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Kurzbeschreibung

Ich bleibe dabei, die Religion und die Politik muß man über sich ergehen lassen wie das Wetter. Autor das Gute, das Nützliche, das konkrete Werk, das den Mitmenschen ihr Dasein erleichtert, das hängt von dir ganz alleine ab. Nur so kannst du auf dieser Welt was ändern. Nur so, und nicht mit krummen Dingen. Das ist mein Credo.

Die letzten Worte hat Pawel Jemeljanowitsch laut und deutlich in Richtung Lauschohr gesprochen. Und er legt noch ein Schäufelchen nach: Wir haben wenigstens was für die Allgemeinheit getan. Aber wie profitgierige Ungeziefer heutzutage, Leute, wie diese Kerle, die hier dauernd herumstehen, die machen alles nur kaputt …


Rezensionen
Georg Dox:

Korrespondenten werden manchmal aufgefordert, etwas aus dem „wirklichen Leben“ zu erzählen. Was treibt die Leute, die in den Ländern leben aus denen ihr berichtet, eigentlich um? Was regt sie auf, was interessiert sie, wie lebt man so in Moskau? Ich antworte dann meist: Den normalen Menschen geht es schlecht, sie werden krank und sterben. Man macht sich mit groben Antworten keine Freunde, aber das Leben an für sich, die Beschreibung des „wirklichen Lebens“ ist nicht unser Job. Der Roman ist das Genre der Lebenstotalität, nicht das Feature, nicht die Reportage, schon gar nicht der Bericht oder die 30-Sekunden-Meldung. Die Totalität gehört der Literatur.

Man kann aber auch mit halben Sachen glücklich werden. Wir Journalisten haben unsere Biotope, wenn wir uns als Feldforscher verstehen, ich würde aber noch lieber sagen unsere Reviere, wenn wir uns als Jäger begreifen. Sie treten alle auf unsere Lichtung, die Politiker und Künstler, die Wissenschaftler und Sportler, die Täter und die Betroffenen. Unsere Aufgabe ist es nicht, sie zur Strecke zu bringen oder sie zu erledigen, sondern, im Gegenteil, ihnen fair und professionell das Wort zu erteilen. Das Entscheidende aber ist etwas anderes. Sie alle, die von uns darzustellen sind, kommen gewollt oder ungewollt immer mit einer Botschaft. Sie haben ein Problem, ein Programm, ein Talent, einen Rekord. Sie wollen und brauchen die Öffentlichkeit und voila, sie treffen auf uns. Das mag bitter sein, aber so ist es. – Es fehlt auf beiden Seiten die Naivität, es fehlt das Mitleid.

Die kleine Einführung war notwendig, um auf das Buch von Marion Jerschowa zu sprechen zu kommen. Diese zum Roman verbundenen Erzählungen arbeiten mit der Totalität, der Roman ist ein Medium des Mitgefühls und Miterlebens, das Buch stellt sich dem Leben, wie es wirklich ist.

Wie geht so etwas? Man darf die Autorin und die Ich-Erzählerin des Romans nicht durcheinanderbringen. Möglich, dass alles sehr nah am Erlebten bleibt, möglich, dass die Künstlerin hier arrangiert, kürzt, umstellt. Aber das ist nicht nur ihr gutes Recht, es ist ihre professionelle Pflicht. Meist führt uns die Autorin beginnend mit einer allgemeinen Überlegung in wenigen Sätzen hin zu ihrem speziellen Thema und das hat immer mit Russland zu tun.

Einmal riskiert eine freie Übersetzerin eine reale Chance zur Festanstellung, weil sie zwei in Österreich gestrandete Kleinganoven, für die sie auf der Polizei übersetzen musste, noch zu ihrem Schiff bringen will. Dann wieder lotst sie einen russischen Chor durch den Westen. Das ehrliche Engagement der Laienhelfer erzeugt das schönste Chaos. Doch schließlich wird gegessen, gesungen, eingekauft, alle sind gerührt und glücklich und trotzdem steht am Ende eine Österreicherin (nicht die Heldin) vor den Trümmern ihrer Existenz. Darauf folgt die Geschichte eines sowjetischen Künstlers, eines offenbar nicht eben erfolgreichen Sängers, den widrige Umstände über den Erdball treiben. Aber Gott sei Dank gibt es Frauen, die ihn charmant und interessant finden, wenngleich die Chancen mit dieser Luftexistenz glücklich zu werden, gegen Null tendieren. Aber bitte: Der schwermütige Künstler hinterlässt leichte bis mittelschwere Erregungszustände auf allen Kontinenten, was ja weiß Gott nicht jeder von sich behaupten kann. In dem Kapitel, der Kurzerzählung Niemandes Land wechselt die Perspektive und wir erfahren etwas von der Welt einer Russin, die mit den Fakten zu Rande kommen muss, dass ihre Schwiegertochter eine Ausländerin ist, dass eine Reise ins Ausland ansteht, ihr überhaupt dieses kontroverse Thema Ausland in fataler Weise viel zu nahe kommt. Ihr Selbst- und Weltbild gerät ins Wanken. Die Passkontrolle endet mit einem Nervenzusammenbruch. Was eben eindringlich auch daran erinnert, dass sie in einem Land lebt, in dem der Kontakt zu Ausländern zeitweise lebensbedrohlich sein konnte. Für mich ist die kurze Geschichte wichtig, weil wir im Allgemeinen zu wenig bedenken, dass der „Westen“ eben nicht nur unser selbstverständlicher Lebensraum ist, sondern auch Gegenstand eines Traumas sein kann. Kurzum: Falsche Erwartungen, falsche Informationen, falsche Wahrnehmungen allerorts. Ein Thema, bei dem sich die Arbeit der Autorin mit meiner unmittelbar berührt.

Die nächsten beiden Erzählungen verbindet das Schicksal einer Moskauer Wohnung und ihrer Bewohner. Die Fabel ist – wie könnte es bei diesem Thema auch anders sein – reich an Peripetien, die hier unmöglich alle nacherzählt werden können. Nur soviel: Die Heldin kommt, aufgeschreckt durch einen Anruf der Wohnungsnachbarn, nach Moskau, um hier, bei der Durchreise zu einem Urlaubsaufenthalt am Baikalsee, nach ihren Schwiegereltern zu sehen. Sie entdeckt die alten Leute in einem Zustand, der die Heldin zum handeln zwingt. Sie bleibt in Moskau, um dieses Problem zu lösen. Hier brechen sich nun die russischen Realien mit einer Wucht die Bahn, dass dem Leser hoffentlich hören und sehen vergeht. Nun ist sicher richtig, dass Wohnungsübergaben, Testamente und Entmündigungen auch in unseren Breiten Anlass zu unendlichen Qualen und folternden Amtswegen werden können, hier aber wird es beschrieben: Das russische Leben an und für sich. Hier wird gesagt, was die Leute so machen, was sie umtreibt und wie sie so leben. Hier kann man es nachlesen. Die Geschichte, die mit über hundert Seiten den Hauptteil des Romans ausmacht, ist durch den Bezug auf die 850 Jahrfeier der Stadt Moskau im Jahr 1997 zeitlich genau fixiert, doch in den mehr als zehn Jahren, die seither vergangen sind, hat sich, was das anlangt, nur wenig verändert und mutmaßlich wird sich auch in den nächsten hundert Jahren nichts ändern. In der letzten Geschichte, Erzählung, im letzten Kapitel des Romans holt die Heldin dann die Reise zum Baikalsee nach. Auch das ist richtig, weil Geschichten, die in Moskau spielen, sich ohnedies immer vordrängen. So wie diese Stadt sich immer in den Vordergrund spielt, wie eine Schöne, die es für selbstverständlich nimmt, dass die ganze Aufmerksamkeit nur ihr gilt.

Marion Jerschowa ist ja auch Übersetzerin. Ich könnte mir vorstellen, dass sie manchmal richtig verzweifelt: So viel hat sie schon von Russland herübergeholt in die deutsche Sprache und mit ihren Büchern auch in die deutsche Literatur, aber ist das abzuarbeitende Material auf der anderen Seite, dort, jenseits von Scheremetjewo II, deswegen schon weniger geworden? Nein, natürlich nicht. Freuen wir uns nun gemeinsam auf einen Text von Marion Jerschowa!

(Mag. Georg Dox, ORF-Korrespondenz in Moskau)


Anton Hiersche: Von Moskau zum Baikal

Marion Jerschowa, bekannte Schriftstellerin aus Linz, kommt von Russland nicht los. Seit 1990, seit ihrem ersten Roman »Honigland, Bitterland« und den Erzählungen »Wind aus Ost« (beide bei Styria in Graz) kehrt sie immer wieder dorthin zurück. Sie hadert mit dem Land, kritisiert es – und liebt es trotzdem. Man könnte den Gogolschen »Humor unter Tränen« auf sie bezogen mit »Liebe unter Tränen« paraphrasieren. Wobei natürlich auch bei ihr untergründiger Humor allgegenwärtig ist.

Ihr neues Buch erinnert eher an eine Skizzensammlung denn an einen Roman. Das Genre der Skizze (russisch »otscherk») hatte seit je in der russischen Literatur einen hohen Rang. In sieben Kapiteln, von einer Ich-Erzählerin und ihrem Engagement für Russland inhaltlich zusammengehalten, trifft der Leser auf Russen im Ausland in mehr oder weniger skurrilen Situationen, erhält Einblicke in den stockenden Gang der russischen Bürokratie – die unberührt scheint vom Wandel im Gesellschaftsganzen – und erlebt das heutige Moskau, dessen altbekanntes Gesicht stellenweise mit der grellen Schminke des neuen Kapitalismus russischer Machart überdeckt ist und dennoch seine menschlichen, liebenswerten Züge bewahrt hat. Nach vielen Irrungen und Wirrungen entführt uns die Erzählerin aus der Hektik Moskaus nach Sibirien, um endlich IHN zu erblicken – den herrlichen Baikal!

Die Titelgeschichte, in der es um das Testament eines alten Moskauer Ehepaares geht – es möchte seine Eigentumswohnung der österreichischen Schwiegertochter überschreiben – bildet einen Kern, um den sich mehrere Skizzen gruppieren und eine kleine Romanhandlung in Gang bringen. Die Erzählerin bietet in einprägsamen Bildern eine Innenansicht des Alltags einfacher Russen in den neunziger Jahren des vergangenen und im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts. Wir erleben in ausführlichen, fast nervenaufreibenden Schilderungen die schon erwähnte Bürokratie, aber auch das Engagement einer Architektin bei der Rekonstruktion eines verfallenen Klosters, die Schwierigkeiten beim Arrangement mit den Gegebenheiten der postsowjetischen Ära, natürlich auch das Sehnen nach der alten Zeit, was das Monster des blutigen Georgiers nicht ausspart. Auch die neue russische Kapitalistenschicht grinst uns für Momente an.

Höhepunkt ist das Sibirienkapitel, auf das die Erzählerin schon seit dem ersten Drittel des Buches hinsteuert. »Sibirien, endlich« – da wird Neugier auf wunderbare Weise befriedigt. Man weiß von Touristen, die nach dem Erlebnis Baikal am liebsten dort geblieben wären. Nach drei Tagen schon ist die Erzählerin dem sibirischen Charme erlegen: »Alles erscheint hier in milderem Licht.« Sie lernt ein anderes Russland kennen, »ein in sich ruhendes, stilles Land«, das seine Seele bewahrt hat. Die Menschen haben es schwer, doch: »Lächelnd demonstrieren sie die Leichtigkeit des Seins in den Zeiten allrussischer Ratlosigkeit.«

Die resignativ-bittere Aufforderung »Vergiß Russland«, scheint oft plausibel begründet, doch nicht weniger schlüssig ist der Zusatz »nicht«. Die vielen ins Bild gesetzten Menschen mit ihren Sorgen, mit ihrer Kraft und ihrem Können, ihrer Großherzigkeit und Güte lassen die Klammer Kapitel für Kapitel verblassen, Sibirien und der Baikal eliminieren sie endgültig: Dieses Land vergisst man nicht. Solche Botschaft aus dem Osten, wie sie uns Marion Jerschowa übermittelt, liest man gern.

(Anton Hiersche, Rezension in: Neues Deutschland, 18.6.2009)