitischen Wurzeln anknüpfen wollte und angeknüpft hat.“

Das vorliegende, aus den „Wiener Vorlesungen“ entstandene Buch dokumentiert 14 Gespräche aus dem Zeitraum 1944 bis 2008. Leider sind einige der Gesprächspartner (Hermann Bondi, Erwin Chargaff, Heinz von Förster, Ernst Gombrich, Walter Grab, Marie Jahoda, Felix Kreissler, Paul Neurath, Heinz Pollak, Franz Weigl, Hilde Zaloscer) in der Zwischenzeit verstorben. Der zweite Teil des Buches enthält verstreut in Zeitschriften publizierte Essays von einigen der Gesprächsparner und zusätzlich von Kurt Rudolf Fischer, Joshua O. Haberman, Ruth Klüger, Frederic Morton, Bruno Schwebel, Walter Sorell, George Weidenfeld und Harry Zohn.


Rezensionen
Ingrid Reichel: Urbane Geschichte

Hubert Christian Ehalt ist Wissenschaftsreferent der Stadt Wien und Professor für Sozialgeschichte der Neuzeit an der Uni Wien. Seit 1987 ist er für die Konzeption und Organisation der hochanspruchsvollen Wiener Vorlesungen (W. V.) im Wiener Rathaus und der Publikation deren Inhalte verantwortlich. So entstanden viele Reihen: Das Dialogforum der Stadt Wien; Edition Gesellschaftskritik; Kulturkritik; Forschungen und – Studien. „Ich stamme aus Wien.“ ist das 4. Buch, welches zu der Reihe „Urbane Kultur“ zählt. Diese reichhaltige Arbeit mit den W. V. erweist sich als wahrer Fundus. Ehalt präsentiert gesammelte Interviews und Essays von namhaften, großteils bereits verstorbener Persönlichkeiten aus der Wiener Moderne, die um die Wende des 19. Jdts. in Wien geboren wurden und aufgewachsen sind. Vorwiegend sind es Juden, die 1938 rechtzeitig noch die Stadt und das Land verlassen konnten. Dabei legt Ehalt großen Wert darauf, dass seine GesprächspartnerInnen von ihrer häuslichen Umgebung und den Einstellungen ihrer Eltern, von ihrer Erziehung, von den Schulen und Professoren sowie dem damaligen gesellschaftlichen Verhalten Juden gegenüber, wie sie es persönlich erlebt haben, erzählen. In seinem bemerkenswerten Vorwort erläutert er seine Idee: „Die Buchreihe Bibliothek urbaner Kultur […] hat sich als Ziel gesetzt, urbane Kulturen als Lebenswelten und als Diskurs, als Ereignisse und Prozesse, als Strukturen und als Narrative zu erörtern. […] Das Projekt der Wiener Vorlesungen wollte der Stadt ein Stück des menschlichen und intellektuellen Verlusts punktuell wiedergeben.“ (S. 11 ff) Auch war es der Stadt ein Anliegen den einstigen Vertriebenen zu zeigen, dass sich die Stadt zum Besseren gewandelt hat. Durch genaue Analysen wäre es möglich von Vorurteilen zu Urteilen zu gelangen, die erkennen ließen, „was einst gewonnen und was verloren wurde“. Hierbei ginge es um die Chance, „Qualitäten städtischer Kultur zu fördern, zu erhalten, auszubauen und neu zu gestalten“.

Auf die einzelnen Interviewpartner und Autoren der Essays einzugehen, würde hier den Rahmen sprengen. Deshalb seien sie nur namentlich erwähnt: Hermann Bondi, Erwin Chargaff, Heinz Förster, Ernst Gombrich, Walter Grab, Eric J. Hobsbawm, Marie Jahoda, Felix Kreissler, Paul Neurath, Heinz Pollack, Walter Sorell, George Weidenfeld, Franz Weigl, Hilde Zaloscer. Zusätzlich seien noch Essays von Kurt Rudolf Fischer, Joshua O. Haberman, Ruth Klüger, Frederic Morton, Bruno Schwebel und Harry Zohn genannt.

Alle für sich sind aufschlussreich und hoch interessant.

Trotz immer wiederkehrender ähnlicher Aussagen der Beteiligten, vor allem da sie als Juden mehrheitlich der sozialdemokratischen Richtung angehörten, ihre Väter vereinzelt Gründungsmitglieder waren, großteils sich einst als Sozialdemokraten engagierten und sich der Herausgeber daher die Kritik einer hoffentlich unbeabsichtigten und dennoch langweiligen infiltrierten Parteiwerbung gefallen lassen muss, ist es und bleibt es ein faszinierendes Buch und sei für Schüler der Oberstufe aufs Wärmste empfohlen.

(Ingrid Reichel, Rezension für: LitGes – die Literarische Gesellschaft St. Pölten, [?])


http://www.litges.at/litges3/index.php?option=com_content&view=article&id=1153

W. Edgar Yates:

[…]

Aber natürlich gibt es andere faszinierende Bücher aus dem Fundus der „Wiener Vorlesungen“. Ein Band der Reihe „Bibliothek urbaner Kultur“ trägt z. B. den Titel „Ich stamme aus Wien. Kindheit und Jugend von der Wiener Moderne bis 1938“. Es handelt sich dabei wohl um eines der persönlichsten der von Ehalt herausgegebenen Bücher. Wie so oft bei Ehalt besteht der Band zum Teil aus Gesprächen, zum Teil aus Essays. Er hat vor allem jüdische Bürgerinnen und Bürger befragt, die durch die Nazis aus Wien vertrieben wurden. Für Ehalt wie für die Wiener Vorlesungen war es „ein Anliegen, Persönlichkeiten einzuladen, die ihre Wurzeln in Österreich haben und durch den Nazi-Terror zu Flucht, Emigration und Exil gezwungen worden waren“. Nach der Einführung folgen etwa 200 Seiten mit vierzehn „Gesprächen“, u.a. mit Hermann Bondi, Ernst Gombrich, Marie Jahoda, Felix Kreissler und George Weidenfeld, (der einer der einflussreichsten Verleger in England geworden war), dann zwölf „Essays“ mit autobiographischen Erinnerungen (Marie Jahoda, Ruth Klüger, Frederic Morton, George Weidenfeld und Harry Zohn gehören zu denen, die hier zu Wort kommen). Ein solches Buch liest man nicht nur einmal. Unter den vielen Passagen, die mir unvergesslich geblieben sind, ist ein Absatz in einem Teil des „Essays“ von Ruth Klüger:

„Der Wiener Dichter Theodor Kramer schrieb, nachdem er 1957 aus dem Londoner Exil nach Wien zurückkehrte: ‚Erst in der Heimat bin ich wirklich fremd.’ Ich war schon im Alter von sechseinhalb Jahren, als die deutschen Truppen im März 1938 einmarschierten, bis September 1942, als ich mit meiner Mutter nach Theresienstadt verschleppt wurde, so fremd in der Heimat wie nirgends wieder danach auf der Welt – außer in Auschwitz: dort war’s noch fremder.“

[…]

(W. Edgar Yates, Rezension in: Wiener Zeitung, 9. September 2017, S. 38)


http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/vermessungen/915569_Geballtes-Wiener-Wissen.html