Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Freund: Ich freue mich, dich wiederzusehen. Du hast im Schneesturm zu meinem einsamen Landhaus gefunden.
Richard: Wo ist der Sturm? Ich sehe die Sonne.
F: Bei Gott, du hast dich nicht verändert. Schon als junger Gymnasiast hast du stets irgendwo die Sonne gesehen. Wenn ich mich recht erinnere, sogar in der Nacht.
R: Vielleicht ist mein Blick für die Sonne das Geheimnis meines beruflichen Erfolges.
F: Davon bin ich überzeugt.
R: Ich bin aber zu dir gekommen, um unsere Freundschaft zu beleben - so wie in den Jugendjahren.
F: Du meinst, Wein trinken und philosophieren.
R: Ich sehne mich danach.
F: Wir haben aber auch beim Spazierengehen philosophiert. Es ist kaum zu glauben, jetzt scheint wirklich die Sonne.
R: Ich habe die Sonne schon vor dir gesehen, sie lädt uns zu einem Spaziergang ein.

F: Gut, gehen wir spazieren.
R: Ich gestehe, die weite Reise nicht nur aus Freundschaft auf mich genommen zu haben, sondern auch aus Neugierde. Lass mich an deinem Weltbild teilhaben!
F: Dasselbe gilt für mich. Auch ich brenne danach, unsere Philosophien zu vergleichen und sie uns vielleicht später beim Wein gegenseitig zu vermitteln.
R: Womit beschäftigst du dich gerade?
F: Es ist das Problem der Grenze.
R: Welche Grenze meinst du damit?
F: Die Grenze ist ein universales Ordnungsprinzip und hat viele Gesichter.
R: Dann sollten wir nicht über die Grenze, sondern über die Grenzen reden.
F: Du hast mich verstanden.

R: Mir fällt dazu ein, dass wir von räumlichen und zeitlichen Grenzen umfangen sind.
F: Ich schlage vor, zuerst die grundlegenden Grenzen der Zeit ein wenig unter die Lupe zu nehmen.
R: Ich leide zwar oft unter einem zeitlichen Druck, über die ihm zugrunde liegenden Grenzen habe ich eigentlich noch nie eingehender nachgedacht. Es interessiert mich aber sehr.
F: Ich sehe drei Zeitprinzipien, die unsere Existenz bestimmen, nämlich das ontogenetische und das evolutive Zeitprinzip sowie das Prinzip der Permanenz.
R: Demnach gibt es nicht die Zeit schlechthin, sondern unterschiedliche Arten des Verlauf von Zeit. Unterscheiden sie sich in ihrer Grenzensetzung?
F: Genau darauf will ich hinaus.
R: Die Grenzensetzung der Ontogenese liegt auf der Hand. Es ist die Zeit von der Zeugung bis zum Tod.
F: Man kann daher die Ontogenese die Zeit des irdischen Lebens nennen.
R: Wenn du die Ontogenese als irdisch bezeichnest, dann legst du dich damit auf eine Zeit nach dem Tod fest.
F: So ist es.

R: Auf diesem schönen Waldweg, den wir gerade gehen, riecht es nach Metaphysik.
F: Metaphysik ist für mich die eigentliche Philosophie, weil sie Wirklichkeiten zu entdecken sucht, welche von der klassischen Philosophie bisher unbearbeitet geblieben sind.
R: Das verstehe ich nicht. Als Naturwissenschaftler orientiere ich mich an Philosophien, die zur Wahrheitsfindung beitragen. Mehr kann man doch als Mensch nicht erreichen.
F: Ich vermute, dass sich in diesem Punkt unsere Weltbilder deutlich unterscheiden. Sollten wir nicht zunächst die Evolution und die Permanenz näher beleuchten?
R: Gut, streiten wir über die Metaphysik, wenn wir ins Haus zurückgekehrt sind und der Wein die Zunge lockert.
F: Die Evolution ist eigentlich eine dialektische Zeit zwischen Grenzensetzung und Grenzenlosigkeit. Wie wir aus der Atomphysik wissen, ist das Universum zu irgendeinem Zeitpunkt entstanden und entwickelt sich seither immer fort.
R: So gesehen ist die Evolution eine nach vorne offene Zeit. Gilt sie aber auch für lebende Systeme wie für den Menschen?
F: Es tut mir Leid, aber das ist wiederum eine der großen metaphysischen Fragen.
R: Du kannst dieses Problem nennen, wie du willst, wenn du einen Lösungsvorschlag hast.
F: Wie du weißt, gibt es Menschen, die der Überzeugung sind, dass unsere Existenz mit dem Tod zu Ende ist. Sie können sich ein Weiterleben nach dem Tod absolut nicht vorstellen. Der gläubige Mensch geht hingegen davon aus, dass sein Leben von Gott gewollt und seine Funktion in der Schöpfung eine bleibende ist, wenngleich sich die materielle Existenz - vergleichbar dem Universum - in einem steten Wandel befindet.

R: Jetzt verstehe ich allmählich, worauf du hinauswillst. Die stete Entwicklung des physikalischen Universums kann man auch als Permanenz bezeichnen. Es fällt mir aber kein wirkliches Argument ein, warum die Permanenz auch für lebende Systeme gelten könnte.
F: In der Physik ist die Zeit ein linearer Vorgang. So kann man die Ontogenese als eine begrenzte Strecke und die Evolution als eine »offene Gerade« darstellen.
R: Was sollte dann bei Lebewesen anders sein?
F: Biologische Prozesse laufen wesentlich in Zyklen ab. Denke an die Biorhythmen - Schlaf-Wach-Rhythmus et cetera. Formal geht es hier nicht um Linien, sondern um Kreise.

[…]