Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Dreizehn an einem Tisch

Es ist fünf Uhr nachmittags, Winter, finsterkalt.
Igor macht Glühwein und hört die Zauberflöte. Das Telefon läutet. Es ist Tita, seine Frau. Nein, noch sei keiner hier, ja, er werde die Kerzen alle anzünden. »Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig heißa hopsasa…«, singt er in den Hörer. Tita lacht. »Und alle Mädchen wären mein«, sagt sie und legt auf.

Igor genehmigt sich noch einen Schluck. Dann macht er sich an Titas Werk.
Unglaublich viele Lichter in allen Farben und Anordnungen hat sie vorbereitet für den heutigen Abend. In mühevoller Arbeit. Gestern, mit all ihrer Liebe.

»Dies Bildnis ist bezaubernd schön, wie noch kein Auge je gesehn«, singt er inbrünstig beim Anzünden der Kerzen. Dann trinkt er wieder. Er betrachtet das Lichtermeer, als es läutet.
»Jetzt geht es los«, denkt Igor und nimmt schnell noch einen Schluck.
»Oh zittre nicht, mein lieber Sohn, du bist unschuldig, weise, fromm…«, schmettert er beim Öffnen der Tür seiner Mutter Otti entgegen und ihrem genervten Gesicht samt den Geschenken.

Nein, keinen Glühwein, ob das Weißbrot schon aufgeschnitten sei, nein, der Tisch könne so unmöglich stehenbleiben. Und die Musik sei auch viel zu laut. Und in Titas Küche finde sie sich nicht zurecht. Sie schießt leise fluchend zwischen der Küche und dem Christbaum hin und her und stört ihren Sohn und die Königin der Nacht mit ihren Anordnungen. Die Kerzen seien doch wirklich zu viel. »Ein paar, mein Gott, ja, aber doch nicht so übertreiben. Nicht immer so übertreiben, und, Igor, ein bisschen schneller.«

Igor zieht die Augenbrauen hoch. »Hm! Hm! Hm! Hm! Hm! Hm!« summt der Papageno, und dann Tamino: »Der Arme kann von Strafe sagen, denn seine Sprache ist dahin.« Igor singt: »Ich kann nichts tun, als dich beklagen«, aber da ist Otti schon wieder fort. Die kalten Platten holen, die sie nebenan in ihrem Haus vorbereitet hat.

Sie ist erst einen Augenblick lang weg, als Claudia, Ottis Schwester, nach kurzem Klopfen eintritt. Die beiden begrüssen einander mit einem Kuss. Dann dreht Igor die Musik leiser, und Claudia legt ihre Pakete unter den Baum. Igor schenkt ihr gerade Glühwein ein, als Dieter, Claudias Mann, den Kopf bei der Tür hereinsteckt. Claudia solle zu Otti kommen und ihr mit dem Essen helfen. Sie verdreht die Augen, grinst Igor zu, beide kennen Ottis hektische Ungeduld vor Familienessen.

Igor erzählt ihr von den Bergen, sie will ihm zuhören, aber Dieter drängt Claudia zum Gehen. Claudia raucht demonstrativ langsam noch eine Zigarette, bevor sie mit einem: »Du denkst halt nur ans Essen«, zu ihrer Schwester geht…


Rezensionen
Fritz Pilwachs:

Simone Schönett hat das Thema ihrer Dissertation auch zum Thema des vorliegenden Romans gemacht: die Jenischen in Österreich. Es ist bestimmt keine Schande, nicht zu wissen, wer damit gemeint ist, man muss da schon näher eingeweiht sein: Sie sind eine Randgruppe der Gesellschaft, die etwa mit sesshaften Händlern bezeichnet werden können. Sie sind auch heute noch in verschiedenen Gegenden Österreichs in bescheidener Anzahl ansässig und bedienen sich zum Teil einer Sprache, die aus dem Jiddischen abgeleitet werden kann. Eine Eigenart besteht in ihrer patriachalischen Ausrichtung, hier im Roman dargestellt im Familienoberhaupt Konratio, dessen Tod die scheinbar festgefügten Verhaltensweisen ins Wanken bringt. Die moderne Zivilisation fordert eben letztlich ihren Tribut.

Der Roman ist bis in die Details hinein interessant geschrieben und verlangt vom Leser, hinter gewisse Fassaden zu blicken und althergebrachte Traditionen nicht blindlings geringzuschätzen. Unter diesem Gesichtspunkt, und nicht nur unter diesem, ist das Buch unbedingt weiterzuempfehlen.

(Fritz Pilwachs, Rezension in: Bücherschau 3/2002)


Peter Paul Wiplinger: Jenisch wird nuvos mehr tibert – Jenisch wird nicht mehr gesprochen

„Im Moos“ – so auch der Titel des Romans – auf einem abgelegenen Flecken am Rande einer Kleinstadt im Süden Kärntens lebt eine Sippschaft der Jenischen. Angehörige des einst im Alltag da und dort noch sichtbaren Fahrenden Volkes der Hausierer und Händler, der Kesselflicker, der Scheren- und Messerschleifer, die sich von den Gatschi (den Nicht-Jenischen) abgrenzten, durch ihre Sprache, besser gesagt: durch den von ihnen verwendeten reichen Wortschatz, den keiner verstand und versteht außer sie selber, der jedoch nur untereinander verwendet wird und nicht im Gespräch nach außen, weil man sein Jenisch-Sein wie ein Geheimnis, für manche wie eine Schande hütet und verbirgt.

Sie sind nicht mehr verfolgt wie in den Zeiten des Nationalsozialismus, da sie als „Asoziale“ sogar in den KZ landeten. Ihre Kinder werden nicht mehr dem Familienverband entrissen und in Heimen weggesperrt. Aber sie sind nach wie vor Ausgegrenzte, auch aus der Geschichte der Verfolgung. Sie werden nie irgendwo erwähnt, nicht als Volksgruppe angeführt und anerkannt. „Jenisch wird nuvos mehr tibert“: Jenisch wird nicht mehr gesprochen, wie sie selbst sagen. Der Beruf des Hausierers ist in Zeiten der Selbstbedienungsmärkte auch auf dem Lande und der Versandkatalog-Einkäufe nicht mehr gefragt; ist unmöglich geworden, ein Anachronismus. Und so wie diese Berufe der Hausierer und Messerschleifer ausgestorben sind, so stirbt damit auch die Sprache und Kultur der Jenischen aus. Und es ist nur mehr eine Frage der Zeit und der Assimilation, wann das Jenische endgültig gepegert (gestorben) sein wird.

Eine junge Jenische hat die Geschichte ihrer Großfamilie aufgeschrieben, als Debutroman vorgelegt; und vorher mit dem Manuskript den ersten Preis bei dem schon sehr bekannten österreichischen Literaturwettbewerb (Amerlinghaus Wien) „Schreiben zwischen den Kulturen“ gemacht. In diesem Buch zeichnet sie sich selbst als Jenische und als Angehörige dieses großen Familienclans. Da ist zunächst der Patrus (der Vater), Janas Großvater, das Familienoberhaupt, früher ein Mordskerl, jetzt ein alter, kranker Mann. Dann seine Frau Josefine, die ewig mit dem Patrus Konratio in Streit ist, die mit der traditionellen Berufs- und Lebensform, ja mit dem Jenischen überhaupt nichts mehr zu tun haben will; die sich davon emanzipieren und ein „normales Leben“ leben möchte, von dem sie glaubt, dass dies auch für ihre Kinder und Kindeskinder besser wäre.

Es ist Weihnachten. Die Großfamilie hat sich versammelt. Alle sind da. Dreizehn Personen sitzen um den gedeckten Tisch; warten darauf, dass die Kerzen auf dem Christbaum angezündet werden. Alles in einem etwas chaotischen Durcheinander. So sind sie eben: alle ein wenig verrückt; aber jeder eine Persönlichkeit. Ein jeder hat seine Eigenheiten, auch seinen Dickkopf. Und jeder und jede hat seine/ihre Geschichte. Und alle Geschichten zusammen ergeben die Familiengeschichte, die sich überschaubar über die letzten hundert Jahre erstreckt. Ein Familienstammbaum mit weit verzweigten Ästen und tiefen Wurzeln ist aufgezeichnet in diesem Buch. Man weiß nicht immer genau – vor allem am Anfang – wer nun wirklich wer ist. Die vielen Namen und Verwandtschaftsgrade sowie Zugehörigkeiten purzeln durcheinander, bis sie sich im Lauf der erzählten Geschichten klären.

Hauptpersonen gibt es und Nebenakteure, auch Gatschi, die in die Familie eingeheiratet haben, wie der Mann von Jana, Pawel, der Kärntner-Slowene, der aber kein Slowenisch mehr kann, dafür aber ein Schriftsteller ist oder ein solcher werden will. Janas Bruder, Igor, wiederum ist musikalisch talentiert, er hat sogar die Musikschule abgeschlossen und gibt Unterricht. Er taugt aber – ebenso wie Jana – nicht zum Hausieren, hat nicht das Talent, an fremde Türen zu klopfen und fremden Leuten was aufzuschwätzen, ihnen die Ware anzudrehen. Jana selbst hat sich nach Reisen und Aufenthalten in anderen Ländern und einigem Herumprobieren – auch bei Männern – der Malerei zugewandt und in Pawel einen fixen Partner und mit dem gemeinsamen Kind Nana einen Ruhepunkt in ihrem unruhigen Leben gefunden. Die Unruhe ist es überhaupt, welche diese Personen treibt – in Abenteuer, in Liebschaften, ins Anderssein; so als würde diese Unruhe und dieses In-Bewegung-sein eben zum Jenischen gehören, als Wesensmerkmal und Charakterzug aufgrund einer Jahrhunderte langen Prägung.

Alle haben sie aber nun doch in den einfachen, selbstgebauten Häusern, die nahe beisammen auf dem moosigen Grund stehen, den der Großvater von Josefine, also der Ur-Ur-Großvater von Jana mütterlicherseits, um 1900 beim Kartenspielen gewonnen hat, ein Zuhause, so etwas wie eine Heimat gefunden; eine Heimat unter sich. Die einen leben dort, Generationen übergreifend in der Familiengemeinschaft, die anderen, die auswärts arbeiten oder anderswohin gezogen sind, kehren immer wieder dorthin zurück, wo ihre Wurzeln liegen: im Moos. Alle haben sie eine enge Verbindung zueinander, auch wenn es oft turbulent und chaotisch zugeht, der eine schweigsam ist, die andere etwas hysterisch. Alle kennen einander und wissen, wie sie miteinander umzugehen haben. Denn das richtet sich nach so etwas wie einem Gesetz.

Ereignisse werden erzählt von dem und jenem, von der und einer anderen. Lebensgeschichten. Charaktere werden gezeichnet. Menschenbilder. So werden Zusammenhänge sichtbar und nachvollziehbar. Jana geht allem nach, spürt alles auf, hinterfragt das Geschehen und diese Menschen, ihre Leute, setzt sich damit auseinander, warum etwas so ist, wie es ist; und was dieses So-Sein begründet, begründet hat. Und sie tut das manchmal behutsam, dann wieder ungestüm, immer aber respektvoll und mit Liebe. Sie kommt diesen Menschen, sie kommt ihrer Familie – und damit auch sich selber – auf die Spur. Beziehungen und Bindungen über das bloß Familiäre und Persönlich-Emotionale hinaus entstehen, und damit ein anderes, tieferes Gefühl für das Leben; und ein Wissen und ein Verständnis.

Am Ende der erzählten Geschichte stirbt der Großvater. Man findet ihn, mit dem man kurz zuvor noch im Auto gefahren ist und geredet hat, vom Schlag getroffen im Vorhaus liegen. „Der Patrus ist gepegert“ (Der Vater ist gestorben) schreit seine Tochter ins Telefon. Und alle kommen. Halten Totenwache. Schwächen Gfunkten (trinken Schnaps). Beten. Verabschieden sich vom Toten mit Berührung, Kuss, Tränen, Worten, Schweigen. Dann wird der Tote aus dem Haus geschafft. Und plötzlich ist es so, als seien mit ihm als Familienoberhaupt, der alles ein Leben lang zusammengehalten hat, auch alle Familiengeschichten und mit ihnen zugleich die Substanz dieser Sippschaft gestorben. Jedenfalls gibt es wieder einen Jenischen weniger. Und alle wissen, was das bedeutet.

Es ist ein berührendes Buch; vielleicht gerade deshalb so sehr, weil hier ohne Pathos, sondern mit Humor, mit einem gewissen selbstironischen „Augenzwinkern“ erzählt wird. Alles in diesem Buch ist turbulent; und das bedeutet lebendig. Auch wenn hier von einer aussterbenden Kultur, von einem Volk, das im Verborgenem lebt (Ceija Stojka), erzählt wird. Dieser Debutroman ist keine Talentprobe einer Jungautorin, nein, das ist spannende und ausgezeichnet geschriebene österreichische Literatur.

(Peter Paul Wiplinger, Rezension in: Sandammeer. Die virtuelle Literaturzeitschrift, 2003 [?])


http://www.sandammeer.at/rezensionen/schoenett-immoos.htm