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Kurzbeschreibung

Gerhard Amanshauser. [Hrsg. von Hans Höller]


Die Schrift

Die Kaiserin hatte der Hofdame Sei Shonagon kostbares Papier geschenkt, China-Papier, das die Tusche bei jedem Kontakt mit dem Pinsel sogleich aufsaugt, so daß keine Korrektur mehr möglich ist. Das nenne ich einen geeigneten Anlaß für ein Buch!

Die Pinselschrift verleiht jedem Zeichen einen kunstvollen Körper, der nicht im Mitgeteilten verschwindet. Also gilt es, die Zeichen auf dem Papier so zu verteilen und gegeneinander abzuwiegen, daß eine Art Tanz entsteht, wobei der ganze Körper des Schreibenden sich im Rhythmus der Zeichen ins Spiel bringt. Wie bei einem Musikstück, das nur einmal in einer bestimmten Konstellation erklingt, werden auch die Stimmung des Augenblicks, die Jahreszeit und die Witterung mitspielen. Voraussetzung ist allerdings eine Pinselführung, die im Schlaf beherrscht wird.

Gedruckte Zeichen, so heißt es, sind tot. Die chinesische Kalligraphie ist keine »Schönschrift«, wie wir uns das vorstellen; sie ist ganz einfach die Schrift, ausgebildet als Kunstform.

Was wir, die West-Menschen, als Schrift bezeichnen, ist eine kümmerliche Wiedergabe von Lauten, denen die Stimme nachzuhelfen versucht. Dabei wird die Schrift im Dienst des Sprechens verbraucht und verliert jegliche Souveränität.

Die übergewichtige Masse von sogenannten Inhalten läuft auf einer Marathonstrecke dem Ziel entgegen, wobei das Gelesene jeweils gelöscht wird, so daß das Ganze gleichsam sich selbst. Die Hofdame erhält leeres Papier als Geschenk; sie wird es nicht mit einer Einbahnstraße von Buchstaben zudecken und als Träger mißbrauchen, sondern ihre kunstvoll verstreuten Zeichen werden wie Ranken herabhängen, zwischen denen sich der Ozean der Leere auftut, der alle Formen hervorbringt und wieder verwischt, verschluckt.

Terrasse, hier keine Erdstufe im ursprünglichen Sinn, sondern eine Dachterrasse; Terra soll hier den Planeten bezeichnen, darauf ist eine künstliche Plattform gebaut.

Die Terrasse ist eine rechteckige Wanne, vier mal zwei mal eins, in der manchmal die Sonne brütet, manchmal die Kälte nistet. Eine merkwürdige Laune des Baumeisters hat die südliche Brüstung mit breiten Schießscharten versehen. Von dort blickt man über das häßliche Chaos der Vorstädte auf die Alpen.

Bäume umgeben mich, ragen hinter mir, wo der Berg steht, hoch über die Terrasse, und vor mir, wo er fällt, blicke ich über ihre Kronen. Wenn die Blätter abfallen, kommt hinten über dem Dach die Festung zum Vorschein; ihre Verteidigungswälle, die längst nichts mehr schützen, ruhen auf den Felsen. Kommen die Blätter wieder, verschwindet das Fundament, bis nur mehr der höchste Turm mit der Fahne sichtbar ist, von dem die Stimme des Fremdenführers tönt, als wollte sie die Stadt samt Umgebung versteigern.