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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Hans Höller]


Honoris causa

Als mir die Universität den Titel Doktor honoris causa verlieh, saß neben mir ein gewisser Ernst, der zum Ehrensenator ernannt wurde. Ein Magazin bezeichnete diesen Ernst als Immobilienkaiser von Österreich. Ich saß also neben einem österreichischen Kaiser. Und tatsächlich verhälte es sich so, daß die einzigen Monarchen, die heute ernst genommen werden, aus der Wirtschaft kommen. Im Mittelaalter hätte mich Seine Majestät gefragt, ob ich nicht bei Hof den Posten eines Hofnarren bekleiden wolle. Ich hätte mit Freuden zugesagt, denn das wäre einer der Berufe gewesen, die für mich in Frage kamen. Doch der heutige Ernst ist absolut und kann sich keinen Narren mehr leisten.

Für mich gibt es längst keinen Posten mehr.

Es lebe honoris causa.


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Eine Mansarde ist an und für sich eine Hommage an jenen französischen Baumeister Mansart, der erstmals im 17. Jahrhundert in die Dachstühle Wohnungen mit schrägen Wänden hineingepreßt hat.

Gerhard Amanshauser nimmt diese bautechnische Idee als Grundlage für seine Mansarden-Texte, er nutzt quasi den letzten Gedankenraum im Kopf aus, um darin seine Miniaturen zu planen und unter Dach und Fach zu bringen.

Äußerer Anlaß für das "Mansardenbuch" ist für den Autor freilich seine Übersiedlung vom Terrassenzimmer ins renovierte Mansardenzimmer. In der dem Buch vorangestellten Notiz liest man: "Im 'Terrassenbuch' heißt es: 'Zum zweiunddreißigsten Mal geht es jetzt um die Sonne'. Auf die gleiche Art wird das 'Mansardenbuch' datiert: 'Zum siebzigsten Mal geht es jetzt um die Sonne'." (S. 9)

"Mir bleibt nichts übrig, als meinen Sätzen einen kleinen Spielraum zu erschließen und ihren Launen zu folgen" (S. 13) Die scheinbar kleinen Texte widmen sich aber trotz ihrer knappen Anlage gewaltigen Themen.
Für den Autor ist das Mansardenzimmer die "direkte" Welt, was Geräusche und Temperaturen betrifft. Als zweite Haut korrespondiert es allerdings mit dem Weltall, und zu Zeiten des Äquinoktums wandert die Sonne über das Bett, das millimetergenau unter der Dachluke steht.

Immer wieder kommt der Mathematiker und Physiker in Gerhard Amanshauser zum Durchbruch, für den Präzision an unerwarteter Stelle eine Selbstverständlichkeit ist. So verblüfft es nur auf den ersten Blick, wenn der allgemeine Verkehr und die damit verbundenen Geräusche durch Nullsummen-Rechnungen von Schrödinger und Niels Bohr kurz und bündig erklärt werden.

Aber auch als Überlebensstratege stellt Gerhard Amanshauser immer wieder seltsame Überlegungen an. So setzt etwa die gefürchtete Altersdemenz frische Erinnerungen an die Kindheit frei, womit das Niveau der Gedanken wieder auf gleicher Höhe gehalten werden kann. Was die Beine an Raumbewältigung im Alter aufgeben, holt eine neue Logistik des Denkens wieder spielend auf.

Selbstverständlich hält sich auch der Ironiker Amanshauser nicht zurück und gewinnt dem Chaos, das durch die Umbenennung der Straßen entsteht, durchaus einen höheren Sinn ab. Einen schrägen Sinn braucht man auch, wenn man die berüchtigte Getreidegasse begehen will, eigentlich genügt es, ihr nahe zu kommen, denn eine Begehung hält man auf Dauer nicht aus.

Und glücklicherweise haben die Amerikaner der Familie des Autors für alle Zeiten eine makellose Vergangenheit beschert, als sie bei einem Bombenangriff die Nazifahne samt Fahnstange gezielt aus dem Haus sprengten.

Das "Mansardenbuch" enthält viele Geschichten zum Schmunzeln, Nachdenken und Sinnieren. Die straffe innere Logik birgt manchmal die Paradoxie eines Koans in sich. Dieser Vergleich mit asiatischen Weisheiten ist durchaus zulässig, da sich viele Geschichten auf die chinesische, koreanische und japanische Kultur beziehen. Und Amanshauser wählt schließlich manchmal auch den raffinierten Erzählstandpunkt eines "Meisters des östlichen Blicks", wenn er mit aufgestülpten Hosen in den Indischen Ozean hineinwatet. - "Aber am Gelben Meer war ich nie." (S. 53)

(Helmuth Schönauer, Rezension im Buchmagazin des Literaturhaus Wien, [24. Juni 1999])


http://www.literaturhaus.at/index.php?id=378

Helwig Brunner: ganz normale blicke aus ganz normalen fenstern

Ein Mansardenzimmer in seinen Zuständen vor und nach der längst fällig gewordenen Generalsanierung wird zum Ausgangspunkt der Streifzüge des Denkabenteurers Amanshauser, der als Mann im Hintergrund (so Anton Thuswaldner in den Salzburger Nachrichten über G. A.) doch vielen Literaturinteressierten längst ein Begriff ist. Der gebürtige Salzburger, seit nunmehr viereinhalb Jahrzehnten freiberuflicher Schriftsteller, kratzt in seinem Schreib- und Oberstübchen ehrfürchtig, aber respektlos am Firnis wohletablierter Wort- und Weltbilder und entwirft eine gewitzte Kosmologie, in der kein Stein an seiner gewohnten, also kaum noch wahrgenommenen Stelle belassen wird. Kopfschüttelnd aufgeworfene Fragen der Messbarkeit und Beschreibbarkeit der Welt verraten den studierten Naturwissenschafter, der zum Literaten geworden ist und unterwegs im fernen China vorbeigeschaut hat: winzige Verrückungen und Verrücktheiten stellen dies und jenes in den Mittelpunkt einer Wahrnehmung, in der gelassener Ernst und heiteres Lächeln als zwei Facetten einer Haltung deutlich werden.

Allerlei kleine Schönheiten aus Mathematik, Physik und Biologie bevölkern Amanshausers Welt des Naheliegenden, wenn etwa die Phänologie der Feuerlilien im Garten vor dem Fenster des Mansardenzimmers Gaußsche Glockenkurven aus leuchtenden Blüten beschreibt oder das Gehäuse der Meeresschnecke Conus literatus auf dem Bücherregal zum Anlassfall existenzphilosophischer Betrachtungen wird. Zwischendurch nehmen satirische Seitenhiebe den papageienbunt vorbeischnaufenden Jogger oder die gar heidnische Begegnung mit einer Nonne aufs Korn. Selbst die allergene Staubmilbenkolonie in den papierenen Sedimenten jahrzehntelanger Schreibtätigkeit wird zum Gegenstand ironischer Betrachtungen: „Eigentlich ein Skandal, dass Tiere, ab einer gewissen Kleinheit, mein Privatgemach als Massenquartier bevölkern, wo sie koitieren, defäkieren und krepieren, als wäre ich eine große Null.“ Der Mensch, der sich vor Amanshausers liebevoll unerbittlichem Blick als bescheidenes Produkt seiner eigenen Evolution auf der Erdkruste hin und herbewegt, wird auf das menschliche Maß zurückgestutzt und darf wieder lachen.

Die Frage, auf welchen Wegen Amanshauser vor den Hintergründen und Abgründen profunder europäischer Bildung zu seinen unübersehbar fernöstlich gefärbten Sichtweisen gelangt ist, wird nicht explizit beantwortet; dass es aber gründlich begangene Wege sind, verrät schon seine Publikationsliste, in der sich neben diversen Gattungsbezeichnungen wie Parodien, Marginalien, Essays, Geschichten, Gedichten und einem Satirischen Roman auch Chinesische Impressionen finden. Amanshauser ist ein Autor, dessen kosmopolitische Weisheit, falls dieses Wort gestattet ist, unserer Zeit und Gesellschaft guttun könnte, wenn diese es wollte. Da sie es, wie zu vermuten ist, nicht will, gelangt man zu dem bescheidenen Wunsch, wenigstens der eine oder andere Leser möge sich Amanshausers Buch auf sein eigenes Mansardenzimmer mitnehmen und dort ein ganz persönliches, erfrischendes Denkabenteuer erleben.

(Helwig Brunner, Rezension in: Schreibkraft. Das Feuilletonmagazin #02/03, 2000 [?])


https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/02-wiederkehr/ganz-normale-blicke-aus-ganz-normalen-fenstern