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Kurzbeschreibung

Hrsg.: Eva Kreissl


Rezensionen
Franzobel: Sind S' jetzt schockiert?

Ein Maronibrater neben einem tätowierten Punk; eine besoffene Alte, die den Stinkefinger zeigt; eine Hure, der man unter den Rock schauen kann: Die Puppenkünstlerin Stefanie Erjautz zeigt die Welt so, wie sie ist.

Der Mensch hat die Sehnsucht, sich zu reproduzieren, sich Ebenbilder nach seinen Vorstellungen zu schaffen, eben, er zeugt Nachwuchs, projiziert als Liebender und beginnt zu klonen. Oder Pygmalion, der sich aus Elfenbein seine Traumfrau Galatea schnitzte, die Venus zum Leben ihm erweckte, auch Oskar Kokoschka hatte eine Menstruationspuppe, die verschnürten Arbeiten Hans Bellmers fallen mir ein und in meinem Roman „Das Fest der Steine“ gibt es einen Polizeigehilfen namens Noel, der sich mit einer aus Faschiertem modellierten Geliebten vergnügt, in „Lusthaus“ tut einer selbiges mit einer abmontierten Billa-Pappverkäuferin.

Puppen müssen also keineswegs immer niedlich, schnuckelig und die Verkörperung der heilen Welt sein. Puppen spiegeln die Wirklichkeit mit all ihren Rissen, Abgründen und Obszönitäten, Puppen, gerade in der Kunst, verkörpern häufig das Dämonische, Unheimliche, unterdrückte Gewalt – etwa bei Annette Messager. In Puppen stecken nicht nur schöne Schmetterlinge, sondern auch unappetitlich behaarte Raupen. In Japan gibt es für Fetischisten Puppen von Schulmädchen zu kaufen und auch die Voodoo-Puppen sind nicht gerade schnuckelig. Bei den russischen Babuschka-Puppen, was Großmutter bedeutet, eigentlich heißen sie Matrjoschkas, Matronen, nicht Matrosen, muss ich immer an die gebärmütterlichen Batterien voller Eizellen denken, in denen all die künftigen Generationen schlummern, wie in jeder beliebigen Zelle alle Ahnen abgelagert sind. Diese verschachtelten Lindenholzpuppen stellen symbolisch alle Vergangenheit und alle Zukunft aus, das, was Schopenhauer als Typus in den Tieren sah.

Und trotz dieser Vielschichtigkeit und Abgründigkeit denkt man, wenn man von einer österreichischen Puppenmacherin hört, zuerst an liebe, putzige Püppchen, die in irgendwelchen kitschigen Sujets sitzen, an biedere Puppenhäuser und heile Modellbauwelt. Man denkt an Kinderspielzeug und schrecklich lustig kitschige Figürchen, die in Wirtsstuben stehen und Fensterkreuzen hängen, an rosa Porzellangesichter und Hexen aus grobem Sackleinen.

Auch wenn man Stefanie Erjautz besucht, erwartet man zunächst nichts Irritierendes. Sie wohnt mitten in Graz, in der Messnerwohnung der Kirche des Heiligen Antonius von Padua. Eine kleine, ältere, aber ungeheuer quirlige Frau, bescheiden angezogen, der man ansieht, dass sie ein Leben lang hart arbeiten musste.

In ihrer Wohnung hängen Hinterglasbilder und Kruzifixe, schwere, mit Deckchen garnierte Holzmöbel stehen herum, altes Geschirr, es könnte auch das Heim einer Kerzerlschluckerin oder Pulloverstrickerin sein, wären da nicht diese Puppen, Puppen, die die Wohnung in ein Kuriositätenkabinett verwandeln, Puppen, in die Stefanie Erjautz seit 30 Jahren all ihre Kreativität, all ihre Leidenschaft und Aggression hineinlegt. Die Leute, meint sie gleich zu Beginn, sagen, ich mach eh nur ordinäre Sachen. Und es dauert nicht lang, zeigt sie einem auch schon, dass der schokoladenbraune Dackel neben dem Jäger auch ein ordentliches Gemächt am Bauch hat. Ihre Puppen sind voll solcher Details.

Was sind das für Puppen? Zuerst erinnern sie an die Muppet-Show, nein, eigentlich mehr an Spitting Image, realistische Gesichter in unterschiedlichsten Sujets. Da gibt es einen traurigen Chirurgen, eine Mutter mit Kinderwagen, einen Maronibrater neben einem tätowierten Punk, dem einer ihrer Söhne Modell stand. In einer Barke sitzt der Erzherzog Johann mit seiner Braut, vorne rudern die ehemaligen steirischen Landeshäuptlinge Krainer und Koren. Schnell merkt man, dass diese Puppen alles andere denn niedlich oder bieder sind, ein Fresser gleicht einer Deix-Figur, eine Zwergenmutter mit Riesenbrüsten oder eine Obdachlosenszene in New York – alles keine typischen Puppenhaussujets.

Stefanie Erjautz hat sich das Puppenmachen selbst beigebracht und sie hat darin eine derart bewundernswerte Meisterschaft erlangt, dass man bei all den Gesichtern meint, sie gut zu kennen. Was sie liebevoll aus Strümpfen, Stoffresten, allerlei Abfällen und zwei verschiedenen Wattearten (eine fürs Gesicht, die andere für die Muskeln) macht, ist phantastisch, modelliert sie doch unglaublich wahre Gesichter. Sie ist eine Restlverwerterin, eine Wahrmacherin, die Beine der Puppen sind genauso Restln wie ihre Münder, Hälse, Arme, Bäuche, nur für die Gesichter nimmt sie jeweils einen neuen Strumpf – wie sie mir das erzählt, bekomme ich eine Gänsehaut. Haben Puppen Seelen? Jedenfalls sind sie sehr wesenhaft.

Mit ihren Puppen schafft sich Stefanie Erjautz eine eigene kleine Welt, sie ist die Demiurgin einer unwahrscheinlich wahrhaftigen Restlwelt, eine Antianatomin, obwohl auch für sie gilt, was ich einmal über einen Anatom geschrieben habe: Er ist immer neugierig, ist herausgefordert durch die Gleichgültigkeit des Körpers, ein Anatom will immer wissen, was unter der Haut steckt, will die Harmonie des Weltkörpers im Leib entdecken. Der Anatom gewinnt Kontrolle über die Deformation, er wähnt sich überlegen. Und ist nicht auch Gunther von Hagen, der umstrittene Leichenpräparator, eine Art Puppenmacher? Doch weiter bei Stefanie Erjautz. Da gibt es eine Wirtshausszene, bei der man sogar das Beuschel in einem der Teller schmecken kann, ein Liebes-paar wie aus Horvaths Geschichten aus dem Wienerwald, wo er ihr in den Ausschnitt langt, oder eine Barszene, so realistisch, dass man sich sofort hineinversetzt fühlt, ein Brautpaar, bei dem die Braut einen Schlüssel in der Hand hat – und unter dem Kleid den Keuschheitsgürtel. Stefanie Erjautz Puppen zeigen die Welt so, wie sie ist. Es wird nichts beschönigt, nichts verschwiegen, nichts idealisiert.

Ihre Puppen sind wie Alltagsgeschichten von Elisabeth T. Spira oder wie Filme von Ulrich Seidl, es spiegelt sich in ihnen Österreich, die derbe, aber liebenswürdige Herzlichkeit der Provinz, wo zur Eröffnung eines Bankomats die Blasmusik spielt, es so viel Freibier und Grillhendl gibt, bis die Dörfler ihr leeres Bierglas an den Bankomatschlitz halten und sich wundern, dass kein Bier ankommt. Die Puppe einer besoffenen Alten zeigt den Stinkefinger, die Maroniverkäuferin hat Hasenzähne und in der herausragenden Kreuzigungsgruppe hängen ein Soldat, ein Jude und Hitler über dem Kreuz, das Jesus, der Jeans anhat, nicht mehr tragen kann. Der daneben hängenden Vergewaltigten kann man unter den Rock schauen und sieht ihre behaarte Scham. Ist das arg? Sind’s jetzt schockiert, fragt das zierliche Persönchen und lacht.

Ich weiß nicht, ob diese Puppen Kunst sind, aber Volkskunst sind sie allemal, Volkskunst im besten Sinne, vergleichbar den Gstanzln und Volksliedern, die anarchistisch, subversiv und manchmal auch etwas derb die Realität der kleinen Leute zurechtrücken. Volkskunst wie Märchen mit all ihren Abgründen und Grauslichkeiten, Volkskunst wie das Kasperltheater, wo ein Wurstel vom Land die Schwächen der feinen Leute vorführt. Keine Hochkultur, keine feinsinnig vergeistigten Gebilde, sondern erdige, unverschämt direkte Arbeiten. Volkskunst im Sinne von so wunderbar deftig-derben Sätzen wie: Was hast denn du für ein Gesicht, das kommt ja gleich nach einem Erdäpfelsalat, Volkskunst eben, die die Basis aller Kunst ist, weil sich darin eine einfache, meist naturverbundene Gläubigkeit ausdrückt, nicht an die Kirche, sondern an das Leben.

Das Leben der Stefanie Erjautz scheint nicht immer leicht gewesen zu sein, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, der Vater war ein handwerklich geschickter Knecht, der unter anderem Taufwürfel, Wiegen und Sterzkreuze schnitzte, mit 16 kam sie ins Kloster, war in der Krankenpflege tätig, wurde mit 29 schwanger, musste mit ihrem Kind, das einen schlimmen Fuss hatte, was ihr als Strafe Gottes ausgelegt wurde, das Kloster verlassen, fand 1964 als uneheliche Mutter einen lieben Mann, mit dem sie zwei weitere Söhne (beide sind heute Künstler) hatte, doch auch das scheint nicht ganz nach Wunsch verlaufen zu sein. Trunksucht, Prügel. Nach 17 Ehejahren kam es zur Scheidung. Schließlich fand sie Arbeit im Volkskundemuseum, wurde Messnerin in der Kirche des Heiligen Antonius von Padua, wo sie, auch wenn es schon länger keine Messen mehr gibt, noch immer lebt, begann mit den Puppen, zuerst für die Kinder, später, weil sie in diesen Puppen ihren persönlichen künstlerischen Ausdruck der Weltverarbeitung gefunden hatte. Es gibt viele Formen, die eigene Lebendigkeit weiterzugeben, Stefanie Erjautz jedenfalls macht dies mit ihren Puppen, die nur scheinbar unbeweglich sind, tatsächlich aber viel bewegen – nicht zuletzt in einem selbst. Da tut es auch keinen Abbruch, dass manche Strumpfgesichter von der Sonne ausgebleicht sind, sie, wie Frau Erjautz selber sagt, Gelbsucht haben.

Und dass die Leute ihrer Umgebung dem Puppenmachertreiben nicht immer wohlgesonnen waren, kann man sich denken, denn was soll das schon viel sein, wenn eine von uns so was zusammenbringt? So ist es eine große Genugtuung, dass diese begnadete Künstlerin jetzt zu ihrem 75. Geburtstag doch noch zu verdienten Ehren kommt.

Natürlich befriedigen Puppen auch geheime Machtgelüste. In Amerika gibt es eine Firma, die einem den Traummenschen baut, mit dem man dann machen kann, was man will. Puppen sind willenlose Objekte, über die man herrschen kann. Insofern sind sie nie so lieb und harmlos, wie sie vorgeben. Puppen sind Objekte geheimster Projektionen, Fetische, das macht sie auch so interessant. Wir leben in einer Zeit, wo das Prinzip des Puppenmachens ganz neue Dimensionen erhält. Nicht nur, dass es bereits fast perfekte künstliche Körperprothesen gibt, bald wird die Gentechnik so weit sein, dass auch Organe oder Zähne nachwachsen. Und dass man in manchen Ländern bereits mit menschlichen Klonen experimentiert, scheint außer Frage zu stehen. Populationsgenetische Hybriden sind wir selbst. Aber die Wissenschaft wird bald soweit sein, den Menschen nach ihren Vorstellungen zu klonen. Dagegen sind die hinterfotzig subversiven Puppen der Stefanie Erjautz natürlich harmlos, aber großartig sind sie trotzdem.

(Franzobel, Rezension in: Die Presse, Spectrum, 26.11.2007)


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