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Kurzbeschreibung

Hrsg.: Roland Widder. Texte: Peter Assmann …


Gedanken über die Bildende Kunst

In einer Zeit, in der die Menschheit in den Fieberschauern einer Krankheit liegt, die die Entscheidung über ihre geistige Erneuerung oder ihren Untergang mit sich bringen wird, erscheint es fast müßig, über den Wert oder Unwert der bildenden Kunst zu sprechen. Ist es doch ein Hauptmerkmal unseres Weltbildes, dass sich alle Betrachtungen in exakt wissenschaftlichen Disziplinen des äußerlich Materiellen und kaum in den gänzlich in Misskredit gekommen seelischen Bezirkt des Daseins ergehen.

Die Ausblicke für die Wiedergewinnung jener unvergänglichen geistigen Grundlagen, die unser Leben bestimmen und heute mehr denn je verschüttet sind, liegen noch nirgends klar zu Tage und nur wenigen Menschen ist der ungetrübte Blick für die geistigen Ströme gegeben, die die Geburt einer neuen Kultur einleiten werden. Die Katastrophe zweier Weltkriege hat den Schlussstrich unter einen Zeitabschnitt voll von unermesslichen und köstlichen Schätzen des Geistes gesetzt, die der Mensch in den ihm eingeborenen Ringen um Gott geschaffen hat. Im Schnittpunkt des Ausklanges und Anfanges sieht sich die bildende Kunst in einem Zustand völliger Heimatlosigkeit. Auf der einen Seite zehrt sie noch von der Formschönheit jener uns geläufigen Perioden der Kunstgeschichte, wie etwa der Renaissance mit ihrer unübertroffen gebliebenen Meisterschaft der figuralen Komposition, noch immer steht sie im Banne des Formenrausches des Barocks, irgendwie wurzelt sie in den zwar schon völlig geistleeren, aber doch noch bezwingenden Farberlebnissen des Impressionismus, um endlich zur entgötterten Spielerei zu werden, die uns aus den vielen "Ismen" der letzten Jahrzehnte geläufig ist. […]

Zur autobiographischen Aufzeichnung aufgefordert, habe ich es für wesentlicher gehalten, mit ein paar Worten zu sagen, was ich meine und nicht was ich bisher gearbeitet habe. Ich habe mich ebenso ehrlich gemüht wie tausend andere, und ich bin ein Kind unserer Zeit mit allen Mängeln und Unvermögen. Heute, da ich im fünfzigsten Lebensjahr stehe, bin ich mehr ein Lernender als je zuvor. Ein Schicksal, das ich nicht mehr launenhaft nenne, hat mich zwei Kriege überstehen lassen und fast alle großen Arbeiten, die ich schuf, sind zerstört. Große Fresken liegen unter Trümmern, viele Glasfenster, einst das Resultat tage- und nächtlanger Arbeit im Staub zersplittert und Goblins zerfetzt und verbrannt. Irgendwo mögen noch ein paar Bilder und Zeichnungen bestehen, denen ich mich längst entwachsen fühle. Ich bin bereit neu anzufangen und werde auch diesmal viele Fehler begehen, wenngleich ich aus größerem Verantwortungsbewusstsein sie zu vermeiden versuche. Ich möchte jene Bilder malen, von denen Matthias Claudius sagt, dass du sie nicht verachten sollst, da du nicht weißt, was unter ihnen gemeint ist.


(Karl Hauk)