Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Fotos von Klaus Costadedoi


See, Nussbaum, Bootshütte – einen Sommer lang bezieht Hans Eichhorn jeden Morgen den selben Beobachtungsposten. Entstanden ist dabei ein Band mit über hundert Gedichten. Die dahockende Schlossfassade eine lauernde Spinne. Die Schafe grasen. Feuerzungen, besser Augustlicht, das die Morgentaufe zelebriert. Der Frühstückstisch ist gedeckt. Die Finger wickeln die Buchstaben um den Arm. Mücken? Fast keine, Wespen? schlabbern am Orangenbaumnektar, eine Heuschrecke sitzt auf der Balkonfliese. Glitzerfäden von den Blumenköpfen weg bis unter das Dach. Licht an! Sommerkulisse im Rundblick. Die Farben zittern. Wahnwitz Wein kocht Augen und Ohren gar. Leise dümpelt der See. Der Radfahrer schneuzt sich. Das Wörterbuch ist aufgeschlagen. Die Krähen startbereit.


[…]


Rezensionen
Walter Wagner: Rauschende Lyrik

Irgendwie zieht es ihn immer wieder hin zum Attersee, jener lang gestreckten Wasserfläche im südwestlichen Oberösterreich, wo der Dichter seinem Brotberuf, der Fischerei, nachgeht und sich dabei vom Ambiente des Alpensees inspirieren lässt. 1995 erscheint sein erstes Atterseebuch, eine Prosaschrift mit dem Titel Höllengebirge; 2002 widmet er sich in dem Bildband die umgehung - Attersee-Tour abermals dem vertrauten Gewässer. 2004 tritt er mit morgenoper. SommerSee Gedichte, einer weiteren "See-Arbeit", hervor, die sich aus Eichhorn'scher Lyrik und Fotografien von Klaus Costadedoi zusammensetzt.

Die fragliche Textsammlung verweist zunächst und vor allem auf eine konkrete Szenerie, deren Rahmen die Felsen des Höllengebirges, die wechselnden Farben des Wassers und der darüber gespannte Morgenhimmel bilden. Vor dieser Kulisse entstehen Eichhorns Verse, die von der Poesie der Fischerei, eines nicht nur hierzulande aussterbenden Gewerbes, künden. Sie beschwören Verrichtungen und Handgriffe, meditative Akte der Wiederholung, aus denen das Schauen und Denken wie von selbst hervorgeht. Sie vermitteln eine Ahnung von einer Epoche, die weit hinter unserer vernetzten Gegenwart liegt, und rufen uns in Erinnerung, dass Arbeit mehr als ein bloßes Mittel zur Geldbeschaffung bedeuten kann.

Zur Entfaltung seiner Kunst zieht Eichhorn gar manches Register des lyrischen Genres: anmutige Alliterationen wechseln mit ungewöhnlichen Metaphern, wild wuchernden Komposita und Wortspielen. Die Sprache hat sich der dichterischen Vision zu unterwerfen, dem verschlafenen Morgenblick, der niemals unschuldig die Umgebung abtastet: "Das Gehirn ein/Karpfenmaul, das mit/der Nahrung spielt."

Dichtung, will dieses Zitat sagen, liegt mehr als das libidinöse Verlangen nach Schönheit und Verschmelzung zugrunde, sondern auch Gefräßigkeit, d. h. eine Form eigensüchtiger Weltaneignung. Das von Eichhorn abgesteckte Terrain mag zwar bisweilen hermetisch anmuten, in seinem Mittelpunkt steht indessen allemal die Hinwendung zum ländlichen Idyll, das - wie sollte es im Jahr 2004 anders sein - freilich von der Außenwelt gestört wird. Da fragt etwa einer besorgt: "Was ist aus uns geworden?" Und an anderer Stelle heißt es: "Die Weltnachrichten liefern/die Toten frei Haus."

Nichtsdestotrotz feiert morgenoper das ländliche Ambiente zu Wasser und auf dem Lande. Der Wind, der Seegang, die Obstgärten, der Bäcker und das Glockengeläute gehören ebenso dazu wie die Radfahrer und Krähen. Was dem Wortfischer ins sommerliche Netz geht, fügt sich wie Bausteine ins harmonische Ganze eines poetischen Mikrokosmos, der sich souverän über Trivialität und Klischeehaftigkeit hinwegsetzt. Nur dem Künstler gelingt es, den Geist einer Bilderbuchlandschaft einzufangen, die touristische Schnappschüsse zu banalisieren: "Schnell/wird der Fotoapparat/gezückt und abgedrückt./Zugenagelt den Idyllensarg." Nur dem Dichter ist es möglich, das Sakrale im Beiläufigen zu erkennen: "Wo sind die/Badetücher? Die sind im Kasten. In/welchem? In diesem natürlich."

Luzide und pointiert destilliert Eichhorn seine lyrischen Morgengaben aus dem Atterseewasser, fängt er den bezaubernden Duft des Sommers ein, dessen Erlöschen sich mählich ankündigt, als ob Poesie ohne Vergänglichkeit nicht sein könnte. Wenn der Fischer und Poet also die Endlichkeit jeglichen Zustands und Tuns andeutet, dann klingt dies so: "So schaut dich/das Fischerboot an,/so werden die Netze/herausgezogen und/durch die Maschen/fährt die Luft,/fährt die Schreibhand/als zappelnder Fisch/als schillernde Luftblase,/bis nichts mehr fährt,/zappelt, schillert,/bis das Bis erledigt ist."

Lesen wir morgenoper, dann begreifen wir, dass Rilkes Herbst nicht das letzte Wort hat. Eichhorn, der Erneuerer, lässt es auch heute noch überzeugend herbsteln und sei es nur, um lapidar festzuhalten: "Ausgehorcht, Blick- und Tonernte/eingebracht, dem zerzausten Nußbaum/seinen Trotz gedankt. Wir sind im Süden."

Der Attersee hat seinen Klimt und seinen Eichhorn, den Regen und die ausbleibenden Touristen. Des einen Bilder haben sich längst dem kulturellen Bewusstsein kunstbeflissener Zeitgenossen eingeprägt, des andern Gedichte sind lediglich Insidern bekannt, deren Zahl indes stetig wächst.

Dieser Umstand verdankt sich sicherlich auch der Tatsache, dass der Dichter mit regelmäßigen Erscheinungen auf sich aufmerksam macht. Eichhorns neuester Band trägt den kryptischen Titel Unterwegs zu glücklichen Schweinen und sucht im Gegensatz zur morgenoper nicht mehr die Landschaft nach idyllischen Momenten ab, sondern begnügt sich mit der Feststellung des Alltäglichen. Das häusliche Innenleben, die Straße, eine nahe gelegene Baustelle sowie Orte aus dem Umland des Attersees geben die topografische Folie ab, auf welcher der Autor seine Sprachkunst erprobt. Vornehmlich auf triviale Verrichtungen und austauschbare, weil beliebige Gegenstände heftet sich dabei sein Blick. Wo keine Geschichten zu erzählen sind und sich Dinge stumm dem Namenlosen preisgeben, setzt Eichhorn seinen lyrischen Hebel an, um der Ästhetik zu unverhofften Sternstunden zu verhelfen. Wenn im "Augustlicht", wie es im Gedicht DER SCHWAN heißt, die üblichen Seeversatzstücke wie "Bootshäuser", "Obst" und "Möwen" die Szenerie ausstaffieren, dann sehen wir lesend mit dem Dichter, was wir vorher so noch nie wahrgenommen haben: "Ausgeleert die Berge, umgefüllt/das Wasser."

Metaphorische Blitzlichter, wie das eben zitierte, wechseln in Eichhorns Versen mit nüchternem, nachgerade Stifter'schem Zeigen und Benennen. Der Beobachter scheint sich mit dem Da- und Sosein der Dinge zufrieden zu geben, als ob keinerlei metaphysische Fragen zu stellen wären. Bestimmter Artikel und Nomen leiten die Hauptsätze ein, die wie Perlen auf einer Gedichtkette aufgefädelt werden. Mitunter wird die beschriebene syntaktische Anordnung durchbrochen, um Anreden oder Aufforderungen auszusprechen. Dann wird der Leser plötzlich in das verwirrend originelle Spiel aus Wahrnehmungen und Assoziationen einbezogen, um Rede und Antwort zu stehen: "Du hast noch fünf Sekunden, sagt das/Kind. Mit Zisch- und Ächzlaut überquert der Zug/die Brücke.

U, was ist das für ein Buchstabe?/Der Holzzug nimmt jetzt die Unterführung./11, 12, 13, 14, zählt das Kind, stockt dann. Wo war/ich? Was kommt nach 39? Es hat zu regnen aufgehört."

Wer Eichhorns Bilder bis ins Detail zu verstehen sucht, wird lesend Schiffbruch erleiden, denn es handelt bei dieser Lyrik um surreale Kompositionen, die unser gewohntes Sprachverständnis auf den Kopf stellen. Signifikanten lösen sich zusehends von ihren Signifikaten oder, um es anders zu sagen: der Zusammenhang zwischen Wort und Welt klafft auseinander und eröffnet eine Dimension der Selbstbezüglichkeit, wie sie unter den Künsten nur die Musik hervorzubringen vermag. Im Zerrspiegel derartiger lyrischer Auf- und Umbrüche erleben wir das karnevaleske Treiben einer vom Mittel zum Zweck mutierten Ausdrucksform, die mit Staunen erfüllt: "DEM ZIMMER DIE HAUT ABZIEHEN,/ein Schweinsbeutel, gefüllt mit Hand und/Buchstaben und Kniekehlen und dem hinge-/lümmelten Bett, das sich in den Träumen/wälzt."

Die "Baustelle" als Leitmotiv unterstreicht Eichhorns Ringen um eine Sprache, die fast gänzlich auf Wortschöpfungen verzichtet, um aus dem vorhandenen Material bestrickende Versgebilde zu schaffen. Statt zu beschaulichen Streifzügen am Atterseeufer lädt der Autor nunmehr ein zu Rundgängen in seiner Werkstatt, wo sich das mühsame Geschäft der Dichtung abspielt: "Wer, wenn nicht der Satz,/streift den Slip ab, legt sich ins Seeufermauer-/bett und grüßt? Die gelben Rosen tuscheln." Bravo, Hans Eichhorn! müssten wir sagen, wären wir nicht sprachlos angesichts der explosiven Gewalt dieser Bilder, die den schöpferischen Akt unentwegt thematisieren und beäugen: "DA MUSST DU DURCH,/und es hätte heißen müssen,/ich weiß keinen Satz, du gibst/mir die gebrochene Hand, und ich/weiß keinen Satz, das Wissen ist/ein Zementwerk, die Häuser stehen/stramm in der Landschaft, die Natur/kriecht in die Häuser, macht sie/mürbe, aber es hätte heißen müssen,/ich weiß keinen Satz."

Unterwegs zu glücklichen Schweinen verweigert sich dem für die Lyrik typischen melancholischen Gestus der Vergänglichkeit und der Rückwärtsgewandtheit. Stattdessen zieht es Eichhorn vor, sich am Bestehenden, Vorhanden abzuarbeiten, und fordert kühn auf: "[…] Hol den Traum ein und seil dich/ab, bis es rauscht."

Ja, es rauscht. In den Ohren, in den Augen, in der Mundhöhle, wenn man so sagen darf. Oder so sagen dürfte wie Hans Eichhorn, der mit seiner jüngsten Publikation aufhorchen lässt.

(Walter Wagner, Rezension in: Literatur und Kritik, [?])


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=39974&rezid=24340