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Kurzbeschreibung

Wiener Karl-Kraus-Vorlesungen zur Kulturkritik ; 4


Zu Beginn muss ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Neulich habe ich das, was im Zeitalter von Coaching, Controlling und Monitoring auf uns einwirkt, mit eigenen Augen gesehen, kurzum: Ich war im Assessment-Center, und das kam so: Ich hatte mich für einen Job in einer österreichischen Landeshauptstadt beworben. An Qualifikationen waren der Abschluss eines literatur- oder sprachwissenschaftlichen Studiums, Erfahrung in Lehre und Forschung, einschlägige Publikationen möglichst unter Einschluss einer Habilitation sowie die detaillierte Kenntnis der österreichischen Gegenwartsliteratur und des zeitgenössischen Literaturbetriebes gefordert – nichts Außergewöhnliches also und ganz nebenbei: wie auf mich zugeschnitten.

Ein paar Wochen nach meiner Bewerbung flatterte mir ein Briefchen mit einer Einladung ins Haus. Aufgrund irgendeines Postenvergabeobjektivierungsgesetzes sei für die Besetzung der ausgeschriebenen Stelle ein Assessment-Center vorgesehen, das am soundsovielten stattfinden und einen ganzen Tag dauern wird. Mein Anruf bei der diensthabenden Sekretärin der Personalabteilung des Landes ergab, dass es sich bei einem solchen Assessment-Center um eine Art Gruppenbewerbungsverfahren mit gewissen (und wie die Dame hinzufügte: nicht allzu schwierigen) Tests handelt. Auf die Mitnahme von Papier und Bleistift – so sagte sie noch, ohne dass ich danach gefragt hätte – könne ich getrost verzichten. Für Papier und Bleistift nämlich sei seitens der durchführenden Personalberatungsfirma gesorgt. Weniger Sorgen hingegen machten sich die Leute um meine Übernachtung vor Ort. Nach Rückfrage bei ihrem Chef sicherte mir die Sekretärin dann aber zu, die Kosten dafür übernehmen und gleich auch die Reservierung durchführen zu wollen. Nun ja, irgendwann war es dann tatsächlich acht Uhr früh an dem besagten Termin …