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Kurzbeschreibung

Michael Wild. [Mit Fotos von Herwig Prammer]


Emergency Room

Durch die Ordination stürmt aufgeregter Laufschritt. Die Türen fliegen, und vor mir steht eine Frau, ihr jüngstes Kind, neun Monate alt, im Arm, gefolgt von ihrem Mann und dem älteren Buben. Kopf und Arme des Kindes baumeln leblos über den mütterlichen Arm, das Gesicht ist blaßgraublau. Ein paar abgerissene Wortfetzen:

»Ich hab es eh schon beatmet beim Herfahren …«

Wenn überhaupt noch sinnvoll muß ich sofort handeln, atme kräftig in den kleinen Körper hinein, massiere das Herz.

»Er muß an der Tuchent erstickt sein, er hat immer am Nachmittag ein bißchen geschlafen.«

Aber nie so lang. Das ist ihr aufgefallen bei der Stallarbeit, und so ist sie ins Haus hineingegangen, und da ist er dagelegen ins Bettzeug verwickelt. Wie lange schon?

Niemand weiß es.

Im Kind ist alles still, nur die Schaumblasen des Lungenödems brodeln leise, wenn meine Luft wieder entweicht. Das Telefon steht dort drüben, ich kann nicht weg. Beatmen, Herzmassieren, immer im gleichen Rhythmus.

»Pepi, was tuast denn?«

Der Vater beutelt den Arm des Buben so heftig, daß mein Mund vom Gesicht des Kindes verrutscht. Ich schicke ihn ins Haus hinüber, er soll meine Frau herholen. Die Rettung ist verständigt. Irgendwie kommt mir das Gesicht nicht mehr so graublau vor, oder täuscht mich die Nachmittagssonne? Wenn mich meine Frau bei Beatmung und Herzmassage ablöst, könnte ich nach einem venösen Zugang suchen. Adrenalin, Natriumbicarbonat fällt mir ein. Sie versucht es und bläst beherzt, aber zu schwach hinein. So ein Kleinkind ist ja immerhin, wenn auch rotz- und sandverkrustet weitaus appetitlicher als ein unrasierter, alter Alkoholiker. Ein kurzer Blick auf Arme, Beine, Hals zeigt mir aber, daß ich nicht die geringste Chance habe, im prallen Babyspeck eine Vene zu finden, die eine Medikamentenzufuhr ermöglichen würde.

Wieder beatmen, Herzmassage.

Intracardial? Wer macht das schon? Es ist auch gar nicht mehr üblich.Ein einziges Mal vor langer Zeit habe ich einem Toten was ins Herz gespritzt im Krankenhaus. Aber diesem - toten - Kind?

Nein, außerdem würde das die Beatmung zu lange unterbrechen, also muß es auch so gehen Muß es? So spring doch an!

Nichts. Nur das Blubbern des Lungenödems. Die Rettung ist schon da. Die sollen alles so herrichten, daß ich das Kind gleich richtig hinlegen kann. Meine Frau weint. Ich fahre mit der Rettung mit. Hoffentlich kommt in der Zwischenzeit nicht noch etwas Dringendes, dann müßte der Kollege im Nachbarort verständigt werden. Im Rettungsauto ist es noch heißer als draußen. Die Tragbahre ist viel zu weich und gibt unter dem Druck der Herzmassage jedesmal nach. Beatmen, Herzmassage.

[…]


Rezensionen
Enrico Danieli:

Darf man so schreiben? Darf man schreiben, was wir zu denken uns kaum getrauen? Meilenweit von dem von den Medien übermittelten Arztbild entfernt, aber ganz nahe bei uns.

In extremis: Der Beginn der Landarztgeschichten von Michael Wild, Jahrgang 1952, niedergelassener Arzt in Tragwein, Mühlviertel, also im tiefsten Österreich: Emergency Room: Ein neun Monate altes Kind, Kopf und Arme baumeln. Dramatische Augenblicke, lange, zu lange Minuten. Beatmen, Herzmassage, Transport – doch am Ende ist alles umsonst. Tot, gestorben. Schweigende Heimfahrt. Goldgelbes Abendlicht.

Diese Landarztgeschichten sind alles andere als Heldengeschichten.

Oder doch? Darf man so schreiben als Arzt? »Ob sich das lohnt, Schmerzen zu stillen, Unheil abzuwenden, sofern das überhaupt gelingt? Ein bisschen reden mit den Menschen, in ihrer Sprache zwar, aber ob sie mich deswegen schon verstehen? Ob sich das wirklich lohnt, ich weiss es nicht?« Eine berührende, entwaffnende Offenheit, die uns direkt anspricht, angeht. Denn wer, wenn nicht die Literatur, nimmt sich schon unserer Niederlagen an? Es sind alltägliche Geschichten, die erzählt werden, Abläufe, die uns bekannt vorkommen, Kranke, die wir zu kennen meinen. Bedrohliches, Quälendes, Trauriges. Auch wenn wir heute und vorallem in den Städten weniger in dieser Absolutheit gefordert werden wie der Autor im Mühlviertel. Wohltuend und in diesem Zusammenhang auch nötig die Reflexion über das Erzählte: »Alles Aufgeschriebene gerät mir zur Selbstentblössung … eine Art Exhibitionismus.

»Warum will ich das?« Offenheit, Ehrlichkeit, das Eingeständnis von Schwäche machen die Geschichten von Michael Wild zu unseren eigenen: »Ich erwache unvermittelt.Schweisstriefend. Wo? Wer? Habe ich vergessen? Was habe ich vergessen? War es eine Visite? Man wird sich über mich beschweren … man wird sagen, ich sei nicht erreichbar gewesen. Schwerwiegend.« Unsere eigenen Albträume werden zur Sprache gebracht, unsere verborgensten Gedanken werden angesprochen, das trifft: »Ich muss verschweigen, verdrücken, verschlucken, ich muss allen Erwartungen entsprechen … ich muss diesen vernichtenden Druck dieser Forderungen standhalten … Tag und Nacht … Ständig stehe ich vor den Erwartungen aller dieser Kranken, ständig bin ich gezwungen zu handeln …« Und dann, trotzdem überraschend, aber wir waren doch vorbereitet, steht er da, dieser vernichtende Satz eines Landarztes:

»Ich bezweifle, ob ich je geboren werden wollte …« Es sind reinigende, hilfreiche Sätze, die hier stehen, an die wir uns halten können, sind wir doch mit unseren manchmal verqueren Gedanken gar nicht allein: »Nicht-Kommunikation sei auch schon Kommunikation. Unser Dorf hat Paul Watzlawick nicht erlebt … Das ist nicht Nicht-Kommunikation, das ist aneinander vorbei.« Oder: »Ich habe den soeben gemessenen Blutdruck vergessen. Was hat er gesagt? Wo sind die Wurzeln meiner Abneigung? … Es muss in mir sein.«

Doch halten wir uns besser an die (seltenen) Glücksmomente in diesem wahrhaftigen Buch, in diesem seltsamen Beruf: »‹Wissen Sie eh, da mir das Knia wehtut?› Sie drischt mit ihrem Fliegenpacker auf meine Schulter. Die Fliegen surren. Ich glaube, sie mag mich.« Damit endet das Buch und alles ist gesagt.

Und: Die Frühlingssonne scheint auf ersten grünen Grasspitzen, und es riecht nach warmer Erde. Und: Mozart, Serenade, Klavierkonzert KV 271. Untermalt – nicht illustriert – werden die Landarztgeschichten durch schwarz-weiss Fotografien (Herwig Prammer) der armen Leute vom Mühlviertel. Plötzlich ein lachendes Gesicht oder ein Gesicht, das ein Lachen versucht, also etwas, das wir nicht erwartet haben, das in uns eindringt und wie das Buch von Michael Wild Spuren hinterlässt.

(Enrico Danieli, [?])