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Kurzbeschreibung

Eduard Breier. Bearb. u. hrsg. von Fritz Fellner u. Peter Himmetsberger


Man schrieb den Herbstmonat des Jahres 1820. Um jene Zeit spukte noch im gemeinen Volke zu Wien die schauerliche Mär von der eisernen Mariandl. Wenn wir sagen Mär, so gilt dies nicht von der bezeichneten Schichte, denn bei dieser war es eine feststehende Tatsache, daß in der Schranne auf dem hohen Markt, wo der städtische Kriminalgerichtshof seine schweigsame Justiz übte, ein mit Dolchen gepanzertes Mordsweib stehe, welches seine Opfer maschinenmäßig an sich drücke und vom Leben zum Tod befördere.

Alte Wiener werden sich auch zu erinnern wissen, daß damals, wie der Pöbel an die eiserne Mariandl, so andere Wiener, die den besseren Ständen angehörten, an geheime nächtliche Hinrichtungen glaubten. Die in Nacht gehüllte Anhöhe bei der Spinnerin am Kreuz oder die noch unheimlicheren Praterauen wurden zu Schauplätzen dieses romantischen Aberwitzes gemacht.

Wer bald nach Mitternacht über die Heerstraße am Wiener Berge zu Fuß oder zu Wagen zog und in der Ferne das Licht einer Laterne sich bewegen, oder gar eine geschlossene Kalesche mit einer Laterne auf dem Bock auf einem Seitenwege dahin rollen sah, der schwur hoch und teuer, daß man irgend einen Fürsten, Grafen, oder mindestens einen Generalssohn zum geheimen Tode führe.

Natürlich wurden die nächtlichen Hinrichtungen nur mit bevorzugten Ständen in Verbindung gebracht, weil man, wie es hieß, die Familien der Justifizierten der öffentlichen Schmach nicht preisgeben mochte. Das Auffallende an der Sache war, daß man diese nächtlichen Exekutionen gerade nicht der Regierung zur Last legte, denn um sie der Grausamkeit zu zeihen, bot sich keine Anhaltspunkte, sondern es war fast allemal die Familie des Opfers, welche Gerechtigkeit übte oder üben ließ.

Nicht nur was wirklich geschieht, sondern auch was man geschehen glaubt, charakterisiert Zeiten und Zustände. Obige Erinnerungen werden hier nicht ohne Absicht wachgerufen. Das Ereignis, womit diese Erzählung beginnt, wird den Grund sogleich erkennen lassen. Es war in einer Septembernacht des obgenannten Jahres, als in der Praterstraße in einer der Jägerzeil-Warzen die Haustüre von innen geöffnet wurde, um einen Mann auf die Straße zu lassen. Damals standen in der genannten Straße in der Nähe der Kirche zwei kleine, häßliche Häuschen, welche hart an den Fahrweg hingebaut waren und dem Auge so weh taten, wie Warzen an einem sonst hübschen Gesicht, daher der Wiener Lokalwitz jene Häuschen die „Jägerzeil-Warzen" nannte.

[…]


Rezensionen
Reinhold Tauber: Kalchgrubers Rückkehr

Regionalhistorischer Roman in Neuauflage

Johann Michael Kalchgruber (1777-1849), der „Bauernadvokat“ aus dem Mühlviertel (geboren in Elmberg, Pfarre Gallneukirchen, beerdigt in Alberndorf), war eine der bemerkenswertesten regionalhistorischen Persönlichkeiten im Land. Er kämpfte für die Rechte der bäuerlichen Untertanen, wobei er bis ins Kaiserhaus vordrang und den höchsten Staatsbehörden lästig fiel. Er wurde mit fadenscheinigen Vorwänden verfolgt, verhaftet, verurteilt. 1820 tauchte er unter und blieb mit Hilfe der Bevölkerung für die Behörden nicht mehr greifbar - bis zum Tod. Rekonstruiert wurde (u. a. von Georg Grüll) sein Flucht-Leben, das sich zwischen dem Strudengau und der Böhmerwald-Gemeinde Julbach abspielte.

Der Romanautor Eduard Breier (gebürtiger Ungar, zu seiner Zeit überaus erfolgreich mit mehr als 70 Romanen) schrieb ab 1860 für die in Linz erscheinende „Donau-Zeitung“ einen Fortsetzungsroman über das abenteuerliche Leben Kalchgrubers, der 1865 erstmals auch als Buch erschien. Der Roman hält sich bei Fakten, Daten und Orten an das nachzuvollziehende Leben.

Diese Rarität erschien in Richard Pils’ „Bibliothek der Provinz“ nun als Nachdruck, eingeschlossen die zeitgenössischen Illustrationen, kommentiert von den Herausgebern Fritz Fellner und Peter Himmelsberger.

(Reinhold Tauber, Rezension in: Oberösterreichische Nachrichten, [?])