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Kurzbeschreibung

Zum 89. Geburtstag von George Tabori anlässlich der Festveranstaltung am 18. Mai 2003 in der Akademie der Künste zu Berlin
Hrsg. von Andrea Welker


heutzutage ist es ziemlich umständlich in den Himmel zu gelangen, besonders für gewisse Ausländer, und auch wenn es so einem gelingen würde,es gäbe keine Garantie,dass es nicht ohne peinliche Entäuschung enstehe. Zum Beispiel: Emilio Lopez-Leibowitz

(der wahre Name ist aus religiösen Gründen geändert)

der unermüdliche Übersetzer
sitzt an seinem Schreibtisch

und übersetzt
korrigiert
dichtet weiter

ist verzweifelt
leidet

6«-

zerknüllt den Papier fetzen

findet ein schnee-weißes

fängt wieder an schnaubt
röchelt spukt
glotzt
schließt die rötlichen Augen
jammert

ist erleichtert
kaut an dem Füllfeder
wartet auf Godot
beschimpft ihn
entschuldigt sich

krächzt
kratzt sich
stöhnt grinst

lacht wie eine Hyena und endlich
um neune Uhr zehn
schafft er es

ist so weit
fertig
die Übersetzung

oder
wie er es
mit grausamen Humor
sagen würde Ich habe es

gesetzt über den oder das Sonnet 13o.

In der Zwischenzeit Esmeraida Wurst

(der wahre Name ist aus religiösen Gründen geändert)

eine äusserst sensitive, dickliche Person,
räumt auf gebückt


Rezensionen
Irene Bazinger: Der Liebhaber

Ein Jahrhundertleben: Neues von und über George Tabori

In seiner eigenen Darstellung glänzt der Darstellungskünstler am schönsten: George Tabori, nun mit neunzig Jahren der dienstälteste Theatermacher der Welt - "Shakespeare hat sich schon mit vierundfünfzig Jahren zurückgezogen" -, gab ein getipptes Manuskript frei, das in der kleinen Bibliothek der Provinz als Faksimile samt handschriftlichen Korrekturen, Einfügungen, Umstellungen erschienen ist. In der anmutig-absurden Petitesse treibt eine deutsche Übersetzung von Shakespeares Sonett Nummer 130 eine Frau in den Selbstmord, weil sie einige Zeilen fatalerweise auf sich bezieht: "Wenn Schnee weiß ist, so ist ihr Busen fahl." Der zuständige Dolmetscher wird zum Tode verurteilt und landet im Himmel zur Linken des verehrten William Shakespeare, dem er beglückt seine Nachdichtung vorträgt, worauf dieser lakonisch antwortet: "Sorry, old boy, ich versteh' nix deutsch."

Kunst und Leben überschneiden sich auf diesen sechsundzwanzig Seiten wie das Erhabene und das Lächerliche. Die große Liebe des einen ist dem anderen ein Buch mit sieben Siegeln und alles zusammen der Stoff, aus dem die Träume und vermutlich auch das kosmische, schwebende, abgründige Gelächter George Taboris sind. Dem hübschen Manuskript attestierte der Schwarzhumorist tiefstaplerisch selbst "Küchen-Deutsch", da er sonst ausschließlich auf englisch zu schreiben pflege, gleichwohl die meisten seiner Stücke übersetzt in Deutschland uraufgeführt wurden.

"Ungarisch ist meine Muttersprache, Englisch ist meine Vatersprache, Deutsch ist meine Tantensprache", wird Tabori von Anat Feinberg in der Biographie zitiert, die sie für die dtv-Reihe verfaßt hat. Die aus Tel Aviv stammende Literaturwissenschaftlerin schildert darin so wohlwollend wie nüchtern sein bewegtes Jahrhundertleben: Von der Geburt des Sonntagskindes am 24. Mai 1914 in Budapest als zweitem Sohn akkulturierter jüdischer Eltern, denen dieser Wochentag und nicht der Sabbat heilig war, über die Emigration 1935 nach London bis zur endgültigen Rückkehr nach Europa 1971, wo er, nach Engagements etwa in Bremen, München und Wien, seit 1999 am Berliner Ensemble tätig ist.

Anhand der kompakt aufbereiteten Chronologie entfaltet sie Taboris künstlerisches Œuvre und erhellt die historischen Konstellationen für dessen Entstehung. Das können die ökonomischen Zwänge in der von Tabori als "Salatsystem" mißbilligten Glamourfabrik Hollywood sein, wo zwischen 1947 und 1970 seine Filmprojekte inklusive einer Adaption von Thomas Manns "Zauberberg" mit Greta Garbo und Montgomery Clift scheiterten. Oder der Holocaust, der Taboris Familie weitgehend vernichtet hatte. Aus der unaufhörlichen Beschäftigung mit diesem Trauma entwickelte er sein Theater, das kraftvoll ungeniert den Freudschen Dreisprung aus "Erinnern-Wiederholen-Durcharbeiten" vollzieht. Bereits 1952 formulierte er anläßlich der Uraufführung seines ersten Bühnenstücks "Flight to Egypt" durch Elia Kazan in New York als ästhetisches Credo: "Ich hatte nicht vor zu gefallen. Ich wollte irritieren, stören und schockieren; die Zuschauer in Spannung halten, sie nach Hause schicken, ungeläutert, mit der Erinnerung an den Schmerz."

In Deutschland gelang Tabori mit fast sechzig Jahren der Durchbruch. Die Zeit begann, ungeachtet diverser politischer wie stammtischtrüber Attacken, reif für seine persönliche wie experimentelle Art zu werden, über Schuld, Verantwortung, die Dialektik von Täter und Opfer zu reflektieren. Allerdings weist Feinberg auch darauf hin, daß Tabori, dem seit den neunziger Jahren als "Everybody's darling" mit Etiketten wie Theater-Guru, Magier, Altmeister gehuldigt wird, gut zehn Jahre zuvor noch "zeitweilig einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe" stellen mußte, während seine Münchener Schauspieltruppe von ABM-Geldern lebte.

Zusammen mit der Zeittafel, einem Werkverzeichnis, einer soliden Auswahlbibliographie, einer knappen, aber beredten Fotoauswahl sowie mannigfachen Anmerkungen vermittelt Anat Feinberg ein so facettenreiches wie, allen anekdotischen Ausschweifungen des souverän zwischen Dichtung und Wahrheit wechselnden Causeurs Tabori zum Trotz, präzises Porträt. Jedoch ist es in einem derart hölzernen Trockendeutsch geschrieben, daß die Qualitäten hinsichtlich Recherchen und Quellenstudium manchmal zu verschwinden drohen: Schlecht zu lesen, gut zum Nachschlagen.

Nicht als Regisseur - damit assoziiert er "Regime und Regierung" -, sondern als "Playmaker" bezeichnet George Tabori seine Funktion am Theater. "Der Spielmacher" heißt nun auch die von Wend Kässens herausgegebene Gesprächssammlung, die der Wagenbach Verlag statt des angekündigten zweiten Teils von Taboris Autobiographie herausgebracht hat. Die Annäherung des Feuilletons an den Künstler läßt sich in diesen zwischen 1976 und 2000 entstandenen Interviews ebenso verfolgen wie die Verschiebung des öffentlichen Interesses vom Staunen über den kühnen, bunten Vogel zur Bewunderung seiner gezielten Tabubrüche, seiner kreativ-vitalen Vielfalt.

George Tabori bleibt sich in den über die Jahre verstreuten Beiträgen insofern treu, als stets die Liebe, Neugier und Kompetenz zu merken ist, mit denen er Menschen wie Dingen begegnet - egal, ob es um das deutsche System der Stadttheater geht oder um Samuel Beckett, den er "die einfachste Stimme, die ich kenne", nennt, ob er über seine Art der antiautoritären Schauspielermotivation spricht, mit Hilfe deren er "Sein und Schein organisch zusammenbringen" will, oder über den Wunsch, Shakespeares "König Lear" zu inszenieren. Deswegen kratze es ihn nicht, als "Amateur" tituliert zu werden, was ja nichts anderes als Liebhaber bedeute. Solche Betrachtungen, mit Noblesse und Charme artikuliert, machen das sorgsam bebilderte, mit einem Glossar und einer Vita dezent ergänzte Buch, das nur leider kein Register aufweist, zu einem gescheiten Lesevergnügen.

Dieses bieten auch die nun gemeinsam wieder aufgelegten vier wichtigsten Romane Taboris, die zwischen 1992 und 1999 sukzessive auf deutsch erschienen. Übersetzt von seiner zweiten Ehefrau, Ursula Grützmacher-Tabori - seit 1985 ist er mit der Schauspielerin Ursula Höpfner verheiratet -, und ebenso von Wend Kässens ediert, frischen sie das Bild vom großen Fabulierer Tabori auf. Denn seit Beginn seiner Regie-Karriere hat er der Prosa den Rücken gekehrt und überwiegend Dramen geschrieben. Schade eigentlich, wie Peter Zadek 1992 betonte, der Taboris Kriminalroman "Ein guter Mord" (1947) etwa deshalb lobte, weil Tabori jede Situation "wie eine Szene mit Theatereklat" gestalte: "Dichte Atmosphäre, erregende Langeweile, gelegentlich Albernheit, natürlich immer Humor und Witz." Ähnlicher Beifall gebührte den anderen, desgleichen existentialistisch grundierten Romanen, die sich auf unterhaltsam-spannende Weise zudem mit der aktuellen politischen Lage beschäftigen. Sei es "Das Opfer" (1945), in dem sich im besetzten Slowenien ein Nazi-Offizier seiner moralischen Verantwortung stellt, "Gefährten zur linken Hand" (1946), in dem die Bevölkerung eines italienischen Badeortes gegen die faschistische Regierung revoltiert, oder "Tod in Port Aarif" (1951) über eine fiktive nahöstliche Provinzstadt und die Unabhängigkeitskämpfe nach 1945.

George Tabori, der Ausnahmekünstler, der wie ein amüsierter Bote zu den Deutschen kam und sie mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen suchte, indem er sie unsentimental damit konfrontierte, der sich die Welt als Spielwiese bewahren möchte und das Theater als Laboratorium für grenzüberschreitende Wahrhaftigkeit, der als erster nicht primär deutsch schreibender Autor 1992 den Georg-Büchner-Preis erhielt, nimmt so herzlich wie entschlossen, aber nie habgierig oder pädagogisch die Sprache ganz einfach beim Wort. Oder nimmt das Wort die Sprache beim Tabori? Verdient haben's alle beide.

(Irene Bazinger, Rezension in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.5.2004)


http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/der-liebhaber-1164063.html