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Kurzbeschreibung

Büro der Erinnerungen. Elke Murlasits ; Maria Froihofer (Hg.). Unter red. Mitarb. von Oliver Parfi


Kicken bewegt: körperlich, emotional, geistig. Ob als leidenschaftlicher Fan in der Stadionkurve inmitten eines Meeres von Fahnen und Gesängen oder als engagierte Profi- oder Hobby­kickerin am Spielfeld voller atemloser Spannung. Als nervöser Vater auf der Knirpsturnier-Tribüne mit stolz geschwellter Brust oder als genervtes Fußballhypeopfer vor dem Fernseher. Als staunender Bewunderer eines unerwarteten Fallrückziehertors oder als neugierige Historikerin, konfrontiert mit Erscheinungen der Globalisierung, wie dem spurlosen Verschwinden traditionsträchtiger Vereine oder astronomischen Transfersummen für Legionäre.

Fußball als ein „Spiegelbild der Gesellschaft“ zu bezeichnen, wäre natürlich verkürzt. Dennoch – die Entwicklungen innerhalb des Fußballs erzählen viel über gesellschaftliche Veränderungen. So etwa, wenn zum Beispiel in Budgetdebatten Krankenhausbetten, Trainingsanlagen und MuseumsbesucherInnen gegeneinander ausgespielt werden. Wenn das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinem Auftrag nicht mehr nachkommen kann, weil es beim ­Bieten um die Senderechte gegen finanzkräftige Privatsender keine Chancen mehr hat. Wenn öffentliche Plätze gesperrt und nur mehr für zahlende FußballübertragungsbesucherInnen geöffnet werden. Wenn personalisierte BesucherInnendaten mitein­ander vernetzt und europaweite Stadionverbote ausgesprochen werden. Und auch wenn Vereine im Wahn der Ökonomisierung, des ständigen „teurer, schneller, populärer“, den Boden unter den Füßen verlieren. Ihre Geschichte aufgeben oder sich und ihre MitspielerInnen in den Ruin treiben. Bis von über 100-jähriger Tradition und Geschichte/n nur mehr Erinnerungen bleiben.

Gesellschaftliche Veränderungen werden aber auch sichtbar, wenn sich wegen der Drittplatzierung Deutschlands bei der WM 2006 MigrantInnen türkischer Herkunft und ihre deutschen MitbürgerInnen um den Hals fallen. Universitätsprofessoren auf Standesdünkel pfeifen und ihre Leidenschaft für ihren Fußballklub offen kund tun. Wenn Weltmeisterinnen ganz selbstverständlich ihre Anerkennung bekommen und nicht mehr als Gegenstück zum „Männerfußball“ gesehen werden.

Um diesen Phänomenen auf den Grund gehen zu können, hat sich das Team des „Büro der Erinnerungen“ wieder einmal aufgemacht, um die Menschen mit ihren Geschichten zu Wort kommen zu lassen. Wir haben uns auf die Suche begeben nach den schönsten, bewegendsten, traurigsten und nervendsten Fußball­erinnerungen und haben zu diesem Zweck alle steirischen Fußballvereine angeschrieben, Aufrufe in den Zeitungen gestartet und unsere FreundInnen und Familien zur Feder gebeten. Viele sind dieser Bitte gefolgt und haben unsere Aufnahmegeräte, Posteingänge und Briefkästen mit mehreren Tausend Fotos, an die hundert selbst verfassten Erinnerungen und vielen, vielen Interviewstunden gefüllt. Ihnen sei gleich hier zu Beginn gedankt. Ohne Euch gäbe es dieses Buch nicht.

Dass diese Publikation nun keine konsistente, vollständige Geschichte des (steirischen) Fußballs erzählen kann – und will, scheint auf der Hand zu liegen. Sowohl die Verteilung der Geschichten auf die einzelnen Jahrzehnte (diese durchaus nützlichen, wenngleich ebenso beliebigen Hilfskonstruktionen von uns HistorikerInnen), als auch die Verteilung der inhaltlichen Perspektiven – der SpielerInnen und der Fans, der Internationalität und Regionalität, des Profi- und Hobbysports – lag mehr oder minder nicht in unseren Händen. Uns interessierte, woran sich die Steirerinnen und Steirer erinnern wollen, was ihnen/uns fußballerisch am brennendsten im Gedächtnis blieb. Das Gedächtnis und die Erinnerung funktionieren ja bekanntlich nicht wie ein Computer oder ein Speicher, in dem vergangene Ereignisse einfach 1:1 abgelegt und jederzeit wieder abgerufen werden können. Erinnerungen sind immer Konstruktionen in der Gegenwart, die nicht nur Vergangenes sondern immer auch unsere jetzige Situation, unsere Erfahrungen und Erlebnisse mit einbeziehen. Demzufolge fließen im Erinnern einzelne Spielzüge gerne ineinander und tauschen Spiele ihre Ergebnisse und Mannschaften.

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Rezensionen
Die Presse: Hart, aber nicht unfair

Und Helmut Qualtinger saß in der ersten Reihe.

Kapfenberg steht vor der Rückkehr in die oberste Spielklasse. Aus der Zeit davor, als die Kicker der obersteirischen Stadtstadt ebenfalls ganz oben mitmischten, stammt jener berühmt gewordene Vergleich Helmut Qualtingers, mit der heute der Volksmund gerne extreme Härteeinlagen auch außerhalb des grünen Rasens beschreibt: „Simmering gegen Kapfenberg – das ist Brutalität“. Wie in einer Publikation des „Büro für Erinnerungen“ in Graz nachzulesen ist, war dieses 1956 ausgetragene Match zwar hart, aber nicht unfair oder brutal.

Die ehemaligen KSV-Spieler Karl Egger und Ernst Kolar haben in dem Band „kicken“ ihre Erinnerungen eingebracht. Kolar schildert, wie Kapfenberg-Stürmer „Haube“ Hauberger in der letzen Spielminute auf 1:0 stellte. Dabei krachte er mit dem kräftigen Simmeringer Goalie Engelmaier zusammen: „Der Tormann hat sich herausgeschmissen, über den Ball drüber, auf dessen Fuß und hat so den Ball mitgenommen. Ich bin hinten gestanden auf der Mittelauflage. Das hat einen Kracher gemacht, wie wenn man eine Zaunlatte abbricht. Und der Knochen, der ist dem Hauberger ausgefahren! Der, der ihm den Pass gegeben hat, der Huff, unser Centerstürmer, der hat die Augen verdreht und ist umgefallen wie ein Stückl Holz.“

Das Spiel sei aber nicht unfair gewesen, so Kolar: „Es war ein schnelles und hartes Spiel. Das gebe ich zu. Aber ohne zu foulen.“ Da seien andere Spiele brutaler gewesen: „Das war ein ganz normales Spiel“. Karl Egger verdankte „Haubes“ Ausfall sein Debüt in der Kampfmannschaft.

Vor dem legendären Zwischenfall in der Schlussminute, den Helmut Qualtinger von der ersten Reihe auf der Tribüne aus mitverfolgte, hatte es einen Zusammenstoß zwischen den Spielern Gollnhuber und Stobl gegeben. Gollnhubers Bein wurde dabei ausgekegelt. „Da sitzt, drei Meter von der Linie weg, ein Arzt und der krallt unter dem Geländer durch und sagt: 'Burschen, kommt' s her! Haltet's ihn!“ Wir haben ihn gehalten, und der Gollnhuber hat schon geschrien: ,Ihr könnt's mich gern haben! Es ist aus für mich! Das Spielen!‘ Wir haben ihn gehalten und der Arzt hat da gesucht und auf einmal hat es einen Rucker gemacht, und der Fuß war wieder drin. Der ist aufgestanden, ist wieder gerannt und hat keinen Schmerz mehr gehabt.“

(Rezension in: Die Presse, 5.5.2008)


http://diepresse.com/home/sport/fussball/381448/Hart-aber-nicht-unfair