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Kurzbeschreibung

Winter

Aus grauen Wolken schaut der silberne Engel herab
Schaut auf das braune Gras
Schaut auf den Haß
Der Schnee fällt nur für die Glücklichen
Schwarz sind die Augen der toten Götter
Und kupfern ist ihr Schwert
Kommt laßt uns hinauf
Wir wohnen doch nicht gerne hier
Mich friert
Und die fremde Sonne
Starrt vor Kälte



Untergang

Der rote Fluß hat sein Geheimnis preisgegeben
Die versunkenen Ahnen jagen ihre toten Enkel
In den Häusern der Irrenden
Breitet sich schreiende Ohnmacht aus

Es ist soweit -
Das ewig ewige Singen hat aufgehört
Und die Aschenseele stirbt



Totenlieder für eine Frau

1
Meine Bäume brechen
über deinem Tod. Alle Liebe sinkt. Ein Grab und Felsen. Mit Adleraugen
hat die Trauer mich erspäht
und eingehüllt in ihren tiefen Mantel.

Geh' nun als Wächter einen langen Pfad.

2
Silberwellen werden uns umschlingen. Immer suche ich Blumen
und finde Welten. Verschlingen werden uns Silberwellen.

3
Diese Mauern führen über Täler. Im Regenbogen tanzen die Steine
der Nacht.
Die Felder zogen Wellen an Land. Komm rette mich!
Ich will getrunken werden.

Diese Mauern! Diese Täler! Ich bin gefallen. In eine Stadt, ruhig über der Erde.




Rezensionen
Angelika Overath: «Ein blauverwundetes Wesen»

Die Lyrikerin und Malerin Anne-Marie Salome Brenner

Vor fast fünfzehn Jahren, am 11. November 1983, irritierte Erich Fried den literarischen Markt, als er im Feuilleton der «Zeit» in aller Ausführlichkeit einen Lyrikband besprach, den eine junge, völlig unbekannte Autorin im Eigenverlag herausgegeben hatte: «Isolde im Winter» von Anne-Marie Salome Brenner. Wenn auch mit handwerklichen Anfängerfehlern behaftet, so sei diese Lyrik in ihrer Intensität doch «genial». Erich Fried verbeugte sich vor der Debütantin, indem er erklärte, er würde «bei sehr vielen dieser Gedchte sehr viel dafür geben, sie selbst geschrieben zu haben». Bis er einräumte, der Preis solcher Verse sei wohl ein hohes Mass persönlich erfahrenen, weiblichen Leids, wie er vermutete.

Ein Jahr nach der Rezension versuchte die damals 27jährige alleinstehende Dichterin, Malerin, Mutter eines kleinen Jungen, sich das Leben zu nehmen. Sie trank eine große Menge Terpentin, das sie zu Hause hatte, weil sie damit ihre Ölfarben verdünnte, und stürzte sich aus dem dritten Stockwerk eines Tübinger Fachwerkhauses auf die mittelalterlichen Pflastersteine. Wer sie, mit ihren langen roten Haaren, zerbrochen und blutend zwischen den engen Altstadtfassaden hätte liegen sehen, würde sich des Gedankens an eine Hexenverfolgung vielleicht nicht erwehrt haben können.

Heute lebt und arbeitet Anne-Marie Salome Brenner im Rollstuhl. Was Aussenstehende zunächst als elementaren Verlust interpretieren: den Verlust eines heilen, schmerzfreien, sich selbst tragenden Körpers, muss sich für sie in einen Zugewinn an elementarer Daseinskraft verwandelt haben. Mit großer Intensität nahm sie nun ihr schon einmal verschenktes Leben wieder auf. «Das alte Pflaster. Die schönen Steine. / Es ist so schwer, mit Krücken darauf zu gehen. / Mit dem Rollstuhl darauf zu fahren. / Den schwangeren Bauch zwischen den Krücken die Gasse hinunterzubalancieren», schreibt sie rückblickend in der Kurzzeilenprosa «Die Selbstmörderin». Mittlerweile war sie Mutter eines Mädchens geworden.

Anne-Marie Salome Brenner wohnt mit ihren Kindern, einer wechselnden Anzahl von Kleintieren, über dreihundert Ölgemälden und Mappen von Manuskripten in einer rollstuhlgängigen Wohnung am Rande der Tübinger Altstadt. Die biographischen Details sind nicht Hintergrund ihres künstlerischen Schaffens, sondern sein unmittelbarer Gegenstand. Hierin ist sie der malenden Dichterin Else Lasker-Schüler verwandt, eine aus der alltäglichen Norm «Verscheuchte», die ihre Freunde und Verleger in ihre Märchen einwebte und sich in der Prosa der Wirklichkeit selbst als eine Märchenfigur verlor. Mit ihr teilt Anne-Marie Salome Brenner die Leidenschaft für die blaue Farbe: «ein blauverwundetes Wesen irrt durchs Weltblau».

Mit «menschenorts» ist nun nach den Lyrikbänden «Stufen zur Nacht» (1979), «Isolde im Winter» (1983) und der Sammlung kleiner Prosa «Goldene Uhren?» (1986) nach über zehn Jahren ein blaues Buch erschienen, das - neben 30 zum Teil redigierten Gedichten aus «Isolde im Winter» - Anne-Marie Salome Brenners Arbeit nach ihrer Lebenszäsur zeigt. Erstmals wird auch neben 74 Gedichten und 2 Prosastücken eine Auswahl ihres bildnerischen Werks dokumentiert. Dass das schöne Buch zu einem erschwinglichen Preis zu erwerben ist, verdankt sich dem Engagement des Verlegers Richard Pils und der Herausgeberin Monika Fromet Kraemer. Die Initiatorin des Buchs ist Leiterin von «aRT», einer internationalen Gesellschaft mit Sitz in Wien, Stuttgart und Zürich, die ihr Augenmerk auf Doppelbegabungen richtet.

Anne-Marie Salome Brenner praktiziert nicht nur die zweifachen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten des Malens und Schreibens; schreibend reflektiert sie immer wieder, wie weit Farben reichen und wie weit Wörter. In ihrer Erzählung «Paris!» initiiert sie eine Ich-Spaltung als inneren Monolog, den die Dichterin (die auf Krücken sich nach Paris aufmacht) mit der Malerin (die bleiben will, weil die Leinwand die Welt ist) führt: «Verzeih mir! Du weisst, ich schreib um mein Leben: / Wie ich dich beneide: Um deine Pinsel und die / Sicherheit, mit der du den Tod riskierst! / Ich, wenn ich schreibe, rätsle an allem / (…) du aber findest nur.»

Der Leser und Betrachter des Buches wird dieses Mehr an Sicherheit tatsächlich bei der Malerin Brenner entdecken. Ihre grossformatigen Bilder halten die Bewegung des Malens als einen körperlichen Akt fest. Wenn nicht Blau und Blautönungen vorherrschen, sind ihre Farbgebungen bunt, ihre Linienführungen kreisend, ihre Sujets meist Frauen in der Verwandlung, als «Schwangere/Gebärdende/Stillende», aber auch als Vogelwesen, zwischen Flug und Sturz, oder musizierende Wesen zwischen Aufschwung und Klage. Eines ihrer kühnsten Gemälde ist wohl das Metamorphosen-Triptychon «Drei Alter». Hier malt sie den Spagat einer nackten Frau, die, geöffnet, als sei ihr Bauch eine einzige Vagina (oder Wunde) zwischen Brüsten, einen Vogel und ein Kind säugt über einem Skelett. Dieses mittlere Bild ist flankiert von der Darstellung des scheuen Mädchens, den Vogel noch stíll an der Seite, und der schließlich selbst zum Vogel mutierten lahmenden Greisin. «Niemand kann fliegen», notiert die Dichterin. Und doch impliziert die Darstellung der Verwandlung ein utopisches Moment, das ins noch nicht Fixierte, ins Offene weist. «Ich schwebe / Und lebe / Noch/» endet das Gedicht «Lebenslauf».

(Angelika Overath, Rezension in: Neue Zürcher Zeitung, 7. Juli 1998, S. 45)