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Kurzbeschreibung

Da bin ich wieder vielemale kreuz und quer durch Galizien getrieben worden wie in einer Hetzjagd. Aber erst jetzt, auf der 75. Fahre ist es wieder meine und unsere Strecke: Lemberg, Grodek, Przemysl-Krakau. Und wieder ist es nach einer großen verlorenen Schlacht mit hunderttausend Toten und Verwundeten.

In Krakau gibt es einige Stunden Aufenthalt, weil noch Zuladungen aus den Reservespitälern erforderlich sind, aber ich hab mir einen kleinen Ausgang vorgenommen. Ich steh in der Stadt und kenn mich nicht aus, denn auch 1914 bin ich krank und Hals über Kopf abtransportiert worden, und die alte Krönungs-stadt ist mir seit damals verdächtig genug. Da mögen die Polen singen: »Es gibt nur einen Gott und eine heilige Maria im Himmel und nur ein Krakau auf Erden«. Ich würde, wenn es nur möglich war, einen weiten Kreis um die Stadt ziehen, wenn ich in die Gegend komme.

Aber ich muß durch die Straßen, denn der Schrecken von damals hat mich nicht mehr losgelassen. Vielleicht wirds besser, wenn ich zurückkomme an den Schauplatz der Trauer.

Aber dem Zentrum bleib ich lieber fern, wer weiß, wer einem alles begegnen könnte bei einem solchen Gang. Mein Sinn steht nicht nach Spaziergang über schöne alte Plätze und an schönen Kirchen vorbei. Die Stadt wimmelt von Militär, und ich bleib am Rand. Da und dort schnapp ich in dem Sprachengewirr Brocken auf: von Essen und Trinken und über das Bordell.

Hinter den Häuserzeilen von Kleparz liegt in einem schattigen Park das Garnisonsspital. Ich mach einen weiten Bogen drum, denen möcht ich nicht noch einmal in die Hände fallen, die sinds imstande und lochen mich noch einmal ein, denn wer hier freiwillig zurückkehrt, der gehört auf alle Fälle in die Psychiatrie.

Auf dem Rakoviczer Friedhofbin ich allein wie am Tag, an dem er begraben wurde. Ich finde mich nicht gleich zurecht, denn die Belegung des Friedhofs ist im Laufe von eineinhalb Jahren viel dichter geworden, der Gottesacker ist überall frisch aufgewühlt. Es hat ja blutige Schlachten seither gegeben, kleine siegreiche, große, gänzlich verlorene. Und die Friedhöfe wachsen zu, so oder so. Dann, nachdem ich durch einige Reihen gegangen bin, entdeck ich endlich sein Grab. Damals lag es fast frei, und auf einer Seite war noch viel Platz. Heut ist es eingezwängt zwischen viele andere Gräber und Kreuze mit lauter fremden Namen. Sein Holzkreuz beginnt schon langsam zu verwittern von dem vielen Regen. Zuerst sieht man es nur an der grauen Verfärbung, später werden dann die Rippen des Holzes stärker hervortreten, und dann morscht zwischen den Rippen das Holz.

Es gibt keine Blumen. Da es hoch im Juli ist, hat auch die Friedhofsvegetation schon abgeblüht. Ich rupf etwas Grün aus und leg den armseligen Strauß auf den Grabhügel.

Auf dem Kreuz steht nur der Name: Georg Trakt, Ich nehm meine Mütze ab. Herr gib ihm die ewige Ruh ...


Rezensionen
Reinhard Ehgartner:

Nach wie vor lieferbar ist dieser einzigartige Zugang zu Georg Trakl, in dem Franz Kain die letzten Tage im Leben des Dichters aus dem Blickwinkel des aus Hallstatt stammenden Bergmanns Mathias Roth, der Trakl als Offiziersdiener zugeteilt war, schildert. - Leicht zugängliche Einstiegslektüre, bibliophil aufgemacht.

(Reinhard Ehgartner, bn.bibliotheksnachrichten 3/2014, S. 463)


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