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Kurzbeschreibung


Drei Frauen auf Kreta: Eine Trinkerin auf Dauerurlaub, eine Lehrerin auf Badeurlaub, eine Kunsthistorikerin auf Bildungsurlaub. Sie beobachten Land, Leute, Kultur, Politik in ihrer Umgebung. Sie sehnen sich nach Liebe und Anerkennung. Sie führen Gespräche, knüpfen Beziehungen, aber es passiert nichts, außer in ihrer Vorstellung. Keine legt sich fest und alle sind festgelegt. Sie sind Kakomiris – Unglücksraben. Wie die Leute, denen sie begegnen: die Touristen, die Aussteiger, die Kreter selbst und ihre ganze Insel – abhängig einst von Türken und Venezianern, heute von EZB und IWF.


Rezensionen
Wilhelm Hengstler: starkes krakeelen

Drei Urlauberinnen in Griechenland abseits des Klischees

Mit Kakomiris legt die Grazerin Ursula Riederer ein Griechenlandbuch der etwas anderen Art vor. Allerdings denkt man bei der Lektüre des eleganten, weißen Bandes, den ein von Oswald Oberhuber gezeichnetes Porträt der Autorin schmückt, kaum an „et in arcadia ego“, auch nicht an Ouzo-selige Abende am Strand – wenngleich so etwas schon vorkommt –, ja nicht einmal an die jetzt schon ziemlich lang andauernde „gegenwärtige“ Krise in der „Wiege der europäischen Kultur.

Kakomiris meint Pechvogel, Unglücksrabe, und tatsächlich soll es in Ursula Riederers erstem, politisch und auch sonst ziemlich unkorrektem Buch um drei Frauen gehen, die aus unterschiedlichen Gründen scheitern. Aber der Klappentext täuscht, keine der Frauen scheitert im Verlauf der Handlung. Wenn schon Scheitern, dann müssen ihre jahrelangen Lebensroutinen als solches aufgefasst werden. Das Scheitern liegt allenfalls in ihrer „Backstory“, dem Leben lange bevor diese Geschichte beginnt. Früher hätte man „gesellschaftliche Verhältnisse“ dazu gesagt. Die Damen befinden sich in durchaus reifem Alter: Eine ist Kunsthistorikerin, die andere, Amrei, kümmert sich um ihren bejahrten Musikergatten, und die dritte, Christl, ist eine Aussteigerin aus Wien, die als Einzige das ganze Jahr über in Griechenland lebt und trinkt.

Aus verschiedenen Gründen erinnert der reale Ort der Handlung, der kretische Küstenflecken Dytiko, an alte Hippieseligkeit: Es darf dort noch wild kampiert werden, jeder kennt jeden, und der Tourismus wird gleichsam familiär betrieben. Man weiß also nicht, ob man Kakomiris den Erfolg, den es verdient, auch wünschen soll. Denn wenn es ihn hat, setzt womöglich der Run auf das „wirkliche Dytiko“ ein. Der Tourismus zerstört, ein bisschen wie die Literatur auch, immer automatisch das, was man an ihnen liebt.

Dabei hat Ursula Riederer keines der angenehm lesbaren, bestenfalls mild sarkastischen Urlaubsbücher geschrieben. Die leiden ja daran, dass sie den Fluchtcharakter der gekauften, schönen Freizeit noch einmal durch ihre geschönte Bilder überhöhen. Es kann aber, um das beliebte Diktum von Adorno zu paraphrasieren, eben keine wahre Kunst aus dem falschen Leben entstehen. Die Stärke von Ursula Riederers Text liegt darin, sich mit Vehemenz auf die Differenz von schönem Schein und bösem Sein einzulassen.

Unter den gleichsam experimentellen Bedingungen Dytikos leben die drei Damen ihre Spannungen, Gereiztheiten aus, versichern sich ihrer Freundschaft und verachten einander insgeheim. Wie das Experimente so an sich haben, ist weniger das Anekdotische, der Verlauf des Experimentes von Bedeutung als die prinzipielle Fragestellung: Thematisiert werden zwar Frauen und ihre Empfindlichkeiten, aber eben nicht in einer emanzipatorischen, femininistisch-parteigängerischen oder sensiblen Weise. Spezifisch weiblich ist eher die Sachkenntnis des Alltages, der trockene, fast gnadenlose Wirklichkeitssinn. Häufig verwendet die Autorin parataktisch angeordnete, realitätspralle Begriffe anstelle von Landschaftsbeschreibungen oder Gesellschaftstableaus. Die Sprache ist dabei nackt, fast aggressiv und entspricht einer stets ambivalent, oft als gnadenlos empfundenen Realität. Ursula Riederer verzichtet auf Empathie oder Verständnisinnigkeit, auf das sich schwächere Autoren zur Rechtfertigung ihrer Prosa gerne stützen.

Die Autorin hat Kunstgeschichte studiert und ebenfalls als Lehrerin gearbeitet. Dementsprechend lassen sich die Figuren der Kunsthistorikerin und der Lehrerin wohl als ihre alter Egos verstehen. Diese beiden haben auch mehr Subjekt- als Objektcharakter und werden – aber nur eine Spur – literarisch schonender behandelt. Und auch die Beschreibungen der byzantinischen Kirchen auf Kreta mit den Schilderungen des Enkelkindes gehören zu den „atmosphärischen“, im herkömmlichen Sinn „schönen“ Abschnitten des Buches.

Ursula Riederers Buch erinnert an große Krakeeler der Literaturgeschichte wie Celine. Griechenland ganz diesseits und darum jenseits der Klischees. Nicht immer angenehm, aber kraftvoll.

(Willi Hengstler, Rezension in: Schreibkraft. Das Feuilletonmagazin #25, 2013)


http://schreibkraft.adm.at/ausgaben/25-schon-blod/starkes-krakeelen