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Kurzbeschreibung

Heinz Janisch. Mit Zeichnungen von Erwin Moser


Die Wahrheit über die Rätsel, welche dieWelt uns aufgibt, ist vielleicht diese: daß jene, die man entziffert, sich verflüchtigen, daß nur die unausdeutbaren uns nähren und leiten können, Poesie, Nährerin und Magd der Rätsel. (Philippe Jaccottet, Der Spaziergang unter den Bäumen)


Die Katze

Die Katze schweigt mit vielen Dingen: Mit dem Tischbein, der Kante des Betts, mit der geöffneten Tür.

Die Katze ist ein Nestbauer der behaglichen, leichten Art. Kaum angekommen im Zimmer, springt sie aufs Fensterbrett, und schon könnte sie wieder auf der Straße wohnen, wenn es ihr in den Sinn käme. So aber bleibt sie in den bereitgehaltenen Handflächen der Dinge.

Gern kommt sie, um das Sprechen zu üben und das leise Lachen. Gern kratzt sie an der Oberfläche des Scheins und der falschen Freundschaft. Die Katze ist ein stolzer Eroberer der Nähe. Oft heißt diese Nähe auch: Distanz, ruhiger Blick.

Mein erstes Wort an die Katze am frühen Morgen ist eine Schale Milch. Während ich - über ein Buch gebeugt - am Tisch sitze, ist ihr Kopf über der Schale.

So finden wir beide Nahrung für den Tag.



Der Bottich

Der Bottich ist der Urgroßvater des Eimers, auch Kübel genannt.

Der Bottich ist ein rundes Holzgefäß, sagt das alte Buch. Der Bottich ist das Meer meiner Kindheit, sagt der Großvater. Schon sehe ich seine blaue Schürze als Segel über den Hof wehen.

Mit einem Bottich, sagt der Herr Pfarrer in der Volksschule, schüttet der liebe Gott alle Wolken und Sterne ins Weltall und uns auf den Kopf, wenn wir nicht dreimal das Vaterunser beten, noch vor dem Frühstück.

Auf dem Dachboden und im Keller fühlt sich der Bottich am wohlsten. Auch im Stall, neben der soeben gemolkenen Kuh, und in der Küche, in der Nähe der Großmutter, hält er sich gerne auf.

Er ist einer, der gern schweigt. Er hat viel Geduld. Es ist die Geduld, die den Bottich zum Freund der Weintrauben, der Äpfel und der Birnen gemacht hat.

Sie besuchen ihn gerne.

Der Bottich ist noch ein Kind der gewachsenen Bäume.


Rezensionen
Gerhard Altmann: Das Gute in den Dingen

Was man zum Leben braucht: einen Kreisel, den Tau, das Gebet, einen Kalender, eine Schürze, Regen und ein Buch, in dem diese Dinge ihren Platz haben. In seinen Kurztexten richtet der Autor dem Leser einen Lebensraum ein, daß der seine Freude hat. Nicht, daß deswegen aus den »Lobreden auf Dinge« Lobhudeleien werden müßten. Janischs Wortbilder geben soviel Andeutung, daß man das Wesentliche erfährt; er läßt aber vieles im Dunkeln, wo Platz für die Fantasie des Lesers ist, und führt bei der Beschreibung einer Sache eine weitere Geschichte ein.

Ich könnte mir gut eine weitere Ausgabe der Lobreden vorstellen, die - wie dies in Lexika üblich ist - Querverweise zu anderen Begriffen enthält. Janischs Dinge haben in mehrfacher Hinsicht Tiefe: einerseits durch das Vorstellungsvermögen des Autors, andererseits durch die zeitliche Komponente: "Ist es nicht so, daß die Dinge ein Gedächtnis haben?" liest man in "Der Kreisel". Heinz Janisch gibt ihnen Geschichte und Geschichten. Der Orange, dem Haus, dem Tempel, dem Holunderstrauch, dem See. Heinz Janisch hat die Dinge, denen er in seiner Kindheit, auf dem Hof des Großvaters begegnet ist, in Sprache gefaßt.

Natürlich hat die Welt des erwachsenen Heinz Janisch ihre Spuren hinterlassen. Dafür spricht "Der Rasierpinsel", aber auch die Präsenz der Bereiche Kunst und Literatur und eines weiblichen Du. Oft erzählen einige wenige Pinselstriche eine Geschichte. Genauso zurückhaltend illustrieren die Zeichnungen des Kinderbuchautors und -illustrators Erwin Moser diese Miniaturen. Janischs Lobreden sind Stilleben: ruhige, oft meditative Texte. Man wird zum Wiederholungstäter: liest immer wieder und versucht seine eigenen Lobreden.

(geralt, Rezension in: Buchkultur #31, 1/1995, S. 24)


http://www.buchkultur.net/archiv/pdf/Buchkultur_31.pdf