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Kurzbeschreibung

Hrsg. von Barbara Tobler


»Die grosse Sehnsucht nach Wüsten und Meeren«

Hertha Kräftner, Biographie beiseite

Der Wahnsinn des Künstlers, abgeschnittene Ohren, Selbstmordgefahr. Sklaven- oder Sklavenhändlerexistenzen, Rausch, frühe Vollendung, tragischer Tod. Die Handlung unterbrochen von Behandlung: Elektroschocks, Psychoanalyse, Psychiatrie. Irgendwann heißt es nicht mehr Wahnsinn des Künstlers, ein Wort, das noch irgendetwas Weites und Gottgegebenes hat, sondern Neurose, Psychose, Depression, Schizophrenie. Der Künstler, dessen Biographie immer interessanter wird, interessanter gar als sein Werk, der Vorleidende, in Vertretung Leidende, die Fallstudie, pathologisiert. Aber erst die Künstlerin! In den letzten drei Jahrzehnten stetig ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, Lebensgeschichten vom Anfang bis zum Abgrund, Qualen, Katastrophen, Zusammenbrüche, Verfall. Die Pathologie des Künstlers durch die Pathologie des Weiblichen aufs Erklecklichste potenziert. Vieles davon ist gut gemeint und zweifelsohne spannend zu lesen, die von Sibylle Duda und Louise F. Pusch herausgegebene Trilogie »WahnsinnsFrauen« etwa, in der Hertha Kräftner nicht enthalten ist. Sie hätte gut hineingepaßt. Wenn von ihr, wenn von so vielen Künstlerinnen die Rede ist, ist nur mehr die Rede von psychischer Deformation. Und das Werk? Ist es wirklich notwendig oder wichtig zu wissen, was Hertha Kräftner tatsächlich in ihrer Handtasche trug, wenn man ihre Geschichte »In der Handtasche« liest? Wäre die Geschichte ohne dieses Wissen nicht eine andere, vielleicht sogar witzig? So aber wird der biographiekundige Leser zum Schmalspuranalytiker, deutet jede Zeile ferndiagnostisch in den Grund, und das Veronalarsenal scheint auf jedem Blatt durch.

Hertha Kräftners Texte erscheinen nie ohne Vor- oder Nachwörter, ohne Spekulationen, ohne lebensklugen Kommentar. »Vielleicht ist es so gewesen, daß sie starb, weil sie in diesen Wochen des Herbstes 1951 sehr glücklich gewesen ist. Konnte sie das Glück nicht ertragen?« mutmaßt Hans Weigel gewagt. »Vielleicht wäre entschiedenes Sich-in-die-Wirklichkeit-Geben, unbekümmert um persönliches Leid, ein Weg zum Frieden der Autorin gewesen«, geben Otto Breicha und Andreas Okopenko verspäteten väterlichen Rat. Die Wirklichkeit? Hat denn schon irgendjemand festgestellt, was das eigentlich ist? Ist sie für jede und jeden das Gleiche? In einem Brief schrieb Hertha Kräftner: »But I think I saw with my eyes another reality than those people.«