Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Lokalaugenschein, Where the heart is …


Die verwöhnte Frau fügt nackte Menschen in ihre Gemälde ein. Wer bemerkt das echte Fleisch im Ölanstrich.

Manhattan. Wir tun so, als hätten wir furchtbar viel Spaß. Die Lichter der Stadt flanieren. Die Obdachlosen erfrieren. Piano and strings. Die Schwestern tanzen in einem verlassenen Haus. Das Spiel für die Süchtigen draußen heißt »Demolition«. Der Planet ist verbraucht. Wir wissen das alle. Aber vorher müssen wir unsere Miete verdienen. Bilder im Kunstraum. Skating auf Asphalt. Carving aufKunstschnee. Die Mutter kann die Kinder nicht verlassen. Während der Vater die stummen Anschuldigungen nicht mehr erträgt. Seit fünfundzwanzig Jahren versuche ich alles zusammenzuhalten, sagt die Frau. Während er alles demoliert. Werde ich mit Dir in einem Tanz geborgen sein. Zwischen den Mahlzeiten und den Amtsschriften. Ihr holzt die Bäume ab und stellt sie in den Gängen der Konsumtempel wieder auf. Ich weiß nicht, wer du bist, sagte er zu seinem Spiegelbild. Aber ich werde dich rasieren. Es gibt keine Schuld. Es gibt nur zuviel oder zuwenig Liebe. Einmal will ich nicht feig sein, bei Dir bleiben. Bodypainting statt Beziehung. Der Computer identifiziert mich als uneffektiv. Die Zeit für Wasserspiele an einem Sommertag ist unstatthaft. Unter langarmigen Ästen über dem Wasser habe ich das Licht gesehen. Das Licht fiel auf eine bestimmte Art. Hast du vergessen, Eva. Ich bin verrückt nach dir. Daran muß ich mich gewöhnen, aber ich glaube, es gefällt mir. Leise und eindringlich das Bandoneon. Wie kann ich dein Herz gewinnen. Versuch nur, daß du mir nicht mitten im Satz davongehst.


Lokalaugenschein, 18. März

Ich fahre ans Meer, sage ich. Die schwarzhaarig Lang-gliedrige trägt nice sentences über ihrem Make-up. Ihre übergroßen Pupillen würden sich abwenden, setzte ich meine Zungenspitze an ihre violetten Lippen. Wer hört schon gerne, daß man stirbt. Du würdest die moving lines auf der Tanzfläche wahrnehmen, darin gezogen und gewunden. In New York ist Jazz Tanzmusik. Der Discjockey weiß, er ist alt. Die Basslinien rolle ich zu Behausungen auf. Wiegenlieder lehnen die Tänzerinnen und Tänzer aneinander. Ich fahre ans Meer, sage ich den kleinen und großen Händen, die mich arretieren wollen. Den Kopf in den Nacken gedrückt, atme ich. Ich sehe die Straße, auf der ich gehe. Meine Augen tasten Augen. Zu Boden gekommen.


Lokalaugenschein, 20. April

Sag mir, daß ich eine Geschichte zu erzählen habe. Sag mir, daß eine Rose eine Rose ist. Wenn Du gegangen bist, geht meine Haut über einem Papierbogen auf.


Spermiensaft habe ich abgerieben. Aber die Einsamkeit der Lust. Ich habe keine Arbeit mehr, als von Dir zu erzählen. Die Kirchtürme der Stadt versteinerte Phalli. Den ehrbaren Grinsern gelten verschwitzte Achseln als Würde. Socken werden nur zweimal wöchentlich gewechselt. Kinder mißhandelt. Die sichtbare Welt schlecht begriffen. Zu Floskeln verdünnt. Einen Satz entwinde ich dem anderen. Du aber sagst: Im Norden macht man hohe Feuer über der gefrorenen Erde.


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Ein "Lokalaugenschein" tritt immer dann auf den Plan, wenn bereits etwas geschehen ist. Gleichsam im zweiten Versuch, dem Lokalaugenschein, versucht sich die Behörde vor Ort einen möglichst authentischen Abdruck der Wirklichkeit zu verschaffen.

Peter Reutterer führt in seinem Prosaband fünfundreißig Lokalaugenscheine durch, die er penibel mit Datums- oder Ortsangaben einer höheren Ordnung zuführt. Er selbst ist nämlich Begutachter, Beobachter, Behörde und Sachverständiger in einem. Somit ist gewährleistet, daß die Lokalaugenscheine immer klaglos über die Bühne gehen.

Allerdings ist die "erzählende Eigenbehörde" nicht immer objektiv. So kann es geschehen, daß Augenblicke der Liebe das Herz des Betroffenen rasend machen, daß in unguten Momenten die Geschichte der Kindheit die Gegenwart überlagert, oder daß ein Tangotänzer tatsächlich sich in Musik auflöst.

Überhaupt stellt sich bei jedem Lokalaugenschein die Frage, welchem Zweck oder Gegenstand er gewidmet ist. Wie Zeugen, die sich an alles und nichts gleichzeitig erinnern können, schwappen Eindrücke, Ideen, Vorschläge und Behauptungen durch die Luft. Ununterbrochen werden Sachverhalte fixiert, aber unter dem Firnis der Beobachtung beginnen sie bereits wieder zu zerfließen, so daß am Ende nur die Schlieren der Ungewißheit dokumentiert sind.

Peter Reutterers Lokalaugenschein sind Bestandsaufnahmen von flüchtigen Dingen und Begebenheiten, die sich nach ihrer Manifestation beim Leser auch schon wieder auflösen. Mit ihrer verblüffenden Paradoxie gleichen diese kompakten Texte manchmal buddhistischen Koans, und dementsprechend bewähren sie sich auch im Alltag, wenn sie der Leser dosiert einsetzt.

(Helmuth Schönauer, Rezension im Buchmagazin des Literaturhaus Wien, 1. Februar 2000)


http://www.literaturhaus.at/index.php?id=2557